Ärzte Zeitung, 05.07.2009

Bereits Millionen an Schweinegrippe erkrankt?

ATLANTA (hub). Das neue H1N1-Virus verbreitet sich weiter: Weltweit wurden fast 93.700 Schweinegrippe-Erkrankungen bestätigt, ein Zehntel davon in Europa, rund 7500 Fälle stammen allein aus Großbritannien. In den USA wurden weit über 33.000 Erkrankungen bestätigt. Seuchenexperten vermuten eine wesentlich höhere Zahl.

Bereits Millionen an Schweinegrippe erkrankt?

Foto: GSK/www.fotolia.de

"Wir gehen davon aus, dass die Zahl bestätigter Erkrankungen nur die Spitze des Eisbergs ist", sagt Anne Schuchat von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta. Vielmehr gehe man davon aus, in diesem Jahr hätten sich in den USA bisher eine Zahl von Menschen im Millionenbereich am neuen H1N1-Virus angesteckt. In einer Reihe von Kommunen hätten Erhebungen ergeben, dass etwa sechs Prozent der Bewohner eine Erkrankung hatten, die mit der Schweinegrippe übereinstimme.

Die größte Auswirkung hat das Virus noch immer auf junge Menschen. "Anders als bei der saisonalen Influenza, die hauptsächlich über 65-Jährige trifft, jetzt gibt es hohe Erkrankungsraten bei Menschen unter 50 Jahren", so Schuchat. Die höchsten Raten sind bei den unter 25-Jährigen zu beobachten. 80 Prozent derjenigen, die ins Krankenhaus mussten, sind jünger als 50 Jahre. Das Alter liegt im Median bei 19 Jahren. Und diejenigen, die am Virus gestorben -sind, in den USA über 170 Menschen, waren im Median 37 Jahre alt. "Noch immer ziemlich jung, um an einer Infektionskrankheit zu sterben", so die Seuchenexpertin.

Bei Chronikern verläuft Schweinegrippe oft schwer

Besonders für Patienten mit Grunderkrankungen ist das Wissen um das neue N1N1-Virus wichtig. Denn Asthmatiker, Diabetiker, Herzkranke, chronisch Lungenkranke und Schwangere seien durch schwere Verläufe der Schweinegrippe besonders gefährdet. "Das gilt auch für adipöse Menschen", sagt Schuchat. Bereits Mitte Mai war in den USA beobachtet worden, dass bei adipösen Menschen eine Erkrankung mit dem neuen H1N1-Virus gehäuft schwerer verläuft. "Adipositas ist aber kein eigener Risikofaktor", erläutert Schuchat. Vielmehr würde das Übergewicht negativ auf die Lunge und deren Funktion wirken und so indirekt das Influenzarisiko erhöhen.

Wer geimpft werden sollte, wenn Pandemie-Impfstoffe verfügbar sind, lässt Schuchat derzeit noch offen. Dazu müsse klar sein, wie viele Impfdosen verfügbar sind, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und vor allem, ob sich das Virus verändert. Die CDC haben allerdings vorsorglich die Gemeinden in den USA aufgefordert, Pläne zu entwickeln, wie junge Menschen, Schwangere und chronisch Kranke zügig geimpft werden könnten.

Deutschland fordert eine koordinierte Impfstrategie

Deutschland hat sich bei der internationalen Konferenz über Schweinegrippe im mexikanischen Cancun vergangene Woche nachdrücklich für eine koordinierte Impfstrategie der Staatengemeinschaft aus gesprochen. "Angesichts weltweit begrenzter Produktionskapazitäten müssen wir erreichen, dass pandemische Impfstoffe im Rahmen einer koordinierten globalen Strategie dort in ausreichender Menge eingesetzt werden können, wo sie benötigt werden", sagte Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder. WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan kündigte in Cancun an, die WHO werde 150 Millionen Impfdosen für die armen Länder der Welt reservieren.

Die CDC betonen in einer Stellungnahme auch die Notwendigkeit der Pneumokokken-Impfung. Diese Impfung könne Influenza-bedingte Sekundärinfektionen durch die Bakterien verhindern. Besonders bei jüngeren chronisch Kranken seien die Impfraten aber noch niedrig. Nach Schätzungen sind auch in Deutschland nur zwischen 10 und 20 Prozent der Chroniker gegen Pneumokokken geimpft. Sie sind jedoch die Hauptzielgruppe der Impfung - neben den über 60-Jährigen, für die die Pneumokokken-Impfung als Standardimpfung gilt.

Wer würde in Deutschland als Erster geimpft?

Für den Fall, dass der gesamten Bevölkerung eine Impfung angeboten wird, gilt: Die Impfstoffe werden voraussichtlich über einen Zeitraum von mehreren Wochen angeliefert. Die Impfung kann daher nicht sofort allen angeboten werden. Es ist daher notwendig, in geordneter Reihenfolge zu impfen. Das rät auch die WHO.

Ziel muss dabei eine Impfstoffverteilung sein, die den höchsten Nutzen für die Minderung von Krankheit und Tod verspricht. Der nationale Pandemieplan vom Mai 2007 sieht dazu vor, dass "der zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderliche Personenkreis" zu berücksichtigen ist, da er unverzichtbare Aufgaben in der Pandemiebewältigung erfüllt.

Die Bevölkerung soll im Übrigen nach Altersjahrgängen geimpft werden. Die Reihenfolge der Jahrgänge wird so gewählt, dass eine möglichst geringe Krankheitslast und Sterblichkeit zu erwarten ist. Sie ergibt sich aus dem aktuellen Stand der Wissenschaft und der Auswertung aktueller epidemiologischer Daten der Pandemie. (Quelle: RKI)

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