Ärzte Zeitung, 25.11.2009

Chronisch kranke Kinder bevorzugt gegen Schweinegrippe impfen?

Chronisch kranke Kinder bevorzugt gegen Schweinegrippe impfen?

Über 100 chronisch kranke Kinder sind in den USA an Schweinegrippe gestorben, berichtet Dr. Jan Leidel von der Ständigen Impfkommission. In unserer Internet-Hotline hat er zu den Prioritäten bei der Impfung Stellung genommen.

Chronisch kranke Kinder bevorzugt gegen Schweinegrippe impfen?

Bei asthmakranken Babys und Kleinkindern rät die STIKO zur Schweinegrippe-Impfung. Eastman©www.fotolia.de

Eine Kollegin fragt: In Berlin werden jetzt bevorzugt chronisch kranke Kinder ab dem 6. Lebensmonat mit Pandemrix® geimpft. Wie viele Kinder sind an der saisonalen Grippe in Deutschland in den letzten Jahren schwer erkrankt? Auf Grundlage welcher Daten wurde der Impfstoff bereits für Kinder ab dem 6. Lebensmonat zugelassen?

Dr. Jan Leidel: Angesichts einer limitierten, aber ständig zunehmenden Datenlage zur Impfung von Kindern habe auch ich Schwierigkeiten, meine Einschätzung auf ein solides Datenfundament stützen zu können.

Tatsächlich sind Kinder von H1N1/09 in besonderem Maße betroffen. Etwa die Hälfte der gemeldeten Erkrankungen betrifft zur Zeit Kinder bis 14 Jahre. Das ist eine Besonderheit der "Neuen Grippe". Allerdings ist die Krankheitslast bei Kindern auch durch die saisonale Influenza nicht gering. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza am RKI berichtet in ihrem Rückblick auf die (milde) Influenzasaison 2007/08: "Bezogen auf die Bevölkerung hatten die unter 5-jährigen Kinder die höchste kumulative Inzidenz an Exzess-Konsultationen und die unter 2-Jährigen die höchste kumulative Inzidenz für Krankenhauseinweisungen."

Zur "Neuen Grippe" wurde aus den USA, Australien und Kanada übereinstimmend berichtet, dass junge Kinder unter 4 Jahren besonders häufig stationär aufgenommen werden mussten. Nach Angaben der US-amerikanischen CDC sind seit April 180 Kinder in den USA an Influenza gestorben, 156 durch bestätigte H1N1/09-Infektionen, einer durch Influenza B und 23 durch nicht subtypisierte Influenzaviren, bei denen es sich in der Mehrzahl auch um den Erreger der "Neuen Grippe" gehandelt haben dürfte. Bis September betrafen zwei Drittel der pädiatrischen Todesfälle Kinder mit chronischen Vorerkrankungen (neurologische Krankheiten, chronische Lungenerkrankungen, angeborene Herzfehler). Daraus muss man schon den Schluss ziehen, dass Kinder vorrangig geschützt werden sollten, zumal, wenn sie an einer risikoerhöhenden chronischen Vorerkrankung leiden.

Obwohl der Impfstoff durch die EMEA ab dem 6. Lebensmonat zugelassen ist, hat die limitierte Datenlage die STIKO in ihrer Empfehlung vom 12. Oktober dazu bewogen, zu diesem Zeitpunkt nur die Impfung chronisch kranker Kinder ab 6 Monaten zu empfehlen. Hinsichtlich der Impfung der gesunden Bevölkerung, einschließlich der gesunden Kinder will die STIKO die Entwicklung abwarten und die in der Zwischenzeit zusätzlich vorhandenen Daten für eine aktualisierte Empfehlung auswerten. Hiermit ist bis Ende November zu rechnen.

Zwischenzeitlich sind mehrere Studien mit Kindern erfolgt. Eine dieser klinischen Studien erfolgt mit 200 Kindern in einem Alter von 6 bis 36 Monaten in Spanien. Eine kürzlich vorgestellte Teilauswertung ergab eine Verträglichkeit, die dem Nebenwirkungsprofil, das die EMEA für die Zulassung zugrunde gelegt hatte, entsprach. Bemerkenswert ist die hohe Effektivität des adjuvantierten Impfstoffs. Fast alle Kinder wiesen nach nur einer Dosis einen schützenden Antikörpertiter im Hämagglutinations-Hemmtest auf.

Es sind solche (zunehmenden) Daten zu Effektivität und Sicherheit, die den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte dazu bewogen haben, die Impfung für Kinder ab 6 Monaten zu empfehlen. Aus meiner jetzigen Kenntnis halte ich diese Empfehlung für plausibel.

Weitere Fragen im Schweinegrippe-Forum:
Fördert Adjuvans ALS und MS?
Zwei Impfdosen bei Immunsuppression?
Impfung nach ausgeheilter Krankheit mit Fieber?
Was tun bei starker Eiweiß-Allergie?

Weitere aktuelle Berichte, Bilder und Links zum Thema Schweinegrippe (Neue Grippe) finden Sie auf unserer Sonderseite

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »