Ärzte Zeitung, 10.06.2005

HINTERGRUND

Hoffnungen auf Impfstoffe gegen den Erreger der Tuberkulose

Elektronenmikroskopie-Aufnahme eines Makrophagen (blau), der sich Tuberkulose-Bakterien (rot) einverleibt. Foto: Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie/Volker Brinkmann

Von Peter Leiner

Die weltweite Bedrohung durch Tuberkulose hält weiter an. Bisher entwickelten etwa acht Millionen Menschen eine aktive Tuberkulose jedes Jahr, in diesem Jahr rechnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar mit fast neun Millionen Erkrankten.

Darüber hinaus werden in diesem Jahr schätzungsweise mehr als zwei Millionen Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis sterben. Sowohl beim Aids-Kongreß vor kurzem in Wien als auch beim Kongreß für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT) 2005, der derzeit in Hamburg stattfindet, wurde und wird die Bedrohung durch diese Infektionskrankheit intensiv diskutiert.

Die Tuberkulose-Situation in Deutschland ist zwar weitgehend stabil, die Inzidenz mit 8,7 pro 100 000 Einwohnern etwas niedriger als in den Vorjahren: Das waren etwa 7200 Neu-Erkrankte im Jahr 2003. Doch nimmt der Anteil der Patienten mit Keimen, die auf mehrere Tuberkulostatika nicht mehr ansprechen, leicht zu.

Dieser Anteil liegt jetzt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin bei 13,3 Prozent. Und die Rate der Patienten mit MDR-Resistenz (multidrug resistance), also der Resistenz gegen mindestens Isoniazid und Rifampicin, liegt derzeit stabil bei etwa zwei Prozent.

Multiresistenzen in Ländern der ehemaligen Sowjetunion

Diese Zahl täuscht allerdings eine geringe Gefährdung nur vor. Denn der Anteil multiresistenter Stämme von Mycobacterium tuberculosis bei Patienten aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie aus vielen afrikanischen Ländern ist deutlich höher als bei in Deutschland geborenen Tuberkulose-Patienten.

Stark assoziiert sind Resistenzen mit Bakterien des Beijing-Genotyps, wobei unklar ist, ob Mutationen die Ursache sind oder die Bakterien durch ungenügende Therapie selektioniert wurden. Der jährliche Anteil der Infektionen mit diesem Genotyp ist zwischen 1995 und 2002 von 12 auf 30 Prozent gestiegen.

Mindestens 60 Prozent der Patienten mit diesem Genotyp sind Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Und von dort ist mit einer weiteren Bedrohung zu rechnen. Denn der Anteil der MDR-Infektionen liegt zum Beispiel in Kasachstan bei 14 Prozent, in bestimmten Regionen Usbekistans bei 13 Prozent, in Estland bei 12 und in Lettland bei 8 Prozent.

Verschärfte Lage durch Koinfektion mit HIV-1

Die Situation in Osteuropa verschärft sich auch dadurch, daß sich immer mehr Menschen mit dem Aids-Erreger HIV-1 anstecken. Die Koinfektion mit HIV-1 und dem Tuberkulose-Erreger ist ein Hauptfaktor für die Ausbreitung der Tuberkulose in einigen afrikanischen Ländern, aber auch in Osteuropa, vor allem in Gefängnissen mit schlechten hygienischen Verhältnissen.

Wie beim Aids-Kongreß in Wien berichtet wurde, läßt sich der Anstieg der Zahl HIV-1-Infizierter mit Tuberkulose auch an Daten aus Wien ablesen, wie die Arbeitsgruppe um die Kongreßpräsidentin Dr. Brigitte Schmied berichtete.

Um wirksamere Mittel gegen Tuberkulose zur Verfügung zu haben, wird mit Hochdruck auch an Impfstoffen gegen das Bakterium gearbeitet. Ziel ist unter anderen, den bisherigen Impfstoff BCG (Bacille Calmette-Guérin) zu verbessern. Denn er ist nicht in der Lage, eine wesentliche Komponente der Immunabwehr, die CD8-positiven T-Suppressor-Zellen zu aktivieren.

Morgen stellt auf der Infektiologie-Tagung in Hamburg Professor Stefan Kaufmann, Leiter des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin, Strategien zur Entwicklung von Impfstoffen vor. Er hat mit Forschern des Berliner Unternehmens Mologen eine neue Technik entwickelt, mit der sich Impfstoffe gegen Mycobacterium tuberculosis herstellen lassen. Dazu kombinieren sie BCG mit einem DNA-Impfstoff.

Dieser enthält den Bauplan eines Eiweißes von Listeria monocytogenes, des Listeriolysins. Ein solcher Impfstoff ist möglicherweise auch in der Lage, mit Mykobakterien infizierte Makrophagen in den programmierten Zelltod zu treiben (JAMA 293, 2005, 2703). Der Beginn einer Phase-1-Studie ist noch in diesem Jahr geplant.

Am weitesten fortgeschritten ist der Impfstoff MVA85A, den Dr. Helen McShane aus Oxford entwickelt hat. In diesem Impfstoff ist an das modifizierte Vaccinia-Virus (MVA) ein Antigen des Mykobakteriums gekoppelt. Mit der Vakzine wurde bisher die beste CD4-Zellaktivierung erzielt, und zwar nachdem mit BCG geimpft worden war. BCG und MVA allein erbrachten weniger gute Immunantworten.

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Herausforderung Tuberkulose

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