Ärzte Zeitung, 09.05.2014

Ex oriente MERS

Ein Virus, das gerne fliegt

Ex oriente lux - aus dem Osten kommt das Licht, heißt es. In jüngster Zeit kommen von dort allerdings auch Infektionen - im Moment das "Middle East Respiratory Syndrom" (MERS), ausgelöst durch ein neues Coronavirus. Das fliegt nicht nur gerne, sondern mag auch Kamele.

Von Robert Bublak

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MERS-Coronavirus unter dem Elektronenmikroskop: Die Infektion wird vonPatienten verbreitet und hat eine höhere Letalität als SARS.

© NIAID - RML / AP Photo / dpa

NEU-ISENBURG. Die Zahlen steigen unaufhörlich. "449 Fälle im Königreich Saudi-Arabien, 121 davon entschlafen - möge Allah ihnen gnädig sein", lautet der Eintrag, der am 8. Mai auf den Seiten des saudi-arabischen Gesundheitsministeriums zu lesen ist.

Jeden Tag gibt es dort eine aktuelle Statistik zum Stand der Infektionen mit dem "Middle East Respiratory Syndrom Coronavirus" (MERS-CoV). Allein gegenüber dem Vortag hat sich die Fallzahl damit um 18, die Zahl der Toten um vier erhöht.

Gezählt wird seit 2012, seit diese neue Spezies der Gattung Betacoronavirus erstmals identifiziert worden ist.

Doch während nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von März 2012 bis März 2013 monatlich höchstens fünf Fälle gemeldet worden waren, stieg die monatliche Anzahl ab April 2013 auf etwa zehn bis 20. Seit einigen Wochen geht es nun mit den Zahlen sprunghaft nach oben.

Syndrom beginnt wie eine Grippe

Schon der erste MERS-Patient stammte aus Saudi-Arabien. Das Syndrom beginnt akut wie eine Grippe, bei schweren Verläufen kommt es binnen einer Woche zur Pneumonie. Durchfall ist häufig, Nierenversagen möglich. Die Letalität erreicht bis zu 40 Prozent.

Allerdings beschränkt sich der Ausbruch nicht auf Saudi-Arabien. Denn Coronaviren fliegen gern, und das in einem doppelten Sinn. Einerseits sind Fledermäuse wichtige Erregerquellen.

Das war schon beim "Schweren akuten respiratorischen Syndrom" (SARS) so und gilt für MERS vermutlich ebenfalls (Emerg Infect Dis. 2013; 19: 1819). Andererseits gelangen die Viren über flugreisende Infizierte rasch in entfernte Weltgegenden.

Auf diese Weise ist MERS-CoV auch schon in Europa gelandet. MERS-Fälle sind in Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland bekannt geworden. Einer der beiden deutschen Fälle trat im Herbst 2012 bei einem Patienten aus Katar auf, er konnte schließlich aus der Therapie entlassen werden. Die Erkrankung bei einem Patienten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Deutschland verlief 2013 tödlich.

Erster MERS-Fall in den USA

Anfang Mai nun bestätigten die US-Centers for Disease Control and Prevention den ersten MERS-Fall in den USA. Der Patient war von der saudi-arabischen Hauptstadt Riad aus über London nach Chicago geflogen.

Womöglich hatte er sich in SaudiArabien infiziert, wie überhaupt die bisher berichteten Fälle allesamt eine Verbindung mit der arabischen Halbinsel aufweisen.

Der aktuelle Stand der weltweiten Ausbreitung unterscheidet sich je nach Quelle. Die WHO spricht am 7. Mai von 496 labordiagnostisch bestätigten Fällen, darunter 229 vom 11. April bis 4. Mai in Saudi-Arabien.

Genaue Zahlen zu den Verstorbenen liegen der WHO derzeit nicht vor. Beim European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) sind bis einschließlich 6. Mai 495 bestätigte Fälle und 141 Todesfälle verzeichnet.

Versuche, MERS einzudämmen

Doch welche Statistiken man auch betrachtet, der Schwerpunkt des Ausbruchs liegt jedenfalls in Saudi-Arabien. Dort versuchen die zuständigen Stellen, MERS einzudämmen.

Gesundheitsminister Abdullah al-Rabiah musste bereits seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger - Adel Faqih, ein Ingenieur - nannte drei Maßnahmen als vorrangig: Visitationen von Kliniken, um zu prüfen, ob sie MERS-Patienten aufnehmen können; die Berufung eines Expertengremiums; und die Etablierung dreier Schwerpunktkliniken.

Drei von vier Infizierten hatten zuvor Kontakt zu Infizierten. Es verwundert daher nicht, dass ein Großteil der Betroffenen unter medizinischem Personal zu finden ist.

Ein Viertel der Erkrankungen sind als Primärfälle anzusehen. Hier rücken Virusquellen im Tierreich in den Blickpunkt. Außer den schon erwähnten Flughunden sind zuletzt vor allem Dromedare in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen worden.

Zu Recht, wie Studien gezeigt haben. Erst im April ist eine Untersuchung publiziert worden, die eine Arbeitsgruppe um den Bonner Coronavirus-Spezialisten Professor Christian Drosten an Serumproben von 651 Dromedaren vorgenommen hat (Emerg Infect Dis 2014; 20: 552). In 97,1 Prozent der Proben fanden die Wissenschaftler Antikörper gegen MERS-CoV.

WHO: Keine internationale Notlage

Dass das Virus sein Reservoir in Dromedaren gefunden hat, hatten zuvor bereits zahlreiche Forschergruppen gezeigt. Ende Februar konnte ein saudisches Team sogar zeige, dass das MERS-CoV womöglich gar seit 20 Jahren auf der arabischen Halbinsel heimisch ist.

Die WHO rät, sich von den Dromedaren fern zu halten, keine rohe Milch zu trinken oder unzureichend gegartes Fleisch zu essen. Was Reisende in die Länder der arabischen Halbinsel betrifft, schließt sich das Berliner Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen den WHO-Empfehlungen an.

Schärfere Maßnahmen zu ergreifen, sehen derzeit allerdings weder internationale noch nationale Gesundheitsbehörden Anlass.

Vergangenen Sommer lautete die Einschätzung der WHO, es handle sich bei MERS nicht um eine Notlage der öffentlichen Gesundheit von internationaler Tragweite ("Public Health Emergency of International Concern").

Daran hat sich seither nichts geändert. Und das RKI vermerkt in seinen aktuellen Informationen zu Infektionen durch das MERS-Coronavirus: "Es besteht in Deutschland kein erhöhtes Risiko für Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung."

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