Ärzte Zeitung, 15.01.2016

Dengue-Fieber

Impfstoff gibt Hoffnung

Erstmals gibt es jetzt einen Impfstoff gegen Dengue-Fieber. Die Vakzine bietet einen Schutz von 60 Prozent gegen Erkrankung und ist für Menschen in Endemieländern konzipiert. Auf Reisen bleibt der Schutz vor Überträgermücken wichtig.

Von Wolfgang Geissel

Impfstoff gibt Hoffnung

Aedes aegypti nach einer Blutmahlzeit: die Überträgermücke für Dengue-Viren.

© CDC / Prof. Frank Hadley Collins

Dengue-Fieber ist nach WHO-Angaben die Mücken-übertragene Infektion mit den am schnellsten wachsenden Krankheitszahlen. Die Inzidenz wird auf weltweit 390 Millionen Fälle pro Jahr geschätzt, wobei etwa jeder vierte Betroffene medizinisch behandelt werden muss und etwa 12.500 der Patienten an den Folgen der Infektion sterben.

Faktoren wie Urbanisierung, Reisen und Warentransporte zwischen Kontinenten sowie Klima-Veränderungen begünstigen die Verbreitung der Erreger und ihrer Überträgermücken. Ein perfekter Sturm zur Ausbreitung des Fiebers hat sich so in den vergangenen Jahrzehnten zusammengebraut. Die Folge: Binnen 50 Jahren hat sich die Erkrankung von einer Handvoll Ländern in inzwischen 128 Staaten in Asien, Afrika und Lateinamerika mit etwa 3,9 Milliarden Einwohnern ausgebreitet.

Die Inzidenz ist in dieser Zeit um etwa das 30-fache gestiegen.

Jetzt gibt es Hoffnung: Erstmals kommt ein Impfstoff gegen Dengue-Fieber auf den Markt. Die Vakzine Dengvaxia® (CYD-TDV) von Sanofi Pasteur wurde im Dezember in Mexiko, auf den Philippinen und in Brasilien zugelassen (wir berichteten). Dort wird der Schutz sehnsüchtig erwartet, denn Lateinamerika und Ostasien hat es in den vergangenen Jahren besonders hart getroffen.

Der rekombinant hergestellte tetravalente Impfstoff ist für Menschen im Alter von 9 bis 45 Jahre in Endemiegebieten zugelassen. Drei Dosen im Abstand von sechs Monaten sind notwendig.

Riesiger Bedarf an Impfschutz

Der neue Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Viren wurde in Studien mit über 40.000 Probanden weltweit in Endemieländern geprüft. In einer Studie mit knapp 21.000 Probanden im Alter von 9- bis 16 Jahre ließen sich damit gut 60 Prozent der Erkrankungen durch alle vier Dengue-Serotypen verhindern (NEJM 2015; 372: 113). Der Schutz gegen die einzelnen Serotypen variierte dabei von 42 bis 78 Prozent.

Die Schutzwirkung gegen schwere Erkrankungen betrug 90 Prozent. In der Verumgruppe gab es zudem 80 Prozent weniger Klinikaufenthalte wegen Dengue-Fieber. Würde der Impfstoff in Endemiegebieten breit angewendet, ließen sich damit binnen fünf Jahren unter optimalen Bedingungen 50 Prozent der Todesfälle und 25 Prozent der Erkrankungen verhindern, berichtet der Hersteller über eine Modellrechnung.

Dabei wurde in den zehn Prüfländern eine Impfrate von 20 Prozent in der Bevölkerung zugrunde gelegt. Der Bedarf an Impfstoff hierzu wäre enorm. Sanofi Pasteur gibt an, 100 Millionen Dosen jährlich produzieren zu können.

Entwicklung hat 20 Jahre gedauert

Die Entwicklung des Impfstoffs hat nach Herstellerangaben mehr als 20 Jahre gedauert. Besonders die Situation mit weltweit vier verschiedenen Dengue-Serotypen hat den Prozess verkompliziert. Denn die Infektion mit einem Serotyp führt zwar zu einem langjährigen Schutz gegen diesen speziellen Typ, Sekundärinfektionen mit anderen Serotypen werden aber nicht verhindert.

Schlimmer noch: Bei solchen Sekundärinfektionen ist das Risiko für potenziell tödliche Erkrankungen wie hämorrhagisches Fieber oder Dengue-Schock-Syndrom erhöht. Der Fokus der Entwicklung liegt daher auf tetravalenten Vakzinen, die einen Langzeitschutz gegen alle vier Serotypen induzieren.

Erschwert wird die Entwicklung dadurch, dass ein Tiermodell für die Krankheit fehlt. Trotzdem gibt es bemerkenswerte Fortschritte. Weitere Impfstoff-Kandidaten mit unterschiedlichen Wirkprinzipien sind nach WHO-Angaben in unterschiedlichen Stadien der klinischen Entwicklung. Die Organisation zählt fünf weitere Kandidaten auf, darunter Lebendimpfstoffe sowie Subunit-, DNA- und hochgereinigte Ganzkeim-Totimpfstoffe.

Weitere Kandidaten werden in präklinischen Studien getestet, mit Virus-Vektoren oder auch mit Virus-like particles (VLP) ohne virale Nukleinsäuren.

Kein Präparat für die Reisemedizin

Solche zusätzlichen Vakzinen werden wegen der großen weltweiten Verbreitung von Dengue-Fieber, fehlenden spezifischen Medikamenten und der nur moderaten Wirksamkeit des ersten Impfstoffs dringend gebraucht. Bisher gibt es zudem noch kein Präparat für die Reisemedizin.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 683 Erkrankungen mit Dengue-Fieber beim Robert Koch-Institut registriert. Die meisten dieser Fälle werden aus Thailand importiert. Reisenden in Endemiegebiete müssen weiter vor allem Maßnahmen gegen die tagaktiven Aedes-Mücken eingeschärft werden. Denn außer Dengue drohen weitere Krankheiten mit Chikungunya- und Zika-Viren.

Zu empfehlen sind körperbedeckende Kleidung und Mückenschutzmittel mit dem Wirkstoff DEET in einer Konzentration von über 30 Prozent.

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