Ärzte Zeitung, 15.12.2011

Cholesterinsenker als Grippemittel?

Wer ein Statin einnimmt, senkt dadurch nicht nur sein Cholesterin, sondern auch die Gefahr, an den Folgen von Influenza zu sterben. Das zeigen neue Studiendaten aus den USA.

Cholesterinsenker als Grippemittel?

Älteren Patienten könnten Statine einen zusätzlichen Schutz bei Influenza bieten, fanden Studien heraus.

© Yuri Arcurs / shutterstock.com

PORTLAND (BS/eis). Außer der jährlichen Impfung sowie Neuraminidasehemmern könnte die Therapie mit einem Statin zusätzlichen Schutz bei Influenza bieten. In einer retrospektiven Studie hatten Statinanwender, die wegen Influenza stationär behandelt wurden, eine deutlich reduzierte 30-Tage-Mortalität.

Analysiert wurden Influenza-Daten aus den USA (J Infect Dis, online December 13, 2011). In der Grippesaison 2007/2008 waren 3043 stationär aufgenommene Patienten mit nachgewiesener Influenza registriert worden.

Die vorwiegend älteren Patienten (im Median 70 Jahre) waren zu über 50 Prozent gegen Grippe geimpft gewesen. 151 Patienten starben binnen 30 Tagen nach dem Influenzatest. Ein Drittel aller Patienten nahm ein Statin ein.

Die Statinpatienten waren im Schnitt älter und häufiger gegen Grippe geimpft und litten öfter an Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechsels, der Nieren und der Lungen. Wenn diese Unterschiede berücksichtigt wurden, errechnete sich für die Statinanwender eine um 41 Prozent geringere Mortalität.

Liegt es an den antiinflammatorischen Eigenschaften der Statine?

Die Untersuchung ist bereits die dritte von vier Studien, die eine Statintherapie mit einer geringeren Influenzamortalität in Zusammenhang bringt. Bei Sepsis und ambulant erworbener Pneumonie sind ebenfalls positive Effekte einer Statintherapie beschrieben.

Es wird vermutet, dass die Wirkungen auf die antiinflammatorischen und immunmodulatorischen Eigenschaften der Statine zurückgehen.

Die Ergebnisse müssten aber erst durch kontrollierte Studien bestätigt werden, bevor Statine zur Influenzatherapie empfohlen werden könnten, so die Studienautoren.

[16.12.2011, 16:03:46]
Dr. Manfred Stapff 
Gefährliche Verführung zum Off Label Use
Außer den bereits genannten statistischen Problemen (dia man ja vielleicht noch als hypthesengenerierend hinnehmen könnte) wirft diese Untersuchung eine weitere Frage auf, die im Artikel hätte erwähnt werden sollen: Wie würde man denn die allgemeinen Muskelschmerzen als Begleitsymptome der Influenza von den potentiell gefährlichen Nebenwirkungen der Statine differenzieren? Ein Satz wie "könnte die Therapie mit einem Statin zusätzlichen Schutz bei Influenza bieten" ist da schon eine sehr vorschnelle Versuchung zum Off Label Use ohne sorgfältige Nutzen - Risiko Abwägung. zum Beitrag »
[15.12.2011, 18:58:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Retrospektiver Rohrkrepierer?
In dieser retrospektiven Studie steckt ein "bias", wie der Teufel im Detail. Einzelheiten frei unter
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2011-12/idso-smr121211.php abrufbar.

Nämlich die unreflektierte Annahme, dass Patienten, die gesundheitsbewusst und diszipliniert Statine zur Cholesterinsenkung einnehmen, in punkto Influenza-Prävention und -Therapie gleich
"schlampert" wie ihre Altersgenossen sein könnten, denen Cholesterinspiegel und kardiovaskuläres Risiko egal sind.

Aber weit gefehlt: Selbst die im Schnitt älteren Statin-Patienten waren häufiger gegen Grippe geimpft und taten aktiv etwas gegen ihr vorhandenes kardiovaskuläres Risiko. Geschickt haben die Studienautoren die Risikoerhöhung gegenüber der Nicht-Statin-Gruppe herausgerechnet, und, siehe da, die Mortalität war verblüffender Weise um 41 % geringer. David Copperfield hätte nicht besser "zaubern" können.

Fazit: Wer regelmäßig täglich Äpfel ist, „impft“ sich manchmal auch mit einer Birne! Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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