Ärzte Zeitung, 06.10.2005

IM GESPRÄCH

Einer der gefährlichsten Erreger gibt seine Geheimnisse preis

Von Thomas Müller

Einer der gefährlichsten Krankheitserreger des vergangenen Jahrhunderts ist im Labor wieder auferstanden: Das Pandemie-Virus von 1918 ist komplett rekonstruiert worden. Damit ist die Jagd nach dem Erreger einer der größten Epidemien in der Menschheitsgeschichte zu Ende - ein Verdienst vor allem des US-Pathologen Dr. Jeffery Taubenberger.

Taubenberger hatte sich in den 90er Jahren das ehrgeizige Ziel gesetzt, den gefährlichen Grippe-Erreger aus Gewebeproben zu rekonstruieren, die damals von Grippeopfern konserviert worden waren. Die Proben stammen von zum Teil von Lungengewebe, das von Grippeopfern in Formalin fixiert worden war, zum Teil von einem Menschen, der in Alaska an der Krankheit starb und den der Permafrost gut konserviert hatte.

    H5N1 zeigt ähnliche Veränderungen wie das Pandemie-Virus von 1918.
   

In jahrelanger Arbeit gelang es Taubenberger schließlich, genügend intakte Genfragmente aus den fast 90 Jahre alten Proben zu isolieren, um die komplette Sequenz der acht viralen Gene des Pandemievirus zu entschlüsseln. Die Sequenz der letzten drei Gene wird heute in der Zeitschrift "Nature" (437, 2005, 889) veröffentlicht.

Taubenberger trieb vor allem die Frage, woher das Virus von 1918 kam und weshalb es so lethal war. Antworten auf diese Fragen könnten helfen, ein neues Pandemievirus frühzeitig zu erkennen und sich besser auf eine Epidemie vorzubereiten, berichtete der Pathologe in einem Statement zu dem "Natur"-Artikel.

Einige Antworten kann Taubenberger schon geben. So stammt das Pandemie-Virus von 1918 offenbar komplett von einem H1N1-Vogelgrippevirus, das sich langsam an Menschen angepaßt hat. Das legen Sequenzvergleiche mit Vogelgrippe-Viren nahe. Da das Virus somit völlig neu für das menschliche Immunsystem war, könnte dies zum Teil die hohe Sterberate erklären.

Beim Virus von 1918 fanden sich in einigen Genen Veränderungen, die es von anderen Vogelgrippeviren unterscheiden, und die, so der Forscher, für die Anpassung an Menschen nötig sein könnten. Fast die selben Veränderungen werden beim derzeit kursierenden Vogelgrippe-Virus H5N1 beobachtet - ein Befund, der Virologen beunruhigen dürfte.

Welche Gene und Eigenschaften genau die hohe Virulenz des Virus von 1918 verursachten, sollen nun Tier- und Zellkulturversuche mit dem rekonstruierten Virus klären. Nachdem Taubenberger das Erbgut des Virus entschlüsselt hatte, synthetisierten andere Forscher das Virus anhand der Daten neu.

Klar ist bereits: Alle acht Gene bewirken zusammen die hohe Virulenz. Wird eines der Gene durch ein entsprechendes Gen von einem verwandten Virus ersetzt, ist das Pandemievirus deutlich weniger pathogen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Jurassic Park der Virologen

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