Ärzte Zeitung, 03.03.2015

Hochdosierter Impfstoff

Besserer Grippe-Schutz für Senioren

Konventionelle Grippe-Impfstoffe wirken gerade bei alten Menschen nur mittelmäßig bis gar nicht. Ein spezieller Hochdosis-Impfstoff kann die Wirksamkeit deutlich steigern, zeigt eine Untersuchung in den USA. Es gibt aber einen Haken.

Von Beate Schumacher

Besserer Grippe-Schutz für Senioren

Alte Menschen profitieren von der Grippe-Impfung, der Effekt kann jedoch gering ausfallen.

© JPC-PROd / fotolia.com

SILVER SPRING. Die Grippewelle in Deutschland rollt ungebremst. Konventionelle Grippeimpfstoffe wirken ausgerechnet bei alten Menschen besonders schlecht, und zwar auch dann, wenn die zirkulierenden Virusstämme gut von den Impfstämmen abgedeckt werden.

Einer randomisierten Studie zufolge beträgt die Schutzwirkung bei über 60-Jährigen etwa 58 Prozent. In Beobachtungsstudien schwankte die Wirksamkeit von mittelmäßig bis nicht vorhanden.

Um den Impfschutz für Senioren zu verbessern, wurde 2009 in den USA eine trivalente Spaltvakzine zugelassen, die viermal so viel Hämagglutinin-Antigen enthält wie der Standardimpfstoff (Fluzone High-Dose, 60 statt 15 μg pro Stamm).

Stärkere Immunantwort

Grundlage der Zulassung waren Daten, wonach der Hochdosis-Impfstoff eine stärkere Immunantwort hervorruft. Später wurde bewiesen, dass Influenza damit effektiver verhindert werden kann.

US-Versicherungsdaten zeigen nun, dass in gleichem Maß wie die Erkrankungsrate auch die Häufigkeit von stationär behandlungsbedürftigen Fällen zurückgedrängt wird (Lancet Infectious Diseases 2015; 5:293) .

Für die aktuelle Untersuchung vom Center for Biologics Evaluation and Research der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA wurden die Akten von über 2,5 Millionen Menschen im Alter ab 65 ausgewertet, die in der Saison 2012/13 gegen Influenza geimpft worden waren.

Knapp 930.000 hatten den hochdosierten und mehr als 1,61 Millionen den üblichen Impfstoff erhalten. Das mittlere Alter (im Mittel 75 Jahre) und der Anteil der Patienten mit Vorerkrankungen waren in beiden Gruppen ähnlich.

Eine mit Schnelltest gesicherte Influenza-Erkrankung gefolgt von einer ambulanten Oseltamivir-Verordnung wurde mit der Hochdosis-Vakzine 1,01-mal pro 10.000 Personenwochen festgestellt.

In der Vergleichsgruppe gab es 1,30 solcher Fälle pro 10.000 Personenwochen. Das Erkrankungsrisiko unter der hochdosierten Impfung lag damit um 22 Prozent niedriger.

Bei den über 84-Jährigen war die Rate sogar um 36 Prozent reduziert, der Unterschied zur Gesamtgruppe war allerdings nicht signifikant.

Ebenfalls um 22 Prozent reduziert war mit der hohen Impfdosis die Zahl der stationären Therapien oder Notfallambulanzkontakte wegen Influenza-Folgekomplikationen: Die Rate betrug 0,86 gegenüber 1,10 mit der üblichen Dosis (jeweils pro 10.000 Personenwochen). Auch dieser Vorteil bestand in allen Altersgruppen.

In Deutschland nicht zugelassen

Wie die Forscher um Dr. Hector S. Izurieta betonen, ist damit erstmals gezeigt, dass ein Hochdosis-Influenzaimpfstoff alte Menschen besser vor schweren Verläufen schützt als ein konventioneller Impfstoff.

"Diese Ergebnisse sollten bei den offiziellen Impfempfehlungen für Senioren Berücksichtigung finden."

Der Hochdosis-Grippeimpfstoff ist allerdings nur in den USA zugelassen und erhältlich. In Deutschland rät der Reisemediziner Professor Tomas Jelinek aus Berlin bei Senioren die besonders immunogenen Influenza-Impfstoffe (intradermal, adjuventiert oder virosomal) zu verwenden.

Diese werden aber in der Regel nicht von der GKV bezahlt.

[04.03.2015, 19:42:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Das Bessere ist der Feind des Guten" (Voltaire)?
Die Standard-dosierten Influenza-Impfstoffe sind zu einem bedenklich geringen Prozentsatz wirksam. Nicht nur deshalb muss zur Gewinnmaximierung der Impf-Industrie die Influenza-Schutzimpfung jährlich wiederholt werden.

Fakt ist nach einer aktuellen Lancet-Metaanalyse aus den Niederlanden, dass in 35 Studien aus 15 Ländern und neun Influenza-Saisons zwar das Risiko für eine Influenzainfektion bei sporadischen Ausbrüchen um 31 Prozent, bei regionalen um 58 Prozent und bei großflächigen um 46 Prozent gesenkt werden konnte. Aber dies bedeutet im Umkehrschluss auch, dass es in 69 bis 42 Prozent n i c h t zu einer Risikominderung gekommen war (Lancet Infect Dis 2014; 14: 1228).

F e h l t die Übereinstimmung zwischen Impfstamm und zirkulierenden Viren, bleibt ein höheres Versager-Risiko von 57 bis 72 Prozent. Dass bei lokaler Virusausbreitung gar k e i n Schutz detektiert werden konnte, spricht eine deutliche Sprache. Der aktuelle Zusammenhang von primären Influenza-Impfversagern bei der Influenza-Schutzimpfung, weil die Industrie die derzeit zirkulierende H3N2-Influenza-Typ-Variante unberücksichtigt ließ, überzeichnet derartig vermeidbare Lücken.

Und gerade w e i l, wie im Lancet-Kommentar von Dr. Michael L. Jackson (Group Health Research Institute in Seattle) formuliert: "Die Ergebnisse legen nahe, dass Influenzaimpfprogramme für Ältere einen geringen bis mittelmäßigen Nutzen haben"(Lancet Infectious Diseases 2014; 14: 1169), müssen wir in der Praxis immer wieder erneut impfen, damit ein akzeptabler Immunschutz überhaupt persistieren kann.

Die hier vorgestellte Variante mit "Hochdosierter Impfstoff - Besserer Grippe-Schutz für Senioren" ergibt sich aus dem bisher schlechteren und weniger effektiven Impfstoff-Varianten. Sie basiert allerdings auf einer wenig aussagekräftigen und „bias“-anfälligen "retrospektiven Kohortenanalyse" o h n e jegliche prospektive Evidenz!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Mauterndorf/A)

Quellen:
http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(14)70960-0/abstract
"Effectiveness of seasonal influenza vaccine in community-dwelling elderly people: a meta-analysis of test-negative design case-control studies" von M. Darvishian et al. und - http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(14)70993-4/fulltext
"Influenza vaccine effectiveness in elderly people" von M. L. Jackson und - http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(14)71087-4/abstract
"Comparative effectiveness of high-dose versus standard-dose influenza vaccines in US residents aged 65 years and older from 2012 to 2013 using Medicare data: a retrospective cohort analysis" von H. S. Izurieta et al. zum Beitrag »

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