Ärzte Zeitung, 24.03.2005

Tuberkulose nach wie vor Krankheit armer Leute

Molekulargenetischer Steckbrief hilft, Ansteckungswegen nachzuspüren /  Ausbreitung in unteren sozialen Schichten

BERLIN (gvg). Die Tuberkulose ist in Deutschland nach wie vor eine Erkrankung von Menschen in unteren sozialen Schichten. Das belegen erste Zwischenergebnisse einer Studie des Deutschen Zentralkomitees (DZK) zur Bekämpfung der Tuberkulose, bei der das Fingerprintingverfahren angewandt wurde.

Das Fingerprinting der Infektiologie ist nicht zu verwechseln mit dem genetischen Fingerabdruck des Menschen. Beim Fingerprinting werden molekulargenetische Merkmale der Tuberkulosekeime ermittelt. Sind Fingerprints bei zwei Patienten identisch, dann gibt es möglicherweise einen gemeinsamen Ansteckungsweg.

"Ein Tuberkulose-Ausbruch in Hamburg konnte auf diese Weise bis zu einer Kneipe in St. Pauli zurückverfolgt werden", so Dr. Daniel Sagebiel von der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin.

Die Ergebnisse der DZK-Untersuchung, die etwa in Berlin, Regensburg, Hannover und München gemacht wurde, stellte Sagebiel auf einer Veranstaltung zum Welttuberkulosetag in Berlin vor. Demnach fiel zwischen Oktober 2001 und November 2004 ein Drittel der 1558 ausgewerteten Proben in Cluster: Patienten waren also von einem Keim befallen, der auch bei mindestens einem anderen Patienten vorkam.

"Der Anteil der Patienten, die sich einem Cluster zuordnen ließen, war höher in großen Städten, bei Alkoholabhängigen, bei Obdachlosen und in den unteren sozialen Schichten", so Sagebiel. Das sei ein Hinweis darauf, daß sich die Krankheit in diesen Milieus besonders schnell ausbreite. Auf dem Land habe man es dagegen öfter mit einer reaktivierten Tuberkulose älterer Menschen zu tun, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung geringer sei.

Etwa 42 Prozent der Menschen mit neu diagnostizierter Tuberkulose kamen aus der untersten von fünf sozialen Schichten. Die Einteilung erfolgte nach dem Sozialindex nach Privatdozent Uwe Helmert von der Deutschen Koordinierungsstelle für Gesundheitswissenschaften an der Universität Freiburg. In den Index gehen Schulbildung, Beruf und Haushaltsnettoeinkommen ein.

Die DZK-Studie belegt auch, daß die Diagnose einer Tuberkulose in Deutschland noch immer zu oft verschleppt wird: "Die Zeit zwischen erstem Arztbesuch und Diagnosestellung lag durchschnittlich bei 1,7 Monaten", so Sagebiel. Bei zwei Prozent der Betroffenen kam es zu einer Verzögerung von über fünf Monaten.

"Bei unklarem Husten sollte nach drei Wochen ein Röntgenbild gemacht werden, um eine eventuelle Tuberkulose zu entdecken", sagte Professor Robert Loddenkemper von der Lungenklinik Heckeshorn.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »