Ärzte Zeitung, 22.09.2011

Hintergrund

Frankfurter Erfolgsmodell: Mundschutz oder Nadel

Die Grippe-Impfraten beim Personal der Frankfurter Uniklinik sind doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Im Hintergrund steckt ein ganzer Strauß an Maßnahmen.

Von Thomas Meißner

Die Influenza-Impfung sollte in der Klinik so selbstverständlich sein wie Händedesinfektion

Privatdozentin Sabine Wicker: Die Impfung kommt zu den Mitarbeitern.

© BzGA

Die Influenza-Impfraten unter medizinischem Personal in Kliniken liegen seit Jahren unter 20 Prozent.

Warum sind sie eigentlich so niedrig, wenn doch sonnenklar ist, dass ungeimpfte Ärzte und Pflegekräfte zwangsläufig nicht nur besonders gefährdet sind, sondern selbst maßgeblich zur Übertragung der Viren beitragen?

Eine mögliche Antwort: Das sind eben auch nur Menschen, die zuallererst fragen: "Was bringt mir das?"

Im Internet kann man eine Kampagne der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) von vor fast zehn Jahren finden mit dem Slogan "Dreifacher Schutz durch eine Impfung: Schutz Ihrer Patienten und Senioren, Schutz Ihrer Familie und Freunde, Ihr persönlicher Schutz."

Zwei der drei Argumente beschäftigten sich also mit persönlichen Vorteilen. Genützt hat jedoch auch dies kaum. Als Gründe, sich nicht gegen Grippe impfen zu lassen, werden oft angegeben: keine Zeit, vergessen, Krankenhaus hat's mir nicht angeboten.

Jeder Vierte in der Klinik infiziert sich im Winter

In einer gewöhnlichen Grippesaison infizieren sich bis zu einem Viertel des medizinischen Personals mit Influenzaviren. Im Vergleich dazu liegt die Infektionsrate in der Gesamtbevölkerung zwischen 5 und 15 Prozent, so der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI). Vom infizierten Personal können sich fast 60 Prozent nicht an den Ablauf einer serologisch nachgewiesenen Grippe erinnern. Die Viren werden also oft unwissentlich weitergegeben: eine Gefahr für Patienten.

Auch ein Grund: "Influenza-Impfung kann Grippe verursachen". Und ein Viertel der Befragten sagt, die Impfung sei "nicht notwendig"!

Projekt begann Anfang 2009

Um Abhilfe zu schaffen, war man da an der Uniklinik in Frankfurt am Main besonders kreativ. Dort war Anfang Januar 2009 allen Beschäftigten ohne Impfung und mit direktem Patientenkontakt vorgeschrieben worden, dass sie während der Arbeit einen Mundschutz tragen müssen.

Die Impfquote stieg binnen zehn Tagen von schon vergleichsweise guten 33 auf 52 Prozent, bei den Ärzten von 49 auf 95 Prozent.

"Die intensive Wahrnehmung des Problems durch das Tragen des Mundschutzes mag geholfen haben, dass das medizinische Personal erneut über den Sinn einer Impfung nachgedacht hat", schrieb Privatdozentin Sabine Wicker vom betriebsärztlichen Dienst des Klinikums in "Vaccine" (2009, 27: 2631) über den sanft ausgeübten Druck.

Schnell und unkompliziert

Dass an der Frankfurter Klinik die Impfraten seit Jahren doppelt so hoch sind wie im Bundesdurchschnitt, ist freilich auf einen ganzen Maßnahmenmix zurückzuführen. "Die Impfung kommt zu den Mitarbeitern", sagt sie.

"Wir impfen in den Funktionsbereichen, im OP, auf den Intensivstationen, in der Kantine." Schnell und unkompliziert muss es gehen. Influenza-Impfung soll so selbstverständlich sein wie Händedesinfektion.

Und es braucht auch Vertrauen in die Maßnahmen. Dazu gehört natürlich doch immer wieder, sich aktiv mit Argumenten der Zauderer und Impfgegner auseinanderzusetzen.

"Grippeimpfung ist sicher und gut verträglich"

"Während Ärzte oft nicht von der Effektivität der Influenzaimpfung überzeugt sind, befürchten die Mitarbeiter des Pflegepersonals etwaige Nebenwirkungen", so Wickers Erfahrung.

Sie sagt: "Wissenschaftliche Daten belegen eine Effektivität der Influenzaimpfung von 70 bis 90 Prozent bei immungesunden Erwachsenen. Internationale Daten und die jahrzehntelange Erfahrung mit vielen Millionen verimpfter Dosen zeigen, dass die Grippeimpfung sicher und gut verträglich ist!"

Anderswo kämpft man mit ähnlichen Problemen. In Großbritannien waren in der Saison 2010/2011 ein gutes Drittel des medizinischen Personals gegen Influenza geimpft, in der Saison davor nur 25 Prozent.

Impfpflicht in US-Kliniken

Der National Health Service (NHS) hat für die kommende Saison eine Impfkampagne angekündigt. In den USA geht man da pragmatischer und härter vor. Dort sind verpflichtende Influenza-Impfprogramme in Kliniken und Institutionen implementiert worden.

Berichtet wird dort über Impfquoten von jeweils 98 Prozent. "Zahlreiche amerikanische Organisationen und Fachgesellschaften fordern mittlerweile eine Influenza-Impfpflicht für medizinische Beschäftigte", berichtet Wicker.

Für Deutschland kann sie sich das aber offenbar nicht als Option vorstellen. Hierzulande, fordert Wicker, müssten konkrete Impfziele definiert, strukturelle Defizite und Hindernisse abgebaut sowie Impfempfehlungen evidenzbasiert begründet und evaluiert werden.

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