Ärzte Zeitung online, 28.11.2016

Schlechtes Vorbild

Klinikpersonal bedenklich oft nicht geimpft

Die Grippewelle rollt an. Doch ausgerechnet Krankenhausmitarbeiter lassen sich zum größten Teil nicht impfen. Laut RKI geben Ärzte dafür andere Gründe als Pfleger an.

Von Wolfgang Geissel

Klinikpersonal Influeza-impfmüde

Ärzte sind oft selbst nicht gegen Grippe geimpft, so das RKI.

© JPC-PROD / Fotolia

BERLIN. Medizinisches Personal in Kliniken ist eine mögliche Infektionsquelle für Patienten, die oft wegen Grunderkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere und eventuell sogar tödliche Influenza-Verläufe haben.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) betont daher in ihren aktuellen Informationen zum Grippeschutz: "Die Impfung des Personals folgt dem ethischen Gebot, Patienten nicht zu schaden. Gleichzeitig dient sie dem persönlichen Schutz bei beruflichem Patientenkontakt."

Trotz dieses dringenden Appells lassen sich die meisten Mitarbeiter in Kliniken nicht impfen, wie eine Online-Befragung des Personals zweier Universitätskliniken bestätigt hat (Epi Bull 2016; 47: 521).

Nur etwa ein Drittel des Pflegepersonals geimpft

Hierzu hatten Forscher des Robert Koch-Instituts (RKI) 8000-9000 Mitarbeiter per E-Mail angeschrieben; etwa jeder fünfte davon (1827) füllte einen Fragebogen zur Impfung aus. Gefragt wurde nach dem Impfschutz in der aktuellen Influenza-Saison und nach Einstellungen der Mitarbeiter zur Grippe-Impfung.

Ergebnis: Nur etwa 56 Prozent des ärztlichen Personals und nur knapp 35 Prozent des Pflegepersonals hatten den Grippeschutz. Mitarbeiter in der Pflege mit häufigem Patientenkontakt waren dabei sogar seltener geimpft als Personal mit gelegentlichem Kontakt zu Kranken wie in der Verwaltung (36 Prozent Schutz), Technik (44 Prozent) oder im Labor (45 Prozent).

Je jünger die Mitarbeiter waren, desto geringer die Impfraten: 25 Prozent waren es bei den 18- bis 24-Jährigen und 48 Prozent bei den 45- bis 54-Jährigen.

Viele Vorurteile gegenüber Grippeimpfung

Befragt nach Gründen für den fehlenden Schutz ergaben sich viele falsche Vorstellungen: Fast jeder fünfte gab an, wegen eines guten Immunsystems ein geringes Influenza-Risiko zu haben.

Ebenso viele befürchteten, dass die Impfung selbst eine Grippe auslösen könne. Jeder Sechste hält eine Influenza für nicht gefährlich. Immerhin jeder Zehnte hält die Impfung für unwirksam und jeder zwanzigste gab an, generell gegen Impfungen zu sein.

Die Gründe, sich nicht impfen zu lassen, unterschieden sich dabei zwischen den Berufsgruppen: Bei den Ärzten spielten vor allem organisatorische Gründe eine maßgebliche Rolle wie "habe es vorgehabt, aber nicht geschafft" oder "habe es vergessen".

Etwa 67 Prozent der Ärzte, aber nur 44 Prozent des medizinischen Personals wünschen sich ein Impfangebot vor Ort in der Klinik.

Pfleger befürchten häufiger Nebenwirkungen

Beim Personal in der Pflege wurde auch häufig Angst vor Nebenwirkungen als Grund für den fehlenden Impfschutz genannt.

Das RKI plant, die Umfrage zu den Impfquoten auch auf andere Krankenhäuser auszudehnen. Die Ergebnisse könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Impfraten unterstützen. Voraussetzung für robuste Daten sei allerdings eine breite Unterstützung der teilnehmenden Kliniken, so das RKI.

[29.11.2016, 21:56:51]
Thomas Georg Schätzler 
Das Okapi, die Waldgiraffe, ein Paarhufer aus der Familie der Giraffenartigen mit Überblick!
Wenn eine Studie sich OKAPI I nennt und man nicht mal die persönlichen Angaben der Befragten validieren möchte, sind lediglich folgende Erkenntnisse hochsignifikant: Der vorgefasste wissenschaftliche Ehrgeiz der Forscher und der Vorsatz, sich auf keinerlei abweichende Meinungen, Ideen, Anregungen und Perspektiven einlassen zu wollen:

"Bei der Operationalisierung der Variablen „Gründe gegen die Influenza-Impfung“, orientierten wir uns am Four-C-Modell von Betsch et al. und entwickelten passende Items zu den Punkten complacency (Bequemlichkeit), inconvenience (Umstände bereitend), lack of confidence (mangelndes Ver- trauen in die Impfung) und rational calculation of pros and cons (rationale Abwägung des Für und Wider). Die Selbstangaben der Teilnehmer wurden nicht validiert."

Online-Befragung von Klinikpersonal zur Influenza-Impfung (OKaPII-Studie) des RKI (Robert-Koch-Institut, Berlin)
DOI 10.17886/EpiBull-2016-068.1

Unvalidierte Online Befragungen lassen Soziodemografen erschaudern. Denn sie sind in etwa so ungenau wie der ausgebliebene Wahlsieg Hillary Clintons über Donald Trump!

Außerdem fehlen Fakten in Form von systematischen, umfassenden, infektions-epidemiologisch repräsentativen Basis-Untersuchungen über den Antikörper-Status aller im Gesundheitswesen Beschäftigten: Von den Putzfrauen, den Krankenhaus- und Praxis/MVZ-Verwaltungen über ärztliches und nicht-ärztliches Personal, von den Chefärzten, den Sozialversicherungs-Fachangestellten bis zu den KV-, ÄK-, Krankenkassen- und Klinikkonzern-Bossen!

Ich bin seit 1975 ärztlich tätig. In den Anfangsjahren regelmäßig geimpft, nach Therapie meines Non-Hodgkin-Lymphoms IV b mit Hochdosis-Chemotherapie und Stammzell-Transplantation 2000 komplette Neuimpfungen mit extrem hohen Antikörper-Titern, bin ich seither, abgesehen von banalen Infekten und einem NHL-Rezidiv 2007, selbst nie mehr ansteckend krank gewesen.

Für eine OKAPI-II-Studie schlage ich eine Erhebung vor, welche Klinik- und Praxismitarbeiter/-innen denn innerhalb der letzten 5-10 Jahre tatsächlich eine echte Influenza-Symptomatik und -Infektion bzw. andere übertragbare Erkrankungen gehabt hatten, und ob sich dies durch spezifische Antikörper Messungen objektivieren lässt?

Die offiziellen Zahlen der zuständigen Berufsgenossenschaft "GESUNDHEIT UND WOHLFAHRTSPFLEGE" sprechen nämlich dagegen Bände! Denn hier werden alle, bei der Ausübung der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege erworbenen, berufsbedingten Erkrankungen von Mitarbeiter/-innen erfasst. Ein möglicherweise "schlampiger" Impfstatus wird dabei auch erfasst. Doch diese Zahlen ermöglichen dem RKI keine so spektakulären Rückschlüsse wie eine stümperhaft aufgelegte online-Befragung!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[29.11.2016, 18:08:11]
Diethard Friedrich 
Traurig,traurig
In Finnland ist es selbstverständlich, dass das gesamte medizinische Personal geimpft ist, einschließlich der jährlichen Grippeimpfung. Gleiches gilt auch für Lehrer(innen) und Kindergärtner(innen) Ich werde jedes Mal traurig, wenn ich höre, dass es immer noch irgendwo in Deutschland die Masern gibt oder ein älterer Mensch an einer Lungenentzündung stirbt, nur weil der Arzt ihm die Impfung gegen Pneumokokken nicht empfohlen hat. Das grenzt an unterlassene Hilfeleistung, um es einmal deutlich zu sagen. Leider wird der Impfschutz von den Hausärzten hier nicht ausreichend und konsequent durchgeführt, wie ich aus eigener Erfahrung feststellen konnte. Dabei ist Impfen von der KV nicht begrenzt und wird auch noch für den geringen Aufwand gut bezahlt.Es geht ganz einfach: Einmal im Jahr wird der Impfschutz kontrolliert, bei den Patienten und (wichtig) beim Personal. Die niedergelassenen Ärzte in der Praxis, die Betriebsärzte in den Kliniken und die Amtsärzte in Schulen und Kindergärten. Impflücken werden konsequent geschlossen. Impfgegner in den o.g. Berufen sollten abgemahnt werden. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich war u.a.auch als Amtsarzt und Hafenarzt tätig, allerdings in Finnland.

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