Ärzte Zeitung, 13.01.2014

MRSA

Die Gefahr kommt aus dem Jauchefass

Wer in der Nähe eines Schweinemastbetriebes wohnt, hat ein erhöhtes Risiko, sich mit MRSA zu infizieren. Denn: Viele Tiermäster bringen verseuchte Gülle auf die Felder aus.

Von Elke Oberhofer

Die Gefahr, die aus dem Jauchefass kommt

Die Hauptursache für die Ausbreitung ambulant erworbener MRSA liegt in der Tiermast.

© Roland Weihrauch / dpa

MÜNCHEN. Die MRSA-Rate an Staphylococcus-aureus-Isolaten in Deutschland lag 1990 noch bei einem Prozent, dagegen waren 2007 schon 20 Prozent der Isolate resistent gegen die Standardtherapeutika Methicillin oder Oxacillin.

Mittlerweile hat sich die Lage zwar stabilisiert, berichtete Prof. Gerd Fätkenheuer, Köln, auf dem Internisten-Update in München. Aber resistente Erreger verbreiten sich zunehmend auf ambulantem Wege.

In den USA; hier übersteigt der Anteil der "community acquired MRSA" (cMRSA) bereits den der nosokomial erworbenen Fälle. Aber auch in Deutschland gab es bereits Fälle von cMRSA-Infektionen.

Blutstrominfektionen: NRW besonders, Bayern kaum betroffen

Die Hauptursache für die Ausbreitung ambulant erworbener MRSA liegt nach Fätkenheuer im Antibiotikaeinsatz in der Tiermast.

In Deutschland werden 85 Prozent aller Antibiotika in landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt, nur 15 Prozent in der Humanmedizin.

Die Tiere scheiden resistente Erreger aus, die dann mit dem Dünger auf die Felder gelangen. Damit können sich die MRSA-Stämme im Umland verbreiten.

"Je näher man an diesen Feldern wohnt, desto höher ist das Risiko, sich mit MRSA-Erregern zu infizieren", sagte Fätkenheuer.

Dem Experten zufolge gehen auch viele in Krankenhäusern auftretende MRSA-Infektionen auf tierische Stämme zurück.

Einer Studie zufolge war dies in 30 Prozent der Fall. 2011 wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) 4216 Fälle von MRSA-Bakteriämien gemeldet.

Am höchsten war die Rate der Blutstrominfektionen in Nordrhein-Westfalen (24,8 Prozent) und Berlin (26,8 Prozent). Am wenigsten betroffen war Bayern mit 9,9 Prozent.

MRSA-Prävalenz in USA höher

Das RKI schreibt bei Klinikpatienten mit erhöhtem Risiko ein MRSA-Screening vor. Positiv getestete Personen sind zu isolieren und zu dekolonisieren. Dieses Vorgehen wird international allerdings heftig diskutiert.

So haben kürzlich die Autoren einer Studie (NEJM 2013; 368: 2255-65) gefordert, auf das Screening komplett zu verzichten und dafür alle Intensivpatienten rigoros mit Mupirocin-Nasensalbe und täglichen Chlorhexidinwaschungen zu dekolonisieren.

Ergebnis ihres Vergleichs mit 74.000 Patienten auf 74 Intensivstationen: Durch radikale Dekolonisierung ging die MRSA-Besiedelung um 37 Prozent zurück. Dagegen blieb das Standardvorgehen ohne nennenswerten Effekt.

Nach Fätkenheuer lassen sich solche Daten allerdings nur bedingt auf Deutschland übertragen; schließlich sei hierzulande die MRSA-Prävalenz deutlich niedriger als in den USA.

Die Behandlung einer Blutstrominfektion mit Staphylococcus aureus erfolgt heute bevorzugt mit Flucloxacillin, und zwar hoch dosiert intravenös und über mindestens zwei Wochen, mahnte der Experte.

Vancomycin sei in der Wirksamkeit deutlich schwächer; als erste Alternative komme Daptomycin infrage.

[11.02.2014, 15:08:10]
Dr. Horst Grünwoldt 
Mutmaßungen
Der Kölner Internist Prof. Fätkenheuer verbreitet nach m.E. unbegründete Angst und Schrecken in der Öffentlichkeit mit seiner Hypothese, daß die Schweine-Gülle die Quelle von MRSA-Keimen sei, die erst nach Antibiotikum-Abusus in den Mastställen ihre Hemmstoff-Resistenzen entwickelt haben sollen. Dies halte ich -mit Verlaub- für "bullshit".
Staphylokokken sind bekanntlich keine Darmkeime, die mit Fäkalien oder dem Urin massenhaft ausgeschieden werden können. Für deren Unterdrückung sorgt schon die normale Darmflora der Coliformen.
In die Außenwelt freigesetzte Darmbakterien unterliegen bekanntlich -wie alle vegetativen Keime- ziemlich rasch einer natürlichen Absterberate - sofern sie keine Sporenbildner sind.
Insofern gibt es überhaupt keinen Grund, umwelthygienische Bakterien-Hysterie auszurufen, wo es während der Felddüngung ein paar Tage nach tierischen Ausscheidungen im ländlichen Raum riecht.
Vielmehr gilt bakteriologisch: Überall, wo primitive Mikroorganismen sich exponentiell vermehren (teilen) können, kommt es zu Spontan-Mutationen im Genom der Einzeller -auch ohne Antibiotikum-Einsatz!
Das geschieht natürlicherweise alle Tage auf den (entzündeten) Nasen-/Rachen-Schleimhäuten von Menschen, wie auch bei Schweinen. Und erst recht im Darmbereich mit seiner bakteriologischen Nährstoff-Grundlage. So können neben dem "alteingesessen" Bewohner vom Stamm des E.coli auch mal Varianten wie EHEC mit neuen - auch pathogenen- Eigenschaften entstehen.
Daß dabei zufällig und immer wieder -auch ohne antibiotische Provokation- resistente Keime gegen "alte" Antibiotika spontan entstehen können, liegt in den vielen Fehler-Möglichkeiten der genetischen Reduplikation!
Daß dann ein Alt-Antibiotikum ggf. sich als "stumpf" erweist, d.h. seine keimhemmende Fähigkeit verlieren kann, liegt auf der Hand.
Dann genügt es aber nicht, nur einen neuen kryptischen Namen wie MRSA zu erfinden -und nach einem Sündenbock zu suchen -, sondern ein neues Antibiotikum zu entwickeln.
Bis dahin ist es gewiß sinnvoll, sich auf die Königsdisziplin der Medizin - Hygienemaßnahmen- zu verlassen. Und wirksam gegen das Auftreten von nosokomialen Infektionen mit sog. resisten Keimen dürfte in jedem Fall auch die Dekontamination von neu eingewiesenen Patienten sein; bei MRSA-Verdacht u.a. durch simple Kochsalz-Spülungen im Nasen-Rachen-Bereich.
Für den "Kampf gegen den unsichtbaren Feind" dürfte nach wie vor die geniale Erkenntnis des großen Louis Pasteur gelten: " Le microbe - c´est rien, le terrain - c´est tout"!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[13.01.2014, 08:04:59]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Schweinerei" im Krankenhaus?
Wenn nach Expertenmeinung bis zu 30 Prozent der in Krankenhäusern auftretenden MRSA-Infektionen auf tierische Stämme zurückzuführen sind, ist die Frage völlig offen, ob das bisherige Konzept nosokomialer Infektionen stimmig ist? Dann dann bringt ein erheblicher Teil der Patientinnen und Patienten die MRSA-Erreger unwissentlich frei Haus in die Klinik. Und auch die Besucher müssten sich einem MRSA-Screening z. B. unter ihren Fingernägeln unterziehen, insbesondere, wenn sie aus dem Dunstkreis eines Schweinemast-Betriebes kommen.

Wir hatten über einige Jahre einen passionierten Reitsportler in unserer Praxis. Den musste ich mehrfach auffordern, wenigstens seine Stallschuhe zu wechseln, bevor er die Praxis erfreulicherweise o h n e sein Pferd betrat.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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