Ärzte Zeitung, 15.02.2008

HINTERGRUND

Was tun bei Borrelioseverdacht? - Gesellschaft gibt Tipps für die Diagnostik nach Zeckenstich

Von Thomas Meissner

Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland nach einem Zeckenstich an Borreliose zu erkranken, liegt zwischen 1 zu 70 und 1 zu 300. Die Diagnostik ist jedoch oft problematisch. Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft hat jetzt Empfehlungen zur situationsgerechten Labordiagnostik veröffentlicht.

 Was tun bei Borrelioseverdacht? - Gesellschaft gibt Tipps für die Diagnostik nach Zeckenstich

Ein Erythema migrans ist ein deutliches Zeichen einer Borrelien-Infektion. Betroffene sollten umgehend mit Antibiotika behandelt werden.

Foto: klaro

Ziel der Labordiagnostik ist es, möglichst früh eine Infektion mit Borrelien zu erkennen, um Betroffene behandeln zu können. Die AG Labordiagnostik um Professor Rüdiger von Baehr vom Institut für Medizinische Diagnostik (IMD) in Berlin unterscheidet drei klinische Situationen, von denen sie das weitere Procedere abhängig macht (Borreliose Wissen 17, 2007, 3):

  • Situation 1: Eine Person kommt mit festgesaugter Zecke in die Praxis, oder die Zecke wurde unmittelbar entfernt. Eine serologische Untersuchung ist dann nur dann sinnvoll, wenn eine frühere Borrelieninfektion ausgeschlossen werden soll. Etwa, wenn ein Waldarbeiter von einer Zecke gestochen wurde oder wenn die Person früher bereits an Borreliose erkrankt war. Sonst, so die Arbeitsgruppe, sollte man Betroffenen raten, die Stichstelle vier bis sechs Wochen zu beobachten und sich bei einer Rötung oder auch bei Fieber ohne ein Erythema migrans sofort wieder vorzustellen. Treten andere Symptome neu auf wie Kopf- oder Gelenk-/Muskelschmerzen, gilt eine Nachbeobachtungszeit von mindestens sechs Monaten (Diagnostik-Empfehlungen siehe Situation 2).

Ist die Zecke mit in die Praxis gebracht worden, lässt sich per Borrelien-PCR (Polymerasekettenreaktion) die Infektion der Zecke nachweisen. Bei positivem Befund besteht die Möglichkeit einer prophylaktischen Antibiotika-Therapie für mindestens 14 Tage - eine optimale Behandlungsdauer ist nicht bekannt.

  • Situation 2: Ein Patient hat Symptome, die auf einen Borrelieninfekt hindeuten. Eindeutig ist die Situation bei Erythema migrans: sofort antibiotisch behandeln. Diagnostisch wertvoll, vor allem bei jungen Patienten, sind zudem folgende Anzeichen:

- migrierende Arthromyalgien, flüchtige Arthritiden, Myositiden, Bursitiden und Enthesitiden,

- radikuläre Schmerzsyndrome,

- Kopfschmerzen,

- periphere Monoparesen (nicht nur Facialisparesen) und Sensibilitätsstörungen,

- Herzrhythmusstörungen (im EKG Überleitungsstörungen).

In dieser Situation ist immer eine serologische Labordiagnostik angezeigt. Wichtig ist zudem zu ermitteln, wann und wo die Zecke gestochen hat. Der Ort des Stiches gibt Hinweise auf mögliche Folgen der Borrelieninfektion. So kann es bei Stichen in der Kopf- und Halsregion zu frühen neurologischen Störungen kommen, bei Stichen in Gelenknähe dagegen zu arthritischen Beschwerden.

  • Situation 3: Es besteht der Verdacht auf eine Borreliose-Spätmanifestation. Auch dann ist immer die Labordiagnostik gerechtfertigt. Indizien für die Spätmanifestation sind Zeckenstiche, die der Patient schildert, eine hohe Expositionswahrscheinlichkeit, etwa in Risikoberufen, Erytheme und andere Symptome in der Anamnese oder auch aktuell. Geachtet werden sollte vor allem auf Haut- und Gelenkveränderungen sowie neurologische Auffälligkeiten.

Leider sind pathognomonische Befunde bei der Spätmanifestation der Borreliose nicht so häufig. Dazu gehören in erster Linie die Acrodermatitis chronica atrophicans, Mono- oder Oligoarthritiden sowie chronische Enthesitiden. In allen Stadien der Borreliose können unspezifische Zeichen wie grippeartige Symptome, subfebrile Temperaturen, ständige Müdigkeit oder eine depressive Stimmungslage und diffuse Schmerz- zustände vorkommen.

Es gibt mehrere Labormethoden zum Borreliennachweis. Dazu gehört die direkte Erreger-Identifikation über den Nachweis von Borrelien-DNA (Borrelien-PCR) oder die Borrelien-Kultur. Die Kultur ist jedoch für die tägliche Praxis zu wenig sensitiv, zumal sich die Bakterien sehr langsam teilen.

Bei den immunologischen Nachweisverfahren lehnt die Borreliose-Gesellschaft das vom Robert-Koch-Institut empfohlene stufenweise Vorgehen mit einem Suchtest und einem Immunoblot als Bestätigungstest ab. Bis zu 15 Prozent der Patienten würden serologisch falsch negativ eingestuft. Zwar sei der Immunoblot das spezifischere und sensitivere Nachweisverfahren für Antikörper gegen Borrelien.

Das Problem: Da die Antikörper über Jahre persistieren können, ist ein positiver serologischer Befund kein Beweis für eine aktive Borreliose. Und ein negativer Befund schließt eine Borreliose nicht hundertprozentig aus, besonders im Frühstadium.

Bei vieldeutiger Klinik sowie zur Verlaufs- oder Therapiekontrolle wird der Lymphozytentransformationstest (LTT-Borrelien) empfohlen. Dieser wird bereits im Frühstadium positiv und in der Regel vier bis sechs Wochen nach Abschluss einer erfolgreichen antibiotischen Behandlung negativ oder ist deutlich rückläufig.

Bei Spätmanifestationen oder persistierenden Borreliosen sollte nach Ansicht der Arbeitsgruppe vermehrt versucht werden, den direkten Erregernachweis zu führen. Zudem plädieren die Experten für die Aufnahme des Borrelien-PCR in das EBM-Leistungsverzeichnis und fordern die Erstattung der LTT-Borrelien als indirekten Nachweis einer aktiven Borreliose durch die gesetzlichen Kassen.

Mehr Infos im Internet unter: www.borreliose-gesellschaft.de

Labordiagnostik bei Borreliose

Den aktuellen Stand der Diagnostik bei Borreliose hat die Deutsche Borreliose-Gesellschaft jetzt im Februar-Heft der Zeitschrift "Borreliose Wissen" (Nr. 17) zusammengefasst. Das Heft kostet 7,50 Euro plus 2 Euro Versandkosten.

Bezug per E-Mail unter info@borreliose-bund.de oder per Fax 0 61 62 / 16 66

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