Ärzte Zeitung, 24.01.2007

HINTERGRUND

Der Oberpfälzer Zauberberg - eine bundesweit einmalige Klinik für Tuberkulose-Patienten

Von Andrea Pahmeier

Ein junger Mann mit Tuberkulose reist zum Bezirkskrankenhaus Parsberg im Oberpfälzer Land in Bayern - nicht freiwillig. Ein Richter hat ihn dort nach Paragraf 30 Absatz 2 Infektionsschutzgesetz eingewiesen; in die geschlossene Abteilung für Lungen- und Bronchialheilkunde. Ordnungswidrigkeit! Die Dauer seines Aufenthalts ist ungewiss. Durchschnittlich sind es 130 Tage, die ein Patient hier verbringt, möglicherweise neun bis zehn Monate, gegebenenfalls länger. Die Patienten müssen so lange bleiben, bis sie für andere nicht mehr ansteckend sind.

Das Bezirkskrankenhaus Parsberg mit der geschlossenen Abteilung für Lungen- und Bronchialheilkunde Foto: medbo.de

Die Klinik in Parsberg - sie trägt nach dem Roman von Thomas Mann den Spitznamen Oberpfälzer Zauberberg - ist einmalig in ihrer Art in Deutschland. Sie ist umgeben von sechs Meter hohen Mauern und Stacheldraht. Maximal 30 Männer mit Tuberkulose werden hier behandelt. Sie kommen aus der gesamten Bundesrepublik, viele sind im Ausland geboren, und viele stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Im Jahr 2006 ist der jüngste Patient 16 Jahre alt. Es gibt keine Frauen, keine Disko, kein Alkohol, keine Drogen. Was bleibt: viel Zeit, Entzug, Zigaretten und TV.

"Wir kriegen sie alle wieder gesund"

Die Vita des jungen Mannes ist in der Klinik keine Seltenheit: er ist Alkoholiker, hat Drogen genommen, ist HIV-infiziert und hat Hepatitis. Er ist sich der Gefahr, die von ihm ausgeht, nicht bewusst. Ein Patient mit offener Tuberkulose steckt im Mittel zehn Menschen in seiner Umgebung an, bei zwei bis drei davon kommt es daraufhin zu einer behandlungspflichtigen Tuberkulose.

"Wir kriegen sie alle wieder gesund, es ist nur eine Frage der Zeit und der Kosten", sagt Dr. Ralf Mütterlein, Ärztlicher Direktor in Parsberg. Wichtig sei es, dem Patienten ein Verständnis für die Krankheit und die Ansteckungsgefahr zu vermitteln. Müdigkeit, Mattigkeit und das starke nächtliche Schwitzen waren für ihn bisher eher eine Folge des Alkohols. Tuberkulose? Resistenz? Ansteckungsgefahr? Angesteckt hat er sich in Osteuropa, höchstwahrscheinlich im Gefängnis. Behandelt wurde er dort nur mit einem Medikament, wenn überhaupt. Versagt eines, folgt ein weiteres. "So werden Resistenzen gezüchtet", sagt Mütterlein.

Vor Monaten war der junge Mann zum ersten Mal zu einem Arzt gegangen, das Fieber war hartnäckig. Diagnose: Bronchitis. Wochen später keine Besserung, dann der Gang zum Gesundheitsamt. Von dort die Überweisung zum Facharzt. Nun die Diagnose: Tuberkulose. Da ist er abgetaucht. Das Gesundheitsamt veranlasst eine Fahndung, als man ihn wiederfindet, wird ihm mit der Zwangseinweisung in eine Klinik gedroht. Natürlich versprach er, die Medikamente zu nehmen, den Mundschutz zu tragen, keine Kontakte zu pflegen - und tauchte wieder ab. Dann wurde er nach Parsberg zwangseingewiesen.

Nach seiner Ankunft in der Klinik wird seine Lunge geröntgt, denn ausschließen kann hier niemand, dass die mitgeführten Röntgenbilder von einem Bekannten stammen. Sputum, Urin, alles wird nur unter Aufsicht gewonnen; auch die Medikamente werden nur unter Aufsicht eingenommen. Dem positiven Ausfall der TB-Kultur folgt die Anfertigung eines Resistogramms unter Einschluss von Medikamenten der zweiten und dritten Wahl. Außerdem wird er behandelt, immer mindestens mit einer Kombination von vier Medikamenten gleichzeitig.

Bei Patienten aus der ehemaligen Sowjetunion liegen, so die Parsberger Erfahrungen, fast immer Mehrfach-Resistenzen vor. Das heißt, die Erreger sind gegen mindestens zwei der Medikamente erster Wahl resistent. Hier sind Fünfer-Kombinationen von Tuberkulostatika indiziert, bei sehr hartnäckigen Erkrankungen auch Kombinationen aus sieben Präparaten. Wegen der hohen Toxizität einiger Reservepräparate müssen die Patienten intensiv betreut werden.

Die Tagestherapiekosten betragen mehr als 300 Euro

Verwendet werden Medikamente, die im Herkunftsland des Patienten selten sind. Dazu gehören Substanzen wie Capreomycin, Linezolid, Moxifloxacin, p-Aminosalicylsäure (PAS) und Terizidon. Die Tagestherapiekosten allein der Tuberkulostatika können dabei mehr als 300 Euro betragen. Nach sieben Monaten stationärer Therapie können Kosten von 80 000 Euro zusammenkommen, berichtet Mütterlein (Mikrobiologe 16, 2006, 63). "Im härtesten Fall", so der Arzt, "wenn sich entsprechende Herde in der Lunge festgesetzt haben, wird - ganz klassisch - ein Lungenflügel entfernt." Mit der Therapie allein ist es allerdings noch nicht getan. Es verlässt kein Patient die Klinik in Parsberg, der nicht über Sozialdienste weiter betreut wird, um den medizinischen Erfolg zu sichern.

STICHWORT

Epidemiologie der Tuberkolose

In Deutschland ist zwar die Zahl der Tuberkulose-Neuerkrankungen derzeit rückläufig: 6045 Patienten wurden 2005 beim Robert-Koch-Institut registriert und damit knapp acht Prozent weniger als 2004 (Epi Bull 44, 2006, 379). Beunruhigen muss jedoch der steigende Anteil der Patienten mit resistenten Keimen. Bei etwa 13 Prozent der Patienten waren 2005 in Deutschland die Tuberkulose-Erreger gegen mindestens eins der fünf Medikamente der ersten Wahl resistent, bei 2,7 Prozent gegen die beiden Mittel der ersten Wahl Isoniazid und Rifampizin (multidrug resistant, MDR). Bei Patienten aus der ehemaligen Sowjetunion war 2005 in Deutschland der Anteil von MDR-Keimen mit 15,7 Prozent um ein Vielfaches höher. (pah)

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