Ärzte Zeitung, 04.10.2013

Leitartikel zur Grippeschutzimpfung

Kinder impfen, um Alte zu schützen?

Die Briten wollen künftig alle Kinder ab zwei Jahren gegen Influenza impfen. Damit sollen vor allem Risikogruppen vor schweren Krankheitsverläufen bewahrt werden. In Deutschland hält die STIKO solche Empfehlungen bisher nicht für nötig.

Von Beate Schumacher

Alte und Kranke schützen - Gesunde Kinder impfen?

Das nasale Grippe-Impfspray könnte die Akzeptanz der saisonalen Impfung verbessern.

© dpa

Es ist eine kostspielige Maßnahme, aber die Gesundheitsexperten des britischen Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) gehen davon aus, dass sie sich rechnen wird: Spätestens ab 2015 soll allen 2- bis 17-Jährigen jährlich die nasale Influenzaimpfung angeboten werden.

Dieses Jahr wird - aus logistischen Gründen - erst einmal mit den zwei- und dreijährigen Kindern begonnen.

Ansonsten gesunde Kinder über zwei Jahren sind im Fall einer Influenzainfektion zwar nicht besonders komplikationsgefährdet, aber sie sind besonders gefährlich für andere, vor allem für Patienten mit Risikofaktoren.

Kinder sind nämlich wahre Virusschleudern. Weil sie im Kindergarten oder im Klassenzimmer mit vielen anderen Kindern engen Kontakt haben und es mit den Hygieneregeln oft nicht so genau nehmen, fördern sie den Austausch von Viren, die sie dann in die Familien tragen.

Werden gesunde Kinder geimpft, senkt man daher auch die Ansteckungsgefahr für andere.

Risikogruppen hätten den größten Nutzen

"Der größte Nutzen (des neuen Impfprogramms) wird in dem Schutz für Säuglinge, ältere Menschen und Risikogruppen wie Asthma-, MS- oder Herzpatienten bestehen", so ein Sprecher des JCVI.

Selbst wenn nur 30 Prozent der Kinder die Impfung erhalten würden, könnten damit nach Einschätzung des JCVI rund 2000 Todesfälle pro Jahr verhindert werden.

Auf Bevölkerungsebene gilt die Impfung von Schulkindern als erfolgversprechender als die von älteren Menschen: Einer Modellrechnung zufolge lassen sich mit einer Impfrate von 20 Prozent bei den 5- bis 18-Jährigen mehr influenzabedingte Todesfälle bei über 65-Jährigen verhindern als mit einer Impfquote von über 90 Prozent bei den Senioren (Science 2006; 311: 615).

Programme schon in USA, Kanada und Finnland

Die Briten stehen mit ihrem Impfprogramm nicht alleine. In den USA besteht schon länger eine generelle Impfempfehlung, und zwar bereits ab sechs Monaten. Gleiches gilt für Kanada.

In Europa wird eine allgemeine Grippeimpfung für Kinder zum Beispiel in Finnland bereits praktiziert, die Belgier haben gerade entsprechende Pläne bekannt gegeben.

Auch die Sächsische Impfkommission empfiehlt seit 2010 die Grippeschutzimpfung für alle ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat.

Die WHO hat ebenfalls 2012 in einem Positionspapier vorgeschlagen, bei Vorhandensein entsprechender Ressourcen die Grippeimpfung auf Kinder zwischen sechs Monaten und 5 Jahren auszudehnen.

STIKO hält an geltenden Empfehlungen fest

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hält dagegen an den geltenden Empfehlungen zur saisonalen Grippeimpfung fest. Danach sollen lediglich Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Erkrankung geimpft werden, und zwar bei Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren vorzugsweise mit dem nasalen Impfstoff.

Eine explizite Empfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche wird nicht ausgesprochen, weil "die Erkrankung hier in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen verläuft", so die STIKO.

Dabei gibt es durchaus Argumente, die Zielgruppen für die Grippeimpfung auch in Deutschland zu erweitern: Die Impfquoten bei Älteren und chronisch Kranken sind nämlich durchweg zu niedrig.

Von der Rate von 75 Prozent, die die WHO empfiehlt, ist man weit entfernt. Und selbst mit einer Grippeimpfung wird bei kranken älteren Menschen oft nur ein Schutz von 30 bis 50 Prozent erzielt.

Diese Risikogruppen für eine Influenzainfektion könnten deswegen von einer Verbesserung der Herdenimmunität deutlich profitieren. Warum also nicht alle Kinder impfen?

Zunächst einmal, weil die generelle Impfung von Kindern unter diesem Aspekt auch ein ethisches Problem aufwirft. Die Kinder sollen ja vornehmlich nicht zum eigenen, sondern zum Wohle anderer geimpft werden- und werden dafür den potenziellen Nebenwirkungen einer Grippeimpfung ausgesetzt.

Zu berücksichtigen ist besonders die Akzeptanz

Die sind zwar meistens harmlos, in sehr seltenen Fällen wurde aber auch ein Guillain-Barré-Syndrom beobachtet.

Wie gut die jährliche Impfung von den Eltern akzeptiert würde, ist daher fraglich. Und eben daran knüpft sich ein weiteres ernst zu nehmendes Problem: Nicht wenige Eltern haben ohnehin das Gefühl, dass ihren Kindern schon zu viele Impfungen zugemutet werden.

 Eine zusätzliche jährliche Impfung könnte ihre Abneigung verstärken. Wenn dies zur Folge hätte, dass so wichtige Schutzimpfungen wie die gegen Masern unterbleiben, dann hätte die Grippeimpfung für alle Kinder einen hohen Preis.

[07.10.2013, 15:56:54]
Dr. Horst Grünwoldt 
Impfwesen
Die meisten Menschen "verkraften" augenscheinlich das meiste schadlos (oder mit "stummer" Reaktion), was ihnen oral oder parenteral -auch als Impfstoff- verabreicht wird.
Dafür dürfte die angeborene und im Lauf der körperlichen Reifung entwickelte und trainierte Eigen-Immunität (zelluläre und humorale), auch ohne "Vaccination", verantwortlich sein. Insofern überrascht es, daß gerade die Älteren als immunologische "Schwächlinge" deklariert werden.
Schließlich kommt ein jeder von uns mit Materialien (Chemikalien) und Stoffen (Antigenen) der belebten oder unbelebten Umwelt früher oder später in immunologischen Kontakt; entweder bei der Nahrungsaufnahme(oral), beim Atmen (nasal) oder bei Verletzungen (parenteral)und wird damit wiederholt mit den gleichen oder neuen Immunogenen in bisher unbekannter Zahl konfrontiert. Daraus läßt sich gewiß bei näherer Untersuchung so manche Allergie oder Auto-Immunkrankheit erklären.

Inwieweit Erst-Impfungen oder auch "Boosterungen" bei Menschen zu o.g. negativen Wirkungen beitragen, dürfte im Tierversuch kaum feststellbar sein. Und die kleinen, heterogenen Kollektive der Freiwilligen-Impflinge im Zulassungverfahren dürften bezüglich Impf-Nebenwirkungen begrenzte Aussagekraft haben.
Als Tierarzt fragt man sich aber, ob Massenimpfungen mehr als eine teure und eindrucksvolle, rituelle Handlung sind und tatsächlich immer dem "Impfschutz" dienen? So kommen über die Wirksamkeit einer Tollwut-Impfung bei Kleintieren (Hund und Katze) Zweifel auf, wenn -nach amtlichen Empfehlungen/Forderung im Reiseverkehr- der Impfstoff lebenslang jährlich appliziert werden muß; wohingegen beim Menschen vermeintlich die dreimal in zwei Monaten verabreichte Impfdosis für mehrere Jahre den Impfschutz sichern soll! Wie erklären die Impfexperten der STIKO (ständige Impfkommision) und des PEI dieses teure Dilemma?

Bedenken über die tatsächliche Wirksamkeit verschiedener Vaccinen kommen zumal auf, wenn es neben den immunogenen Bestandteilen spezifischer (attenuierter) Krankheits-"Erreger" immer noch der Impf-"Verstärkung" mittels toxischer Stoffe wie Aluminium, Formaldehyd und Quecksilber bedarf!! Die dürften ja im harmlosesten Falle auch nur eine unspezifische Entzündungs-Reaktion bei subkutaner oder intramuskulärer Injektion auslösen; und keinesfalls die spezifische Immunität "verstärken", sondern lediglich helfen, das Antigen über die Entzündungszellen (Mikro- und Makrophagen) oder lympogen/hämatogen zu "verschleppen"...
Jedenfalls bin ich der Auffassung, daß parenteral (körperverletzend) nur im Falle systemisch ablaufender Infektions-Krankheiten geimpft werden sollte. Das betrifft alleine die mit potentiell septischen oder virämischen Verlaufsformen.
Gegen alle anderen ansteckenden (kontagiösen) Organ-Krankheiten mit lokalen Gewebe-"Erreger"-Trophismus sollte nach m.E. vielmehr die Eintrittspforte, -das sind zumeist die Schleimhäute-, verletzungsfrei beimpft werden, um die wunderbaren IgA-Antikörper-Wächter rechtzeitig zu stimmulieren und die natürliche Barriere erregerdicht zumachen. Das betrifft vor allem die vielfältigen "grippalen" Infektionen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock  zum Beitrag »

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