Ärzte Zeitung, 11.02.2005

HINTERGRUND

Um Tbc-Kranke effektiv zu behandeln, sind dringend neue Medikamente und Diagnostika nötig

Tuberkulose-Patienten in Brasilien warten auf die Therapie. Foto: DAHW/Rolf Bauerdick

Von Wolfgang Geissel

Jedes Jahr bekommen über acht Millionen Menschen weltweit eine aktive Tuberkulose (Tbc). Zwei bis drei Millionen Patienten sterben jährlich daran, so viele, wie bei keiner anderen Infektionskrankheit. Über 99 Prozent der Tuberkulose-Toten gibt es in den Entwicklungsländern. Und in vielen Ländern nimmt die Tbc-Inzidenz seit einigen Jahren wieder zu.

Das Comeback von Tbc hat mehrere Gründe. Vor allem die vielen HIV-Infizierten haben ein hohes Risiko für eine Ko-Infektion mit Tuberkulose. Nach Schätzungen sind bis zu 90 Prozent der Tbc-Patienten in Afrika HIV-positiv, wobei die Lebenserwartung bei einer Doppelinfektion dort nur noch etwa ein Jahr beträgt. Studien zur optimalen Therapie von HIV-infizierten Tbc-Patienten mit Virustatika und Tuberkulostatika sind daher dringend erforderlich, wie Dr. David Olson von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) berichtet hat.

Seit 1970 gibt es kein neues Medikament gegen Tuberkulose

"Geht uns bei der Tuberkulose weltweit die Luft aus?", hat MSF bei einer Veranstaltung beim Tropenmedizinkongreß in Miami in den USA gefragt. Denn bei der zunehmenden Zahl von Tbc-Patienten ist man weiterhin vor allem auf alte Medikamente und Hilfsmittel angewiesen.

So ist der nach wie vor am meisten zum Screening verwendete Tuberkulin-Test schon vor über 100 Jahren von Robert Koch entwickelt worden. Die Testergebnisse sind bei Infektionen mit atypischen Mykobakterien sowie bei BCG-Geimpften unzuverlässig, ebenso bei Aids-Patienten und anderen schwer Immungeschwächten.

Der einzige verfügbare Tbc-Impfstoff, die BCG-Vakzine (Bacillus-Calmette-Guérin) wurde 1921 eingeführt. Besonders bei Erwachsenen ist der Schutz fragwürdig. Da zudem schwere Impfreaktionen möglich sind, wird die BCG-Impfung in Deutschland nicht mehr empfohlen.

Seit 1970 ist zudem kein neues Tuberkulose-Medikament mehr auf den Markt gekommen; die meisten der heute verwendeten Mittel stammen aus den 50er und 60er Jahren. Unter optimalen Therapiebedingungen werden damit zwar immer noch 95 Prozent der Patienten geheilt. "Die Achillesferse der Substanzen ist aber ihre relativ schwache antibakterielle Wirksamkeit", sagte Olson. Patienten müssen deshalb mindestens sechs Monate zunächst mit vier und dann mit zwei Präparaten behandelt werden. Viele Patienten - besonders in Entwicklungsländern - geben vorher auf und tragen so dazu bei, daß resistente Keime entstehen.

"Zu wenige Medikamente über eine zu kurze Dauer gegeben, sind die Hauptursache des Resistenz-Problems", betonte Olson. Nach Schätzungen bekommen etwa 250 000 bis 400 000 Tuberkulose-Patienten jedes Jahre eine multiresistente Tbc (MDR-TB, multi-drug resistant), das heißt, die Erreger sind mindestens gegen die beiden First-line-Medikamente Rifampicin und Isoniazid unempfindlich.

Nach dem Global-Report 2004 der WHO zu MDR-TB sind etwa in Kasachstan und Israel bereits bei 14 Prozent der Neuerkrankten die Keime gegen mindestens zwei Tuberkulostatika resistent gewesen, in Estland bei zwölf Prozent und in Litauen bei neun Prozent. Bei Wiedererkrankungen gab es in Kasachstan bereits bei 58 Prozent und in Litauen bei 53 Prozent MDR-TB.

Gegen MDR-TB gibt es wiederum nur relativ toxische und teure Reservepräparate. Die erforderliche Therapie mit drei bis vier der Substanzen dauert 18 bis 24 Monate, inklusive einer sechsmonatigen Therapie mit Injektionen. "Die Heilungschancen betragen bei optimalen Bedingungen 61 bis 82 Prozent", wie Olson berichtet hat. Eine solche Therapie ist jedoch in Entwicklungsländern nur selten möglich. Viele Patienten brechen die Behandlung zudem ab, was dann zu Resistenzen gegen Reservepräparate führt - ein Teufelskreis.

Studien mit Fluorchinolonen wurden begonnen

"Der Kampf gegen Tbc wird sich deshalb nicht ohne neue Medikamente und Diagnostika gewinnen lassen", so Olson. Vor allem Substanzen, die die Therapie verkürzen, werden dringend gebraucht. Weltweite Initiativen wie die Global Alliance for TB Drug Development (GATB) treiben die Entwicklung solcher Mittel jetzt voran. Relativ schnellen Erfolg verspricht man sich dabei von bereits verfügbaren Antibiotika, die auf ihre Eignung gegen Tbc geprüft werden.

Dazu gehören etwa die Fluorchinolone Gatifloxacin und Moxifloxacin, mit denen erste klinische Studien laufen. Mit Moxifloxacin könne nach ersten Studienergebnissen möglicherweise die Therapiedauer auf drei Monate reduziert werden, hat Olson berichtet. Bei neuen Substanzen hat das Unternehmen Johnson & Johnson mit Diarylquinolin (R207910) ein vielversprechendes neues Mittel in der frühen klinischen Entwicklung.

Bei Mäusen sei mit der Substanz in Kombination mit anderen Tuberkulostatika eine Elimination von Tuberkel-Erregern binnen zwei Monaten geglückt, meldet die Zeitschrift "Science" (306, 2004, 1872). So etwas sei bisher mit keiner anderen Therapie möglich gewesen, schreibt das Blatt.

Ebenfalls vielversprechend ist Nitroimidazopyran (PA-824) vom Unternehmen Chiron. Die ursprünglich aus der Krebsforschung stammende Substanz ist in der klinischen Entwicklung bisher am weitesten fortgeschritten. Aber unter optimalen Bedingungen wird es noch weitere fünf Jahre dauern, bis ein neues Tbc-Medikament auf den Markt kommt.

Tuberkulose in Deutschland

Anders als in Entwicklungsländern nimmt in Industrieländern die Tuberkulose-Inzidenz ab. In Deutschland hat sich die Zahl der Neuerkrankten in den vergangenen zehn Jahren halbiert: von 14 161 im Jahr 1993 auf 7240 im Jahr 2003. Zum Vergleich: Mehr als 40 000 Menschen in Deutschland bekommen jedes Jahr Lungenkrebs.

Resistente und Multiresistente Tuberkulose-Erreger (MDR-TB) macht aber auch in Deutschland Probleme. So wurden im Jahr 2003 bei 2,1 Prozent der Patienten MDR-TB registriert, bei weiteren 13,3 Prozent Resistenzen gegen ein Medikament. Besonders häufig werden resistente Keime bei Menschen aus dem Ausland isoliert. Tuberkulose ist nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig, und zwar sowohl bei Therapiebeginn, bei einem Todesfall und auch, wenn ein Patient die Therapie abbricht. (eis)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Partnerschaft für Tuberkulostatika

Lesen Sie dazu auch:
Supervirus soll helfen, Pandemie abzuwenden

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »