Ärzte Zeitung online, 08.06.2015

Was tun?

Zeitbombe Antibiotika-Resistenz

Der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen ist ein großes Thema auf dem G7-Gipfel. Im Fokus steht dabei der Antibiotikaeinsatz in der Tiermast. Untersuchungen zeigen: Das Problembewusstsein ist groß - die Wissenslücken sind es aber auch.

Von Angela Mißlbeck

Zeitbombe Antibiotika-Resistenz

Es gibt Instrumente gegen Antibiotika-Resistenzen: Sie müssen nur genutzt werden.

© dpa

BERLIN. Im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen setzt die Berliner Uniklinik Charité in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut jetzt auf mehr Information.

Zwar ist das Problembewusstsein in der Bevölkerung hoch, doch gibt es auch große Wissenslücken. Das zeigt eine repräsentative Befragung durch TNS Emnid im Rahmen des Forschungsprojektes RAI - Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation.

Mehr als zwei Drittel der Befragten, fanden das Thema Antibiotikaresistenzen wichtig oder sehr wichtig (70 Prozent).

Doch wusste nur jeder Vierte, wer oder was gegen Antibiotika resistent werden kann. Zugleich gingen 58 Prozent der Befragten davon aus, dass ihr eigenes Verhalten keinen Einfluss auf die Resistenzbildung hat.

Das Fazit der Charité-Forscher: "Um die Resistenzproblematik in den Griff zu bekommen, müssen wir besser informieren als bisher", so die Charité-Chef-Hygienikerin Professor Petra Gastmeier.

Gezielte Info-Kampagne

Das Projekt RAI will sektorenübergreifend Informations- und Kommunikationsstrategien zum maßvollen Einsatz von Antibiotika entwickeln. "Eines der größten Versäumnisse in der Vergangenheit war, dass man die Initiativen immer nur auf eine bestimmte Gruppierung beschränkt hat", sagt Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts.

RAI soll nun alle Beteiligten angesprochen. Informationstools, Botschaften und Kommunikationsstrategie sollen auf einzelne Zielgruppen zugeschnitten werden. Dazu zählen Hausärzte, Chirurgen und Intensivmediziner, Tierärzte und Landwirte, ambulante Patienten, Fernreisende.

Das Projekt beschränkt sich zunächst auf Berlin, Brandenburg und Thüringen. Derzeit läuft die Auswertung zum Informationsstand der Hausärzte.

Die Gesundheitsexpertin der Grünen Kordula Schulz-Asche hatte kürzlich eine Informationskampagne gefordert. "Wir brauchen eine Aufklärungsoffensive für den bewussten Umgang mit Antibiotika und über die Risiken multiresistenter Erreger", so Schulz-Asche.

Wie in Frankreich: "Mit einer flächendeckenden Medien-Kampagne konnte die Antibiotikaverordnung in der ambulanten Krankenversorgung um 26,5 Prozent reduziert werden. Das muss auch unser Ziel sein", so Schulz-Asche.

Zwar sind auch im Krankenhaus deutliche Verbesserungen möglich, wie eine Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion kürzlich zeigte. Sowohl stationär als auch ambulant sind demnach mindestens 30 Prozent der Verordnungen unnötig.

85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden nach Angaben der Studienautorin und Charité-Hygienikerin Dr. Elisabeth Meyer von niedergelassenen Ärzten verordnet.

Verordnungen nicht immer indikationsgerecht

Zwar nehmen die Verschreibungen Meyer zufolge seit 2009 leicht ab, es würden aber mehr resistenzbefördernde Antibiotika wie Chinolone und Cephalosporine eingesetzt.

Die Hygienikerin stellt auch fest, dass im Nordosten und in Bayern insgesamt weniger Antibiotika verordnet werden als in westlichen Bundesländern. "Die Gründe dafür sind unklar, zeigen jedoch das Verbesserungspotenzial."

Dass die Verordnungen nicht immer indikationsgerecht sind, sieht Meyer auch dadurch belegt, dass sich der Verbrauch der Chinolone Norfloxacin und Ciprofloxacin innerhalb von sieben Jahren verdoppelt habe, nachdem sie zu einem reduzierten Preis als Generika angeboten wurden.

"Parallel dazu stieg die Resistenz gegen Ciprofloxacin bei E. coli an", so Meyer. Sie regte daher Mindestpreise für Antibiotika an.

Im internationalen Vergleich verordnen deutsche Ärzte aber relativ wenig Antibiotika. Bei der Verordnungsmenge liegt Deutschland im unteren Drittel der EU-Staaten.

Hochverbraucher Tiermast

Dagegen gehöre Deutschland EU-weit zu den Hochverbrauchern beim Einsatz von Antibiotika in der Tiermast, so Meyer. Nach ihren Angaben wurden 2013 in Deutschland 1452 Tonnen Antibiotika in der Tiermast eingesetzt, zwei Jahre zuvor noch 1706 Tonnen.

Zeitgleich beobachtet die Hygienikerin aber auch in der Tiermast einen problematischen Anstieg bei Chinolonen von acht auf zwölf Tonnen.

Neun von zehn Masthähnchen und Puten werden nach ihren Angaben antibiotisch behandelt, oft mit mehreren zeitgleich verabreichten Antibiotika. "Ein so hoher Verbrauch kann und sollte deutlich reduziert werden", fordert sie.

Meyers Prognose: "Wenn man die Entwicklung der Resistenzraten fortschreibt und wirksame Gegenmaßnahmen unterlässt, werden antibiotikaresistente Keime weltweit gesehen im Jahr 2050 zu den Haupttodesursachen gehören - mit Schwerpunkt in Asien und Afrika. In Europa dürfte sich die Zahl der Todesfälle durch antibiotikaresistente Keime von derzeit 23.000 auf knapp 400.000 im Jahr 2050 erhöhen."

[08.06.2015, 16:10:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Multimedial, multifaktoriell, multilokulär und multizentrisch gegen Antibiotika-Resistenz
Der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen muss nicht nur multimedial, sondern auch multifaktoriell, multilokulär und multizentrisch geführt werden. Die repräsentative Emnid-Befragung im Rahmen des Forschungsprojektes RAI - Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation - ,von der Berliner Uniklinik Charité (BUC) in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut (RKI) initiiert, ist da nur ein kleiner Anfang.

Denn fast 60 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass e i g e n e s Verhalten k e i n e n Einfluss auf Infektions- und Resistenzbildung hat. Da ist offensichtlich das Kindergarten-Motto: "Nach dem Klo und vor dem Essen, Hände-Waschen nicht vergessen!" noch nicht ausreichend implementiert. Selbst einer meiner Berufskollegen publizierte kürzlich, wegen möglicher kontaminierter Lebensmittel sich nur n a c h deren Zubereitung die Hände waschen zu wollen. Und nicht nach üblichen berufsgenossenschaftlichen Vorschriften für die gesamte Nahrungskette verbindlich dies auch und besonders v o r jeglichem Hantieren, Verarbeiten, Zubereiten und/oder Kochen von Lebensmitteln zu tun.

Nach übereinstimmenden Berichten werden multiresistente Keime n i c h t überwiegend von unsachgemäß hantierenden, "unhygienisch" arbeitenden Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Sondern diese Keime werden häufiger durch Kranke und Begleitpersonen von a u ß e n in Praxis und Klinik eingebracht:
1. http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/887024/fruehchen-charite-keimbefall-geht-wohl-mutter-zurueck.html
2. http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/882083/klinik-hygiene-groehes-plan-killer-keime.html#comment
Mit der Not-Operation eines Infizierten, aus der Türkei eingeflogenen Patienten war es zur Ausbreitung von Acinetobacter baumannii gekommen.
3. J Med Microbiol 2015; 305: 148 - Infektiologisch-mikrobiologische Risikobeweise aus Leipzig mit Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht ["Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany"] usw. usf.

Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft den Sachverhalt: übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden. Wie gut deren Beherrschung heute schon in vielen institutionellen Einrichtungen weltweit funktionieren kann, wird an der EBOLA-Endemie deutlich: In keinem Fall kam es unter professioneller Pflege- und Versorgungsqualität zu nosokomialen Infektionen und der Gefahr einer kontinentalen Epidemie bzw. globalen Pandemie.


Jedoch sind jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, Träger von potenziell multiresistenten Keimen. Mittlerweile gehören auch Menschen, die nur kontaminiertes Fleisch kaufen, zum Kreis der "Verdächtigen".

Für über 2000 Kliniken, für große interventionelle Praxen und jedes MVZ in Deutschland brauchen wir Hygiene-Fachkräfte. Diese sollen keineswegs nur auf Prozess- und Ergebnisqualität achten. Und darüber wachen, dass allgemeine und spezielle Hände-Hygiene-Regeln bei Mitarbeitern, Patienten und Besuchern eingehalten werden. Vom Klinik- bzw. Praxisparkplatz bis zum Schornstein, vom Empfang, der Küche/Kantine, den Betten- und Funktionsräumen bis zum (Hybrid-)OP bzw. von der Ver- bis hin zur Entsorgung müssen a l l e infektiologischen Belange der Praxis- bzw. Krankenhaushygiene bei Patienten, Gebäude, Personal, Arbeitsabläufen und Logistik berücksichtigt werden.

International verglichen, liegen die Ärzte in Deutschland im unteren Antibiotika-Verordnungs-Drittel aller EU-Staaten. Dagegen gehört Deutschland EU-weit zu Hochverbrauchern beim Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft und damit in der fleischverarbeitenden Industrie: 2013 "nur" 1.452 Tonnen, 2011 sogar 1.706 Tonnen.

Mit handelsüblichen Haushalts-Putzmitteln kann man seinen privaten Haushalt gar nicht keimfrei machen. Es handelt sich dabei höchstens um Desinfektionsmittel mit allenfalls passagerer Wirkung, denn nach 30-60 Minuten sind alle präexistenten Keime wieder aktiv. Eine Multiresistenz-Problematik geht von deren oberflächlichen Wirkungen gar nicht aus. Klassische Scheuer-Wisch-Mittel und Flächendesinfektion kontaminierter Bereich z. B. bei "undichten" Windeln machen dagegen auch zu Hause durchaus Sinn.

Sagrotan®-Produkte sind dafür keineswegs gut geeignet. Der von mir hochgeschätzte Dortmunder Dr. Walter Krämer, Professor für Statistik (VWL-BWL) an der Technischen Universität Dortmund (TUDO) und Mitherausgeber der "Unstatistik des Monats" stellt dazu fest:
"Die Werbesprüche von Sagrotan® sind vom gleichen Kaliber wie etwa die Behauptung von VW: unser neuer Polo braucht pro 100 Kilometer nur 4 Liter Sprit. Das stimmt zwar, aber nur unter bestimmten Versuchsbedingungen. Im normalen Alltag braucht er natürlich mehr, und genauso tötet Sagrotan® im normalen Alltag auch weniger als 99,9 Prozent aller Bakterien ab.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[08.06.2015, 13:18:49]
Heike Drolshagen 
(Antibiotica)-Resistenzen
Angesichts der zunehmenden Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika halte ich es für einen Skanda. dass jeder Haushalt Putzmittel u. ä. unter dem Namen von "Sagrotan" frei erwerben kann, um seinen privaten Haushalt keimfrei zu machen bzw. zu halten. Auch der flächendeckende Einsatz solcher Präparate fördert Resistenzbildungen aber auch Abwehrschwächen. Es wird unterschlagen, dass das Immunsystem des menschlichen Körpers sich mit Keimen auseinandersetzen muss, um Abwehrreaktionen zu trainieren. Sagrotan und vergleichbare Mittel sollten für den unkritischen Einsatz im Privathaushalt verboten werden. zum Beitrag »

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