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Sind die Grenzwerte für hormonell aktive Substanzen zu niedrig?

BERLIN (dru). Bisher glaubte man, die Gefahren, die von hormonell aktiven Chemikalien in Gebrauchsgegenständen ausgehen können, durch Grenzwerte im Griff zu haben. Neue Studien deuten darauf hin, daß solche Substanzen möglicherweise auch in Konzentrationen unterhalb der bisherigen Grenzwerte Feten schädigen und Krebs auslösen können. Spezialisten fordern daher eine Korrektur der Grenzwerte sowie Produkthinweise.

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Zu den bereits identifizierten hormonell aktiven Substanzen zählen etwa Bisphenol A als Bestandteil der Kunststoffsorte Polycarbonat, aus dem unter anderem Babyfläschchen gemacht werden, oder polychlorierte Biphenyle (PCB), die in Fugendichtungen oder Kondensatoren elektrischer Geräte und Leuchtstofflampen enthalten sein können, sowie bromierte Flammschutzmittel. Dies berichtete Andreas Gies vom Bundesumweltamt in Berlin auf einer Tagung zu den Gefahren von Umweltchemikalien in Berlin.

Verringerte Spermienzahlen durch Umweltchemikalien

Auf der Tagung wurden Daten präsentiert, die darauf hindeuten, daß solche Substanzen auch im Niedrigdosisbereich schädigende Wirkungen wie verringerte Spermienzahlen, negative Auswirkungen auf Feten und die Zunahme von Brust-, Hoden- und Prostatakrebs entfalten können. Gies zeigte sich zudem besorgt darüber, daß noch über 200 Substanzen, die als endokrin aktiv verdächtigt werden, überprüft werden müßten. Zuverlässige Tests sind jedoch noch nicht auf dem Markt.

Bisher, so Gies, beruhen nationale und internationale Richtlinien auf der Annahme, daß unterhalb einer bestimmten, in Tierexperimenten ermittelten Dosis keine Schäden zu erwarten sind. Diese Dosis, die als "No Observed Adverse Effect Level" (NOEL) bezeichnet wird, dient der Ermittlung des Grenzwertes. In der Regel liegt dieser bei einem Hunderstel des NOEL. Treten unterhalb dieses Wertes Schäden auf, wird der Begriff "Niedrigdosiseffekte" verwendet.

Niedrigdosiseffekte in Studien nachgewiesen

In den vergangenen zehn Jahren sind in mehreren Studien solche Niedrigdosiseffekte nachgewiesen worden, so Professor Ibrahim Chahoud von der Charité in Berlin. Als Beispiel nannte Chahoud ein Experiment seiner Arbeitsgruppe, bei dem trächtige Ratten Dosierungen von bromierten Flammschutzmitteln erhielten, die knapp über den Werten lagen, wie sie häufig auch bei Menschen im Fettgewebe nachweisbar sind. Daraufhin entwickelten die weiblichen Nachkommen histologische Veränderungen an den Eierstöcken, die männlichen Nachkommen wiesen eine verminderte Spermienzahl auf. Bei beiden Geschlechtern ließen sich Veränderungen des Schilddrüsenhormonhaushalts feststellen.

Chahoud stellte deshalb die bisherigen Grenzwerte für hormonell wirksame Substanzen in Frage. "Am sichersten wäre es, auf die Verwendung verdächtiger Substanzen ganz zu verzichten", so der Toxikologe Professor Martin Paul aus Berlin.

Neue Gesetze könnten die Gefahreneinschätzung verbessern: Die EU will bis spätestens 2006 ein neues Chemikalienrecht verabschieden, nach dem alle Chemikalien mit einer Jahresproduktion von über einer Tonne auf mögliche schädliche Wirkungen geprüft werden müssen. 30 000 Stoffe sind davon betroffen. Außer der Offenlegung der Eigenschaften soll das Gefahrenpotential beschrieben sowie eine individuelle Risikobewertung vorgenommen werden. Ohne klaren wissenschaftlichen Nachweis von Niedrigdosiseffekten dürfte es aber kein Verbot von hormonell aktiven Substanzen geben.

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