Ärzte Zeitung online, 13.09.2013

Leitartikel

Legionellen-Ausbruch hält Warstein in Atem

Legionellen-Alarm in Warstein: Etwa 165 Menschen sind erkrankt, die Bürger sollen möglichst daheim bleiben und Reisende den Ort meiden. Keime sind im Klärwerk, im Fluss und bei der Warsteiner Brauerei gefunden worden. Doch die Quelle des Übels ist weiter unbekannt.

Von Christine Starostzik

Legionellen-Ausbruch hält Warstein in Atem

In Warstein sucht man fieberhaft nach der Quelle des Legionellen-Ausbruchs.

© Jörg Taron / dpa

Am Montag wurde zum letzten Mal eine Frau mit Pneumonie in das Krankenhaus "Maria Hilf" im sauerländischen Warstein eingeliefert. Seither hat es keine neuen Betroffenen mehr gegeben.

Insgesamt 165 Patienten werden seit Mitte August dem Legionellenausbruch zugerechnet, berichtet Dr. Ansgar Brockmann vom Gesundheitsamt Kreis Soest.

Bei 85 Patienten sei labordiagnostisch eine Legionellose bestätigt worden. Während sich die Situation bei den Neuinfektionen mittlerweile entspannt, geht die Ursachensuche in Warstein weiter.

Hohe Legionellenkontaminationen wurden im Klärwerk, im Fluss Wäster sowie in einer aus dem Flusswasser gespeisten Kühlanlage gefunden, inzwischen auch in den Abwässern der berühmten Warsteiner Brauerei.

654 bestätigte Legionellosen im Jahr 2012

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat Legionellen im Jahr 2011 in die Gruppe der 26 wichtigsten Infektionserreger in Deutschland aufgenommen.

Den Daten des Netzwerkes für ambulant erworbene Pneumonien (CAPNET) zufolge werden 3,8 Prozent aller Pneumonien durch diese Erreger verursacht. Die meisten dieser Infektionen werden durch Legionella pneumophila vom Serotyp 1 hervorgerufen.

Für das Jahr 2012 meldet das RKI 654 labordiagnostisch bestätigte Legionellosen. Doch diese Zahl bildet nur die Spitze des Eisbergs. CAPNET-Experten gehen von jährlich rund 20.000 Fällen von Legionärskrankheit in Deutschland aus.

Während die eher milde Form der Legionellose, das Pontiac-Fieber, mit grippeähnlichen Symptomen verläuft, geht die Legionärskrankheit mit einer schweren atypischen Form der Pneumonie einher, die trotz Behandlungsmöglichkeit mit Levofloxacin bei etwa jedem zehnten Patienten tödlich endet.

Die Infektion erfolgt durch das Einatmen kontaminierter Aerosole. Gefährdet sind insbesondere ältere, immundefiziente Menschen. Über das Trinkwasser erfolgt in der Regel keine Infektion, es sei denn, es kommt zur Aspiration, etwa bei Personen mit Schluckstörungen.

Wo liegen die Gefahrenquellen?

Legionellen leben überall, wo es warmes Wasser gibt, selbst im Trinkwasser können sie in geringer Zahl vorkommen. Nach der Trinkwasserverordnung von 2011 sollen sich in 100 ml Trinkwasser weniger als 100 koloniebildende Einheiten (KBE) befinden.

Dass sich Kontrollen lohnen, zeigt die Statistik: Im Jahr 2012 beanstandete das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit knapp 14 Prozent der untersuchten Trinkwasserproben.

Weltweit kommt es immer wieder zu Ausbrüchen, in Deutschland zuletzt in Ulm im Dezember 2009/Januar 2010. Die üblichen Verdächtigen bei einem Legionellenausbruch sind Einrichtungen der Warmwasserversorgung, in denen sich Aerosole bilden, also Duschen, Sprudelbecken, Rückkühlwerke von Klimaanlagen, aber auch Inhalatoren, Luftbefeuchter oder Autowaschanlagen.

Dass auch ein Klärwerk auf diese Liste gerät, wie jetzt in Warstein, ist neu. Im Belebtschlammbecken wurde eine ungewöhnlich hohe Zahl an Legionellen nachgewiesen.

Die Kläranlage arbeitet mit einer Oberflächenbelüftung zur Sauerstoffversorgung der am biologischen Klärprozess beteiligten Mikroorganismen.

Ein möglicher Weg der Legionellen wäre über die Abwässer des Klärwerks in den Fluss Wäster, von dort in die Kühlanlage eines Industriebetriebs, die die Keime schließlich in Aerosolen übers Land pustet.

Einige Experten halten es eher für möglich, dass durch die veraltete Belüftungstechnik des Klärwerks die Legionellen direkt aus dem Klärschlammbecken in die Luft gequirlt wurden. Biofilme von Kläranlagen sind mit Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad ein ideales Habitat für Legionellen.

Selbst wenn sie von dort ansässigen Amöben gefressen werden, können sie sich im Inneren dieser Einzeller noch immer bestens vermehren.

Legionelleninfektion bei Pneumonie ausschließen!

Angesichts der hohen Letalität rät das RKI Ärzten, die "Patienten mit im privaten Umfeld erworbenen Lungenentzündungen behandeln, diese auf Legionellen zu testen, insbesondere wenn eine (Reise-)Anamnese mit Exposition zu Warstein vorliegt" (Epi Bull 2013; 35: 364).

Am einfachsten und mit hoher Spezifität ist dies mit dem Antigen-Test im Urin möglich. Das Antigen wird bereits nach 24 Stunden ausgeschieden und persistiert meist über Wochen.

Ist der Test positiv, sollte die genaue Identifizierung der Spezies aus respiratorischen Sekreten mittels Kultur sowie der molekularbiologische Abgleich mit Isolaten aus möglichen Infektionsquellen erfolgen. Je schneller die Ursache des Ausbruchs gefunden ist, desto früher kann Entwarnung hinsichtlich weiterer Neuinfektionen eintreten. In Warstein geht derweil die Suche nach der Nadel im Heuhaufen weiter.

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