Ärzte Zeitung, 08.09.2009

Die USA wollen auch alle Kinder gegen H1N1 impfen - in Deutschland scheint dies utopisch

Impfmüdigkeit in Deutschland könnte die Bemühungen erschweren, die Schweinegrippe-Epidemie hierzulande einzudämmen. Vor allem bei jungen Menschen und Kindern erwarten Experten eine geringe Impfbereitschaft.

Von Petra Eiden und Thomas Müller

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Wer lässt sich Impfen? Diese Frage bleibt spannend.

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Mitte September werden die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Impfung gegen die Neue Grippe erwartet. Spannend dürfte dann sein, ob auch in Deutschland nicht nur medizinisches Personal, Schwangere und chronisch Kranke primär geimpft werden sollen, sondern zudem alle Kinder und jungen Erwachsenen. In ihren zuletzt angepassten Impfempfehlungen hat die US-Seuchenbehörde CDC genau dieses gefordert: Zunächst auch alle Menschen im Alter von sechs Monaten bis 24 Jahren zu impfen. Die CDC begründet dies einerseits damit, dass diese Altersgruppe überproportional von H1N1-Erkrankungen betroffen ist. Andererseits gehören Kinder und junge Erwachsene zu den Hauptverbreitern von Influenza-Viren. Die US-Behörde hat damit nun offenbar auch die Forderung vieler Epidemiologen berücksichtigt, die in einer Impfung von Kindern die wirkungsvollste Möglichkeit sahen, eine Influenza-Pandemie zu stoppen (wir berichteten).

Bemerkenswerte Grippeaktivität im Sommer

Solange die Schweinegrippe-Epidemie in Deutschland aber noch recht milde verläuft, könnte die Impfbereitschaft in der Bevölkerung relativ gering sein. Am Rande einer Pressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) in Berlin warnte Professor Tom Schaberg aus Rotenburg, Mitglied der Nationalen Pandemiekommission des Robert Koch-Institutes, vor einer Verharmlosung der Neuen Grippe. Die Aktivität der Neuen Grippe (H1N1) scheine derzeit zwar nachzulassen. "Wir haben aber eine signifikante Grippeaktivität im Sommer, bei der ein neues Virus auf immunologisch naive Menschen trifft. Selbst wenn von fünf- bis zehnmal mehr Neuinfektionen im Sommer ausgegangen werden kann, als letztlich bekannt geworden sind, wären im Herbst und Winter weit über 95 Prozent der Bevölkerung immunologisch naiv gegenüber dem neuen Virus."

Schaberg erinnerte daran, dass bisher 85 Prozent der Menschen mit schweren, krankenhauspflichtigen Verläufen unter 35 Jahre alt gewesen sind. Grippetote seien im Mittel etwa 30 Jahre jünger gewesen, als bei der saisonalen Grippe üblich. "Damit betrifft die Neue Grippe eine völlig andere Altersgruppe als die saisonale", so der Pneumologe.

Dementsprechend werden die STIKO-Impfempfehlungen für die Neue Grippe auch andere Risikogruppe betreffen. Während bei der saisonalen Impfung über 60-Jährige, chronisch Kranke und medizinisches Personal im Fokus stehen, müssen gegen die Neue Grippe vor allem jüngere Menschen geimpft werden. Er erwartet, dass die deutschen Impfempfehlungen nicht wesentlich von internationalen abweichen werden, eine Umsetzung ähnlicher Empfehlungen wie in den USA sieht Schaberg in Deutschland allerdings kritisch: "Amerikaner sind ausgesprochen impffreundlich. Die Empfehlung, alle Kinder impfen zu lassen, wird dort breit befolgt werden. Das ist bei uns ganz anders."

"Saisonale und pandemische Impfung zugleich möglich"

Die Empfehlung, medizinisches Personal auch gegen die Neue Grippe zu impfen, geht laut Schaberg auf präventive Überlegungen zurück: "Wenn im Herbst eine starke Grippewelle auf uns zukommt, funktioniert bei einer Erkrankungsrate von 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung vieles nicht mehr - etwa die Versorgung in Kliniken oder Arztpraxen." Daher werde man medizinischem Personal dringend zur Impfung raten, um die Strukturen aufrechtzuerhalten. Sollen bei einer Person die pandemische und die saisonale Impfung vorgenommen werden, sei dies gleichzeitig möglich - jedoch kontralateral.

Zu den Empfehlungen für Schwangere erläuterte Schaberg, die Impfung an sich sei zwar nicht teratogen - weder der Totimpfstoff, noch die Adjuvantien. "Wir wissen aber nicht, ob wir nicht Fieber erzeugen, das teratogen sein kann", so seine Sorge. Aufgrund der Adjuvantien, die die Effektivität der Impfung erhöhen, seien Fieber und Allgemeinsymptome etwas ausgeprägter als bei der saisonalen Impfung.

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