Ärzte Zeitung, 15.04.2013

Neue Vogelgrippe H7N9

Die Welt blickt besorgt nach China

Das neue Vogelgrippevirus H7N9 hat in Schanghai und Umgebung in kurzer Zeit fast ein Dutzend Menschen getötet. Die Regierung in Peking macht das Problem zur Chefsache, weiß aber kaum, wo sie ansetzen soll.

Von Thomas Müller

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Markthalle in Peking: Enger Kontakt zu Geflügel ist vermutlich eine H7N9-Infektionsquelle.

© Stephan Scheuer / dpa

SCHANGHAI. Es klingt wie der Beginn einer neuen Epidemie: Am 19. Februar erkrankte in Schanghai ein Mann an einem bis dato unbekannten Influenzavirus, am 1. April wurde das neue Vogelgrippevirus bereits bei drei Patienten nachgewiesen, am 5. April bei 14 Personen, am 11. April konnte die chinesische Seuchenschutzbehörde schon 33 labordiagnostisch bestätigte Erkrankungen verkünden.

Neun der Betroffenen sind bereits gestorben. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, hatten die Erkrankten keinen Kontakt untereinander, sie haben sich nach bisherigen Erkenntnissen unabhängig voneinander das neue Virus geholt und an niemanden weitergegeben.

Eine Epidemie ist derzeit also nicht zu befürchten, die steigenden Zahlen dokumentieren wohl eher die Wachsamkeit der chinesischen Behörden, die jetzt Verdächtige gezielt auf das neue Influenzavirus hin untersuchen.

Dennoch werden derzeit über 600 Personen, die mit den Kranken Kontakt hatten, überwacht, um eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung auszuschließen.

Derweil laufen die Anstrengungen auf Hochtouren, das neue Virus zu charakterisieren und seine Übertragungswege zu bestimmen. Dabei zeigen sich die chinesischen Behörden offenbar weitaus kooperativer als in der Vergangenheit.

Wissenschaftler aus dem Reich der Mitte haben die Gene des Virus inzwischen sequenziert und veröffentlicht, die chinesische Seuchenschutzbehörde publiziert online und auch auf Englisch fast täglich Zahlen und Schutzmaßnahmen, zudem arbeitet die Behörde eng mit der WHO zusammen.

Auf diese Weise haben Experten in den vergangenen zwei Wochen ein recht brauchbares Profil des Virus und der Erkrankung erstellt.

Das Virus

Der neue H7N9-Erreger entstand offenbar aus einer Kreuzung von drei verschiedenen Vogelgrippeviren.

Das Gen für das H7-Hämagglutinin stammt am ehesten von einem in Europa und Asien weit verbreiteten H7-Stamm, das N9-Neuraminidase-Gen von einem in Südkorea und China heimischen H11N9-Virus.

Die übrigen sechs der acht Influenza-Gene lieferte vermutlich ein in China und Südkorea verbreitetes H9N2-Virus.

Virulenz

Im Gegensatz zur hochpathogenen H5N1-Vogelgrippe, die vor einigen Jahren für Schlagzeilen sorgte, ist dieses H7-Virus für Vögel kaum pathogen. Die Infektion kann offenbar völlig inapparent verlaufen, was den Nachweis der Infektionsquelle erschwert.

Für Menschen dürfte dagegen Ähnliches gelten wie bei H5N1: Es ist schwer, sich damit zu infizieren, wer erkrankt, muss aber mit dem Schlimmsten rechnen. Bisher ist jeder dritte Mensch mit der H7N9-Infektion gestorben, bei den seit dem Jahr 2003 dokumentieren über 600 H5N1-Infektionen waren es mehr als die Hälfte.

Erstaunlich ist, dass ein H7-Virus für Menschen derart pathogen sein kann. H7-Ausbrüche sind nicht selten, zuletzt suchte 2003 eine Epidemie die europäischen Geflügelbestände heim. Dabei erkrankten auch etwa 80 Menschen, meist mit milden Symptomen, nur einer starb.

Die bisherigen Genanalysen von H7N9 zeigen nach Ansicht der WHO erste Anpassungen an Menschen. So wurden Veränderungen gefunden, die eine leichtere Übertragbarkeit der Viren auf Säuger ermöglichen.

Im Gegensatz zu den meisten Vogelgrippeviren kann H7N9 dadurch besser an menschliche Zellen binden und ist auch schon gut an die niedrigere Körpertemperatur angepasst: Die Erreger vermehren sich auch bei 37 Grad Celsius - nicht nur bei 40 Grad wie im Vogelkörper.

Quelle

Die genaue Infektionsquelle ist bei keinem der erkrankten Menschen bekannt. Bei einigen der Betroffenen weiß man aber, dass sie beruflich Kontakt mit Geflügel hatten. Unter den Erkrankten waren Geflügelzüchter, Köche und Metzger.

Sicher nachgewiesen haben Seuchenexperten den Erreger erst bei sehr wenigen Vögeln, etwa einer Taube auf einem Geflügelmarkt in Schanghai. Da infizierte Vögel unauffällig sind, kann man nur Stichproben nehmen.

Es wird daher wohl noch etwas dauern, die genauen Infektionswege nachzuweisen. Vermutlich ist jedoch - wie auch bei H5N1 - ein enger Kontakt zu Geflügel nötig, um sich zu infizieren.

Symptome

Bei den ersten Humanerkrankungen zeigten die Patienten eine Pneumonie mit schnell ansteigendem, hohem Fieber. Nach fünf bis sieben Tagen verschlechterte sich der Zustand, die Patienten entwickelten Atemprobleme bis hin zur Atemnot aufgrund einer massiven Lungenschädigung (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS).

Die Symptome ähneln damit der bei einer schweren H5N1-Infektion. Die chinesische Seuchenschutzbehörde berichtet aber auch über milde Verläufe.

Therapie und Impfung

Zur frühen Therapie könnten Neuraminidase-Hemmer geeignet sein. In Experimenten ließ sich die Vermehrung der Erreger mit Oseltamivir und Zanamivir blockieren.

Aus den veröffentlichten Gendaten wollte die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ein synthetisches Saatvirus für die Vakzinenentwicklung basteln und Impfstoffproduzenten zur Verfügung stellen - für den unwahrscheinlichen Fall, dass es in den nächsten Wochen und Monaten doch noch zu einer Epidemie mit Mensch-zu-Mensch-Übertragung kommt.

Schutzmaßnahmen

Derzeit gibt es weder Reisewarnungen für China noch Handelsbeschränkungen oder spezifische Grenzkontrollen. Die WHO weist darauf hin, dass Influenzaviren Temperaturen über 70 Grad Celsius nicht überstehen - gut gekochte und erhitzte Nahrung ist daher sicher.

Auf rohes Fleisch und Gerichte mit ungekochtem Blut sollte man jedoch verzichten. Wer als Tourist einen Markt besucht, meidet am besten direkten Kontakt mit lebenden Tieren, vor allem Geflügel. Um tote oder kranke Tiere sollten Reisende ebenfalls einen großen Bogen machen.

Empfehlungen für Ärzte

Breitet sich H7N9 weiter aus, müssen Ärzte damit rechnen, dass Personen mit einer Vogelgrippe-Infektion von China nach Deutschland gelangen. Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt daher, bei Patienten mit schwerer respiratorischer Erkrankung eine Reiseanamnese über den Zeitraum von zehn Tagen vor Erkrankungsbeginn zu erheben - und zwar nicht nur bei Patienten, sondern auch bei engen Kontaktpersonen.

Der Grund: "Die Frage einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung kann noch nicht beantwortet werden", schreibt das RKI.

Das Institut erinnert daran, schwere Pneumonien und Atemnotsyndrome stets labordiagnostisch abzuklären.

"Wenn Influenza nachgewiesen wird, sollte das Virus typisiert und bei Influenza A subtypisiert werden. Bleibt der Nachweis auf die zirkulierenden Influenza-A-Subtypen A(H1N1)pdm09 und A(H3N2) erfolglos, sollte das Patientenmaterial und die aufgearbeitete Probe schnellstmöglich zur weiteren Charakterisierung an das Nationale Referenzzentrum für Influenza gesandt werden."

Die Behörde weist darauf hin, dass Verdachtsfälle von Influenzavirus A(H7N9) aufgrund der Aviären-Influenza-Meldepflicht-Verordnung von 2007 gemeldet werden müssen.

Mehr Infos beim Robert Koch-Institut: www.rki.de

Lesen Sie dazu auch:
Neue Vogelgrippe H7N9: Die Welt blickt besorgt nach China
Neue Vogelgrippe: Erste Tote, aber keine Epidemie
Kommentar zur Vogelgrippe: Aus Fehlern gelernt

[16.04.2013, 06:53:14]
Wilfried Soddemann 
Vogelgrippe durch Trinkwasser übertragbar
Die Vogelgrippe kann sich durch kaltes Trinkwasser ausbreiten. Menschen scheiden das H7N9 Vogelgrippevirus mit Erbrochenem und Fäkalien aus. So gelangen die Vogelgrippeviren über das Abwasser in die Gewässer. Infizierte Tiere verschmutzen durch Fäkalien und mit ihren Ausscheidungen aus Nase und Maul bzw. Schnabel das Wasser. Alle Menschen haben Kontakt zum Trinkwasser. Oberflächen-, Quell- und Grundwasser sind mit Viren belastet. Viren bleiben im kalten Wasser lange ansteckend. Deshalb tritt die Influenza bei uns überwiegend im Winter auf. Die sehr kleinen Viren werden im herkömmlichen Wasserwerk nur unvollständig gefiltert. Chlorung z. B. bringt wenig, weil Viren im Wasser verklumpt vorkommen und deshalb von den herkömmlichen Desinfektionsverfahren nicht vollständig erreicht werden. Die Ultrafiltration des Trinkwassers für 0,50 Euro je Person und Monat ist erforderlich.

soddemann-aachen@t-online.de
http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
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