Ärzte Zeitung, 14.01.2005

HINTERGRUND

Bei einer Grippe-Pandemie sind Hausärzte die wichtigsten Akteure

Von Philipp Grätzel von Grätz

Rein statistisch gesehen ist sie überfällig: Im Mittel lagen in den vergangenen Jahrhunderten etwa 30 Jahre zwischen den Grippe-Pandemien. Die letzte ist 37 Jahre her. 1968 starben an der Hongkong-Grippe etwa eine Million Menschen. "Das Risiko einer neuen Pandemie war seither noch nie so groß wie im Moment", sagt der Leiter des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Reinhard Kurth.

Der Grund: Die von dem neuen Grippevirus-Subtyp H5N1 verursachte, südostasiatische Vogelgrippe breitet sich rasch aus. Das Virus kann auf Menschen übertragen werden und ist dann bei 50 Prozent tödlich. Daß es bis jetzt bei nur wenigen Infektionen geblieben ist, liegt daran, daß bei dem Subtyp die Infektiosität zwischen Menschen gering ist. Trotzdem sah sich die WHO bereits 1999 und erneut 2003 veranlaßt, allen Staaten die Ausarbeitung eines Nationalen Influenza-Pandemie-Plans ans Herz zu legen. Die deutsche Gesundheitsministerkonferenz hat 2001 reagiert und das RKI gebeten, mit den Ländern und Kommunen einen Plan auszuarbeiten, der jetzt, wie gemeldet, vorgelegt wurde.

Dem Plan liegen unterschiedliche Hochrechungen zugrunde, die unter anderem auf den Erfahrungen mit der Hong-Kong-Grippe basieren: Bei einer Erkrankungsrate von 15 Prozent wird in Deutschland mit etwa 48 000 Toten und 180 000 Hospitalisierungen gerechnet. Als "worst case"-Szenario wird eine Erkrankungsrate von 50 Prozent angenommen, mit dann über 160 000 Toten und knapp 600 000 Hospitalisierungen innerhalb weniger Wochen.

Diese Zahlen machen klar, daß ein Gesundheitswesen bei einer Grippe-Pandemie innerhalb kürzester Zeit die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erreicht. Im Pandemieplan wird deswegen klar das Primat der hausärztlichen Versorgung betont: "Im Pandemiefall sollten Erkrankte möglichst lange ambulant behandelt werden, um die Klinikbetten für die wirklich Schwerstkranken vorzuhalten", so Kurth über einen der Grundgedanken des Plans. Auch eine sehr frühzeitige Rückübernahme von genesenden Patienten aus der stationären Behandlung ist erforderlich.

Umgesetzt werden muß dieses Konzept wie alle anderen Bestandteile des Pandemieplans aufgrund der föderalen Strukturen auf Landesebene. Das RKI-Konzept regt dazu an, regionale Kooperationen zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten zu gründen, um Pläne für die Versorgung der Patienten im Ernstfall zu erarbeiten. Ärzte sollten sich bereits jetzt Gedanken darüber machen, wo sie im Fall der Fälle in der Praxis einen zusätzlichen, temporären Wartebereich für Patienten mit Verdacht auf Grippe einrichten können. Weitere konkrete Empfehlungen für die regionale Umsetzung des Pandemieplans wird der letzte Teil des Dokuments enthalten, der im Sommer vorgelegt werden soll.

Ein weiterer tragender Pfeiler des Pandemieplans sind, wie berichtet, Maßnahmen zur Surveillance. Ganz entscheidend für die Kontrollierbarkeit einer künftigen Pandemie ist aber vor allem die Frage, ob beim Ausbruch bereits ein Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Weil es sich bei H5N1 (per Definition) um einen für Menschen neuen Influenzasubtyp handelt, greift das für die saisonale Grippeimpfung übliche, beschleunigte Zulassungsverfahren - es benötigt nur 73 Tage - bei dem Pandemievirus nicht. Kurth: "Wir müssen deswegen bereits jetzt dringend in die Impfstoffentwicklung einsteigen."

Das freilich ist problematisch, weil die weltweit neun Unternehmen, die entsprechende Impfstoffe herstellen, das geschätzte 100 Millionen Euro teure Entwicklungsprogramm nicht auf Verdacht lostreten wollen.

Wer es ernst meint mit der Prävention, müßte also H5N1-Impfstoff auf Verdacht bestellen, auch auf die Gefahr einer Fehlinvestition hin. Die US-Regierung und einige andere Regierungen finanzieren bereits indirekt ein Entwicklungsprogramm. Kurth plädiert eindringlich dafür, daß auch Deutschland Verhandlungen beginnt, um im Ernstfall ein auch moralisches Anrecht auf zumindest jene 17 Millionen Dosierungen zu haben, die in Deutschland jährlich verimpft werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »

Frühe ART wirkt protektiv

Die frühe antiretrovirale Therapie (ART) schützt HIV-Patienten vor schweren bakteriellen Infektionen. mehr »