Ärzte Zeitung, 27.04.2016

Europäische Impfwoche

Gröhe fordert Anstrengungen beim Impfen

BERLIN. "Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung der Ärzte, Schulen, Kitas, der Betriebe und natürlich auch der Familien, damit Masern in Deutschland der Vergangenheit angehören", hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe anlässlich der Europäischen Impfwoche betont.

In einer Pressemitteilung seines Ministeriums wies er auf die neuen Regelungen im Präventionsgesetz zur Überprüfung des Impfschutzes und für die Impfberatung hin.

In Deutschland wird die zur Masern-Elimination nötige Impfquote von 95 Prozent nicht erreicht. 2014 hatten deutschlandweit zwar 92,8 Prozent der Schulanfänger die maßgebliche zweite Masern-Impfung erhalten (Epi Bull 2016; 16: 129).

 "Viele Kinder werden aber zu spät geimpft", so RKI-Präsident Professor Lothar H. Wieler in der Mitteilung. So haben nur 71 Prozent der Zweijähringen den kompletten Schutz. Infektionsketten gibt es zudem immer wieder wegen großer Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Nach dem Präventionsgesetz müssen Ärzte jetzt bei allen Untersuchungen in allen Altersgruppen den Impfstatus überprüfen und auf fehlende Impfungen hinweisen. Außer Kindern und Jugendlichen wird auch allen nach 1970 geborenen Erwachsenen ohne (dokumentierten) Schutz die Masern-Impfung empfohlen.

Um über die Impfung zu informieren, bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) einen Impfvortrag (Download: www.impfen-info.de/impfvortrag) sowie Infos zur MMR-Impfung an (mmr-entscheidung.impfen-info.de). (eb/eis)

[28.04.2016, 20:17:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vom "Wir" zum "Ich"!
"W i r brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung der Ärzte, Schulen, Kitas, der Betriebe und natürlich auch der Familien, damit Masern in Deutschland der Vergangenheit angehören", beschwört Bundes-Gesundheitsminister (BGM) Hermann Gröhe anlässlich der Europäischen Impfwoche im Originalton und steht vor dem mit roten "Masernpunkten" neckisch angestrahlten Hauptgebäude der Charité in Berlin. Mit "Wir" meint er wohl nur "die Anderen", nicht aber sich selbst.

Das ist in etwa so treffend wie die Frage "Wie geht's U n s denn heute?", wenn man sich selbst als Arzt gerade n i c h t meint. Unser BGM will mit seinem kommunikativen "faux pas" andeuten, dass er und sein juristischer Sachverstand gar nicht gefragt sei. Mit dem "Wir" will er sein "Ich" sozusagen heraushalten.

Genau das soll von seiner eigenen Ressortverantwortung ablenken: Die Masernproblematik ist seit über 10 Jahren bekannt. Ungeimpfte und damit ungeschützte Migranten haben in Berlin zu einem extrem heftigen Masernausbruch geführt, deren Folgen als tödliche Spätkomplikation in Form der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) noch kommen werden.

Der Bundesgesundheitsminister als oberster Dienstherr aller Behörden und Ämter, die sich mit Krankheit und Gesundheit beschäftigen sollen, steht besonders im Bereich der Prävention in der Pflicht, umsichtig und klug ("choosing wisely") zu handeln. Deshalb müssten er und auch sein "Ich" sich besser informieren lassen.

A. Uzicanin und L. Zimmerman vom Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Georgia/USA (CDC) haben unter dem Titel: "Field Effectiveness of Live Attenuated Measles-Containing Vaccines: A Review of Published Literature" die Feld-Effektivität von abgeschwächten Masern-Lebendimpfstoffen als "vaccine effectiveness" (VE) untersucht. Dazu wurden die Ergebnisse von VE-Studien, die von 1960 bis 2010 veröffentlicht wurden, überprüft ["Methods - We reviewed results of VE studies published during 1960–2010"]. Die VE war bei Masern-Erstimpfungen zwischen den 9. bis 11. Lebensmonaten weit weniger wirksam (77% vs. 92%), als mit den Erstimpfungen erst ab dem 12. Lebensmonat aufwärts zu beginnen ["For a single dose of vaccine administered at 9–11 months of age and >/=12 months, the median VE was 77.0% (interquartile range [IQR], 62%–91%) and 92.0% (IQR, 86%–96%), respectively"].

Die z w e i m a l i g e Masernimpfung wies gegenüber Ungeimpften mit einer VE von 94,1% eine hohe Wirksamkeit auf ["For 2 doses of measles-containing vaccine, compared with no vaccination, the median VE was 94.1% (IQR, 88.3%–98.3%)"]. Vgl.:
http://jid.oxfordjournals.org/content/204/suppl_1/S133 bzw.
J Infect Dis. (2011) 204 (suppl 1):S133-S149.doi: 10.1093/infdis/jir102

Aber was ist dann mit den immerhin 5,9 Prozent, die mit der klassischen 2-fach-MMR-Impfung in Deutschland z. B. n i c h t erfolgreich immunisiert werden konnten? Bezogen auf unsere knapp 81 Millionen Menschen hier, blieben selbst bei 100-prozentiger MMR-2-fach-Durchimpfungsrate noch knapp 4,8 Millionen Einwohner o h n e den erhofften Masern-Impfschutz.

Alle ausländischen Daten sprechen für z.T. erhebliche Lücken, nicht zuletzt durch ein zu früh einsetzendes Impfregime: So wird in skandinavischen Ländern mit MMR später begonnen. Defay, F. et al. aus Kanada wiesen das mit "Measles in Children Vaccinated With 2 Doses of MMR. Pediatrics 2013; online 21. Oktober 2013; DOI: 10.1542/peds.2012-3975 nach. Die frühe Masernimpfung bei Kindern im Alter von bis zwölf Monaten sei eher ungünstig. Nach den Daten dieser kanadischen Studie wäre die Gefahr, dass der Impfstoff dann versagt, fünfmal höher. Besser sei es, mit einer Erstimpfung erst im 15. Lebensmonat zu beginnen
http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2013/10/16/peds.2012-3975.abstract

In der Masern-Problematik kann es kein einfaches "Das Wir gewinnt" geben. Impfstoffe, Impf-Empfehlungen, Versorgungsforschung, infektions-epidemiologisches Verhalten bzw. Medizin- und Versorgungs-Bildungsferne im Bundesgesundheitsministerium gehören auf den Prüfstand.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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