Ärzte Zeitung, 29.07.2010
Entamoeba histolytica: einzelliger Zeitzünder in der Leber
Wer nach einer Reise in die Tropen oder Subtropen mit
rechtsseitigen Oberbauchschmerzen und Fieber zu seinem Arzt geht,
könnte den Befund bekommen, dass sich bei ihm Amöben in
der Leber festgesetzt haben.
Von Thomas Meißner

Unbehandelt kann Entamoeba histolytica zu Zysten und Leber-Abszessen führen.
© Dr. George Healy / CDC
"Amöben sind die potentesten Killerzellen in der Natur", sagt
Professor Christian G. Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.
Entamoeba histolytica ist nicht nur der potenzielle Auslöser der
Amöbenruhr mit den typischen Himbeergeleeartigen Durchfällen.
Völlig unabhängig davon, ganz ohne Durchfälle und ohne
dass man überhaupt Amöben im Stuhl findet, sind riesige
Amöben-Leberabszesse möglich. Und zwar selbst dann, wenn die
Reise etwa nach Indien oder nach Mexiko bereits ein Jahr oder
länger her ist.
"Es gibt kein zeitliches Limit, wann ein Amöben-Leberabszess
oder eine invasive Amöbiasis auftritt", erklärte Meyer beim
MedCongress in Baden-Baden. Denn die Protozoen können in
eingekapselter Form überleben, ohne dass der Infizierte etwas
bemerkt. Asymptomatische Keimträger sind außerdem in der
Lage, andere Personen zu infizieren, und zwar über den
fäkal-oralen Übertragungsweg oder auch per analem
Geschlechtsverkehr.
Beim Amöben-Leberabszess klagen die Patienten über
Druckschmerzen im rechten Oberbauch, der in die laterale Thoraxwand
oder die rechte Schulter ausstrahlen kann. Sie haben Fieber und die
Laborwerte zeigen eine Leukozytose vergleichbar einer bakteriellen
Sepsis an, die Entzündungswerte sind erhöht. Zwar sollte der
Stuhl auf Amöben untersucht werden, oft sind jedoch keine
nachweisbar. Der Abszess kann in die Pleura oder den Bauchraum
perforieren. Daher sei der Amöben-Leberabszess einer der wenigen
tropenmedizinischen Notfälle, der sofort eine stationäre
Aufnahme und spezifische Therapie erforderlich macht.
Auslöser der Reisediarrhoe
• Bakterien: 80 bis 85 Prozent aller Durchfallerkrankungen
auf Reisen sind bakteriell bedingt, vor allem durch die Erreger
Escherichia coli, Shigellen, Salmonellen, Campylobacter.
• Viren: Zehn bis zwölf Prozent der Reisediarrhoen
sind viral ausgelöst, etwa durch Noroviren, Rotaviren oder das
Norwalk-Virus.
• Tierische Einzeller: Etwa jede zehnte Reisediarrhoe wird
durch Darmprotozoen verursacht, als Erreger kommen Entamoeba
histolytica, Giardia lamblia, Kryptosporidien und Blastocystis hominis
in Betracht. (ner)
Behandelt wird mit Metronidazol 3 x 750 mg über zehn Tage.
Daran schließt sich die Darmlumensanierung mit Paromomycin
(Humatin®) 3 x 500 mg für weitere zehn Tage an, um eventuell
noch vorhandene verkapselte Erregerformen zu beseitigen. Die Punktion
des Abszesses komme nur infrage, wenn die Perforation drohe, sagte
Meyer. Eine eigene Vergleichsstudie in Vietnam mit einer rein
medikamentösen Therapie und der Kombination aus Medikamenten und
Leberpunktion hatte keine Unterschiede bei der Prognose der Patienten
ergeben.
Insgesamt verlaufen nach Angaben des Tropenmediziners
Amöben-Infektionen zu 90 Prozent symptomlos. Antikörper sind
aber meist nachweisbar. Man differenziert heute Entamoeba histolytica
vom apathogenen kommensalen Entamoeba dispar, der sich unter dem
Mikroskop nicht von den Amöben mit invasivem Potenzial
unterscheiden lässt. Nur Entamoeba histolytica sei in der Lage, in
die Mukosa einzudringen und sich submukosal weiter zu verbreiten, so
der Infektiologe Privatdozent Thomas Weinke auf der Internetseite des
Auswärtigen Amtes.
Bei jedem zehnten infizierten Patienten kann die Amöbenruhr
schleichend oder plötzlich mit Fieber, Tenesmen sowie
blutig-wässrigen Durchfällen beginnen. Diagnostischer
Goldstandard ist nach wie vor der direkte Erregernachweis im frischen
Stuhl.
In 95 Prozent der Fälle lassen sich im Serum spezifische
Antikörper gegen Entamoeba histolytica nachweisen.
Differenzialdiagnostisch sollte vor allem an eine Shigellen-Kolitis
sowie an Escherichia coli gedacht werden. Zudem sind Verwechslungen mit
chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis
ulcerosa) möglich, denn eine Amöbenruhr verursacht ebenfalls
eine endoskopisch ulzerative Darmschleimhautentzündung. In
Schleimhaut-Biopsien lassen sich dann allerdings die Einzeller
nachweisen, sagte Meyer. Behandelt werden Patienten mit Amöbenruhr
ebenfalls mit den Substanzen Metronidazol und Paromomycin.
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| [30.07.2010, 13:20:08] |
| Dr. Halil Alsael
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| Viraler Durchfall
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