Ärzte Zeitung, 14.04.2014

Borreliose

Die unterschätzte Syphilis aus dem Wald

Je mehr man über Borreliose herausbekommt, desto deutlicher wird das große Unwissen über sie. Das erklärt so manches Vorurteile und den Streit über Diagnostik und gesundheitliche Folgen.

Von Thomas Meißner

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Borrelia burgdorferi: in Deutschland die häufigsten durch Zecken übertragenen Erreger.

© Sebastian Schreiter / Springer Verlag

ERFURT. Wegen der vielfältigen möglichen Spätfolgen gilt die von Zecken übertragene Borreliose als Syphilis aus dem Wald. Viele Krankheitsbilder werden dabei imitiert, besonders auch Autoimmunerkrankungen. Eine Ursache ist das variationsreiche Erscheinungs- und Verteilungsmuster der verursachenden Borrelien.

Es gibt verschiedene Borrelienspecies, die zum B. burgdorferi-senso-lato-Komplex gehören und die gelegentlich bei symptomatischen Patienten gefunden werden, berichtete Professor Christian Peronne aus Paris bei der Jahrestagung der Deutschen Borreliose-Gesellschaft (DBG) in Erfurt.

Dazu gehören etwa B. spielmanii bei frühen Hauterscheinungen, B. lonestari könnte für ein Lyme-Borreliose-ähnliches Krankheitsbild verantwortlich sein, B. lusitaniae ist bei Vaskulitis-Patienten gefunden worden.

Erst kürzlich entdeckt wurde B. miyamotoi, das für rezidivierende Fieberattacken oder Lyme-Borreliose-ähnliche Beschwerden in Asien, Europa und Nordamerika verantwortlich gemacht wird - um nur einige zu nennen.

Hinzu kommt, dass weitere beim Zeckenstich übertragene Bakterien, Viren oder Parasiten bedeutsam dafür sein könnten, ob und welche Beschwerden auftreten. So hat man in den USA bei zwei bis zwölf Prozent der Borreliose-Patienten eine humane granulozytäre Anaplasmose festgestellt, bei zwei bis 40 Prozent ein durch Babesien ausgelöstes Malaria-ähnliches Krankheitsbild.

Sprechen wir bei Borreliose also über viele verschiedene Krankheiten, handelt es sich in Wirklichkeit um ein Syndrom? Das sei schon möglich, sagt Professor Karl Bechter aus Ulm, einer der Organisatoren des DBG-Kongresses.

Er erinnert daran, dass Infektion nicht gleich Krankheit bedeutet: "Jede Infektionskrankheit hängt auch vom Wirt ab, von dessen genetischer Ausstattung, vom aktuellen Zustand seines Immunsystems und von anderen Infektionen, die vorher stattgefunden haben oder nicht."

Erreger überdauern und trotzen Antibiotika

Schaut man sich die Fähigkeiten des Erregers an, muss man feststellen, dass wir es mit einem äußerst trickreichen Gegner zu tun haben. Er zieht sich gern in bradytrophe Gewebe zurück und verändert seine Form so, dass er unterm Mikroskop oft gar nicht erkannt wird.

Die Borrelien bilden Zysten und können als solche lange Zeit überdauern und Antibiotika trotzen. Des Weiteren zeigen sie eine Art Schwarmverhalten. Mit dem hoch auflösenden Rasterkraftmikroskop hat Professor Eva Sapi aus New Haven in den USA "live" beobachtet, wie sich die Borrelien innerhalb weniger Tage zu symmetrischen Gebilden formieren und einen Biofilm bilden.

Diesen beschreibt Sapi als "stadtähnliche" Struktur mit Versorgungs- und Entsorgungskanälen. In vitro waren diese Biofilme mit diversen Antibiotika-Kombinationen nicht zu knacken, allenfalls war die Bakterienlast einzudämmen.

Wie sich das in vivo darstellt, ist bislang unklar, jedoch gibt es Hinweise darauf, dass auch in vivo diese Biofilme gebildet werden. Die diagnostischen Routine-Werkzeuge, um einen solch flexiblen Erreger zu identifizieren, wurden beim DBG-Kongress einhellig als völlig unzureichend beschrieben.

Der ELISA sei als Suchtest schlicht ungeeignet. Peronne zitierte mehrere Studien, in denen die Sensitivität der kommerziell angebotenen Assays mal zwischen 37 und 70 Prozent, zwischen 20 und 98 Prozent und mal zwischen 34 und 59 Prozent angesiedelt wurde.

Bessere diagnostische Tests dringend gebraucht

"Manchmal ist nicht die Zusammensetzung des Tests problematisch, sondern die Art der Durchführung in den Labors", kritisiert DBG-Vorstandsvorsitzender Professor Hartmut Prautzsch. Und Bechter ergänzt, dass die Herstellerfirmen die wissenschaftlich entwickelten Tests teilweise vereinfachen, was die Sensitivität weiter beeinträchtige.

Welches Labor welchen Test anwendet, weiß der beauftragende Arzt sowieso nicht - es würde ihm auch kaum nützen. Schon heute wäre es möglich, die Assays zu verbessern, sagen Experten. Doch seitens der Hersteller scheine daran kein Interesse zu bestehen.

Und hinsichtlich der Antikörper-Nachweise im Westernblot gilt: Man kann nur sehen, was man kennt. Zwar hat der Westernblot eine etwas höhere Sensitivität als der ELISA. Doch selbst im Frühstadium einer Borreliose muss in etwa 20 Prozent der Fälle von Seronegativität ausgegangen werden, in der Spätphase sind bis zu 50 Prozent seronegativ!

Die diagnostischen Werkzeuge bedürfen also dringend der Verbesserung. Entsprechende Forschung müsse mit öffentlichen Geldern gestützt werden, fordern Bechter und andere. Dies wird nur geschehen, wenn die Borreliose als bedeutsames Gesundheitsproblem erkannt worden ist.

In den USA ist man da weiter. Bei den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hieß es im August 2013, die Lyme-Borreliose sei ein "enormes öffentliches Gesundheitsproblem", weil die Zahl der jährlich tatsächlich neu Erkrankten offenbar zehnmal höher sei, als die Zahl der gemeldeten Neuerkrankungen.

Lesen Sie dazu auch:
Diagnostik: Labor liefert bei Borreliose-Verdacht nur Indizien

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