Ärzte Zeitung, 17.07.2009

"Es wird viele Pandemiewellen geben"

Pandemie-Impfstoffe führen zu einer breiteren Immunantwort als saisonale Impfstoffe. Erreicht wird das durch spezielle Adjuvanzien. "Geimpfte Menschen sind so auch gegen sich verändernde Schweinegrippe-Viren geschützt", sagt Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen (PEI).

"Es wird viele Pandemiewellen geben"

Dr. Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets Virusimpfstoffe, Paul-Ehrlich-Institut: "Mit jedem neu infizierten Menschen steigt die Möglichkeit, dass das Virus fitter wird."

Ärzte Zeitung: Weit über 125 000 bestätigte H1N1/09-Erkrankungen gibt es weltweit. Die Zahl real Erkrankter muss wesentlich höher sein, was ist anzunehmen?

Dr. Michael Pfleiderer: Das Virus ist in weiten Teilen der menschlichen Population vertreten. Was wir sehen, ist die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer ist gigantisch, vermute ich.

Ärzte Zeitung: Vertreten heißt, dass die Menschen Kontakt hatten oder erkrankt sind?

Pfleiderer: Bei den milden Verlaufsformen, vor allem am Anfang, als das Virus noch nicht so bekannt war, sind Erkrankungen nicht erkannt worden. Das haben erst die modernen Nachweisverfahren möglich gemacht, nicht die spezifische Symptomatik.

Ärzte Zeitung: Keine spezifische Symptomatik heißt subklinische Infektion?

Pfleiderer: Ja, oder auch atypische Infektionen, irgendeine Art von ILI - influenza like illness: die berühmte Sommergrippe oder eine leichte Verkühlung, nichts was man sonst mit einer echten Influenza in Verbindung bringen würde.

Ärzte Zeitung: Ist, wer jetzt an Schweinegrippe erkrankt, geschützt, wenn sich das Virus im Herbst oder Winter verändert? Auch frühere Pandemien hatten zwei Wellen.

Pfleiderer: Es wird vermutlich viele Wellen geben. Auch vergangene Pandemien sind in mehreren Wellen abgelaufen, nicht nur in zwei. Die Pandemie ist nichts, was jetzt in einigen Monaten vorbei ist. Wer bereits jetzt infiziert wurde, ist eher nicht geschützt, ich bezweifle das. Was so mild verläuft, kann keine Immunantwort erzeugen, die qualitativ so hoch ist, dass sie auch mit einem virulenteren Virus fertig werden würde. Das ist mit vielen Erregern so: Milde, subklinisch verlaufende Infektionen hinterlassen keine ausgeprägte Immunität. Es stellt sich auch immer wieder die Frage, muss man Menschen, die schon infiziert waren, impfen? Ja, die muss man impfen, weil man nicht davon ausgehen kann, dass sie einen Immunschutz haben.

Ärzte Zeitung: Also bietet eine Infektion mit dem neuen H1N1-Virus jetzt keinen Schutz vor einem veränderten Virus in der Zukunft?

Pfleiderer: Influenzaviren müssen sich verändern. Sie müssen ja der menschlichen Immunantwort entkommen, der Herdenimmunität. Es ist das natürliche Interesse des Virus, seine Oberfläche so zu verändern, dass es eben nicht mehr von spezifischen Antikörpern erkannt wird. Viren, die das nicht schaffen, werden eliminiert, etwas anderes sieht die Evolution nicht vor. Und Influenzaviren sind Erfolgsmodelle, die werden das immer wieder schaffen.

Ärzte Zeitung: Sind das zufällige Veränderungen, Mutationen?

Pfleiderer: Ja, aufgrund eines Selektionsdrucks. Und der kommt von der individuellen und kollektiven Immunantwort im Menschen. Das liegt im Moment für das neue H1N1-Virus noch nicht vor. Es ist ja ein neues Virus: Weltweit sind die Menschen immunologisch weitgehend naiv dagegen. Der Druck, die Oberfläche zu verändern, ist nicht da. Es ist unwahrscheinlich, dass wir es im Herbst mit einem Virus zu tun haben, das seine Oberfläche so verändert, dass es nicht mehr identisch ist, mit dem, was wir jetzt sehen. Es wird einen marginalen Drift geben, aber keinen Shift, kein neues Hämagglutinin, keine ganz andere Oberfläche.

Ärzte Zeitung: Was heißt Shift?

Pfleiderer: Shift ist eben das, was wir jetzt sehen: Ein neues H1N1 taucht auf, das noch nie da war. Drift bedeutet, ein vorhandenes Hämagglutinin verändert sich langsam, wegen der Exposition gegenüber einer wachsenden Immunantwort individueller und kollektiver Art im Menschen. Aber was uns etwas besorgter macht, ist, dass mit sich ausbreitenden Infektionen - mehr Personen sind infiziert - sich insgesamt die Spielwiese für das Virus vergrößert. Mit jedem Menschen, der neu infiziert wird, steigt die Möglichkeit, dass sich das Virus adaptiert, fitter wird, damit auch virulenter und so dieser zweiten Welle Vorschub geleistet wird. Durch eine Variante, die sich besser durchsetzen kann, auch infektiöser ist und besser übertragen werden kann, etwa über Tröpfcheninfektion, das kann das Virus im Moment noch nicht so gut.

Ärzte Zeitung: Wie ist das, wenn zwei Viren aufeinander treffen?

Pfleiderer: Dann besteht auch die Gefahr, dass diese Fitnessfaktoren von vorhandenen Genen der zirkulierenden Influenza-A-Viren übernommen werden, etwa über eine Koinfektion. Was daraus kommt, kann ich nicht beurteilen - niemand kann das, aber die Gefahr besteht.

Ärzte Zeitung: Das sind dann neue Reassortanten?

Pfleiderer: Ja, das neue H1N1-Virus nimmt einfach von vorhandenen Viren, was es braucht, um fitter zu werden. Ob das passiert, werden wir sehen. Wenn solche Isolate auftauchen, braucht es nur Laboranalytik, um festzustellen, wo der neue Faktor herkommt. Auf der anderen Seite ist es auch für das Virus kein Problem, sich sozusagen selbst fitter zu machen. Auch ohne Reassortment kann plötzlich eine virulentere Variante entstehen, die sich durchsetzt.

Ärzte Zeitung: Aber die Pandemie-Impfstoffe, die jetzt produziert werden, die enthalten das jetzige H1N1-/09-Virus.

Pfleiderer: So ist es. Aber ich habe ja schon gesagt: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die Oberfläche verändern wird. Und gegen die Oberfläche wirkt der Impfstoff, gegen das Hämagglutinin. Und selbst wenn es sich verändert: Das Impfstoffkonzept ist so angelegt, dass eine sehr breite Immunantwort generiert wird, die auch Driftvarianten des jetzigen neuen H1N1-Virus abdeckt.

Ärzte Zeitung: Wodurch wird das erreicht?

Pfleiderer: Durch potente Adjuvanzsysteme, also immunverstärkende Substanzen, die sehr viele immunologische Kompartimente ansprechen. So wird eine sehr breit gefächerte Immunantwort induziert, wesentlich breit gefächerter als bei den saisonalen Impfstoffen.

Das Interview führte Michael Hubert

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