Ärzte Zeitung App, 02.12.2014

In Studie bestätigt

Grippe-Impfung mäßig wirksam

Die Grippe-Impfung schützt am besten, wenn der Impfstoff mit den Viren übereinstimmt, die im Umlauf sind. Ist dies nicht der Fall, gibt es starke Schwankungen in der Schutzwirkung, wie eine neue Auswertung zeigt.

Von Beate Schumacher und Wolfgang Geissel

Grippe-Impfung mäßig wirksam

Alte Menschen profitieren von der Grippe-Impfung, der Effekt kann jedoch gering ausfallen.

© JPC-PROd / fotolia.com

GRONINGEN. Viele Studien zur Wirksamkeit der Influenzaimpfung bei älteren Menschen leiden an methodischen Schwächen. Zum Beispiel wurden Endpunkte verwendet wie "grippeartiger Infekt oder Pneumonie", die nicht spezifisch für Influenza sind.

Ein Manko ist zudem der sogenannte "healthy user"-Effekt: Menschen, die sich impfen lassen, bringen andere gesundheitliche Voraussetzungen mit als Nichtgeimpfte. In einigen Untersuchungen war außerdem die Fallzahl zu klein, um die Schutzwirkung beziffern zu können.

Um diese Fallstricke zu umgehen, haben Epidemiologen der Universität Groningen nun eine Metaanalyse durchgeführt (Lancet Infect Dis 2014; 14: 1228).

Dazu wurden nur Auswertungen aus Test-negativen Fall-Kontroll-Studien berücksichtigt: Alle Patienten haben hier eine im Labor bestätigte Influenza; als Kontrollen dienen Patienten mit grippeartigen Symptomen, die negativ auf das Virus getestet worden sind.

Die Teilnehmer waren über 60 Jahre alt und lebten nicht in einem Heim. 35 Studien aus 15 Ländern und neun Influenza-Saisons genügten dabei den Anforderungen.

Hoher Schutzeffekt, wenn Impfstoff und zirkulierende Viren übereinstimmen

Wenn der Impfstoff mit den zirkulierenden Viren übereinstimmte, dann senkte er das Risiko für eine Influenzainfektion: bei sporadischen Ausbrüchen um 31 Prozent, bei regionalen um 58 Prozent und bei großflächigen um 46 Prozent.

Im Fall einer Epidemie zeigte sich ein Schutzeffekt sogar dann, wenn der Impfstamm von den zirkulierenden Viren abwich, mit einem Rückgang des Infektionsrisikos um 43 Prozent (regional) und 28 Prozent (großflächig).

Bei sporadischer Virusaktivität war das nicht der Fall. Keine Schutzwirkung fand sich dagegen bei lokaler Virusausbreitung, unabhängig davon, ob die Vakzine passte oder nicht.

Die niederländischen Epidemiologen um Maryam Darvishian ziehen aus ihren Daten den Schluss, "dass die saisonale Influenzaimpfung als Präventionsmaßnahme zur Reduktion der Influenza und ihrer Komplikationen bei älteren Menschen erhalten bleiben sollte".

STIKO betont hohen Stellenwert der Grippe-Impfung

Dr. Michael L. Jackson vom Group Health Research Institute in Seattle drückt sich in einem begleitenden Kommentar zurückhaltend aus: "Die Ergebnisse legen nahe, dass Influenzaimpfprogramme für Ältere einen geringen bis mittelmäßigen Nutzen haben" (Lancet Infectious Diseases 2014; 14: 1169).

Für die Weiterentwicklung der Impfstoffe sei es entscheidend, noch besser zu verstehen, wie die starken Schwankungen in der Wirkung zustande kämen.

Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet zum Beispiel das europäische I-MOVE-Projekt, mit dem seit 2007 die Effektivität der Influenzaimpfung in Europa überwacht wird.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) betont den hohen Stellenwert der Grippe-Impfung trotz moderater Wirksamkeit. "Bei aller Kritik an der Impfung, sie ist der beste Schutz den wir haben", sagt STIKO-Vorsitzender Dr. Jan Leidel dazu.

Das muss den Patienten erklärt werden und dass eine Impfung gegen eine potenziell lebensbedrohliche Krankheit trotzdem wichtig ist.

[03.12.2014, 00:07:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Infektiologie betrachtet auch die Kehrseite der "Medaille"
Es ist schon seltsam: Während wir Hausärztinnen und Hausärzte jedes Jahr zur Influenza-Immunisierung aufrufen und unsere Patienten im Laufe von jahrelanger Praxisarbeit mehrfach immer wieder impfen, stören sich Kollege W. R. Bayerl und auch STIKO-Vorsitzender Jan Leidel (ehemals Leiter des Kölner Gesundheitsamts) bereits an einer medizinisch mehr als korrekten Überschrift "In Studie bestätigt - Grippe-Impfung mäßig wirksam" oder versuchen mit dem Spruch: "Bei aller Kritik an der Impfung, sie ist der beste Schutz den wir haben" bei potenziellen Impfgegnern durchzutauchen.

Fakt ist jedoch, dass nach der hier vorliegenden Lancet-Metaanalyse aus den Niederlanden in 35 Studien aus 15 Ländern und neun Influenza-Saisons zwar das Risiko für eine Influenzainfektion bei sporadischen Ausbrüchen um 31 Prozent, bei regionalen um 58 Prozent und bei großflächigen um 46 Prozent gesenkt werden konnte. Aber dies bedeutet bei Betrachtung der Kehrseite dieser "Medaille" auch, dass es in 69 bis 42 Prozent n i c h t zu einer Risikominderung gekommen war.

F e h l t jedoch die Übereinstimmung zwischen Impfstamm und zirkulierenden Viren, bleibt ein Versager-Risiko von 57 bis 72 Prozent. Dass bei lokaler Virusausbreitung gar k e i n Schutz detektiert werden konnte, spricht eine deutliche Sprache. Und gerade w e i l, wie im Lancet-Kommentar von Dr. Michael L. Jackson (Group Health Research Institute in Seattle) formuliert: "Die Ergebnisse legen nahe, dass Influenzaimpfprogramme für Ältere einen geringen bis mittelmäßigen Nutzen haben", müssen wir in der Praxis immer wieder erneut impfen, damit ein akzeptabler Immunschutz persistieren kann.

Genau das passiert nicht nur in meiner hausärztlichen Praxis: Durch Recall, Mitarbeiter- u n d Praxisinhaber-Schulung, "motivational interviewing/training" gelingen extrem hohe Schutzraten: In der Saison 2011/12 hatten wir max. fünf und 2012/13 bzw. 2013/14 k e i n e n einzigen Influenza-Fall mehr. In der laufenden Saison hat die Influenza noch gar nicht stattgefunden, sieht man von 2-3 durchaus typischen Vogelgrippe-Befunden bei Zugvögeln in Deutschland ab.

Gerade die STIKO mit ihren exzellenten Kontakten zur Impfindustrie täte gut daran, sich für v e r b e s s e r t wirksame Impfstoffe einzusetzen, statt jedes Mal zum blinden Rundumschlag anzusetzen, wenn Forschergruppen wiederholt z. B. die mangelnde Wirksamkeit, Effizienz und Effektivität von Masern-Impfstoffen eruieren und kritische Kommentare dazu mit fundamentalistischer Impfgegnerschaft gleichgesetzt werden. Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/impfen/article/851056/masern-impfziele-verfehlt.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A)
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[02.12.2014, 15:04:14]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ein bischen sollte man schon auf unsere eigene STIKO höhren
deshalb empfinde ich die Überschrift nicht besonders passend,
wir sind (Gott sei Dank) noch nicht die USA.
Zu denken ist nicht an eine Einschränkung, eher an eine Ausweitung z.B. auf Kleinkinder in KITAS mit ihren permanenten Infekten.
Sachsen macht das schon. zum Beitrag »

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