Ärzte Zeitung, 12.01.2004

Intensive M. Hodgkin-Forschung seit 25 Jahren

NEU-ISENBURG (run). Die Heilungschancen bei Morbus Hodgkin sind heute sehr gut. In den vergangenen 30 Jahren sind sie bis auf 90 Prozent gestiegen - bedingt vor allem durch Weiterentwicklungen in der Chemo- und Strahlentherapie. Entscheidend zu den Therapieerfolgen beigetragen haben die Arbeiten der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe: Sie feierte im vergangenen Jahr unter ihrem Gründer Professor Volker Diehl, dem Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Universität Köln, ihr 25-jähriges Bestehen.

"Zur Hodgkin-Forschung gekommen bin ich eigentlich wie die Jungfrau zum Kinde", so Diehl im Rückblick. "Nach meiner Doktorarbeit an der Freiburger Kinderklinik bin ich mit einem Stipendium nach Amerika gekommen, wo ich mit einem Virus gearbeitet habe, das die Mononukleose hervorruft. Dabei habe ich herausgefunden, daß die infektiöse Mononukleose, also das Pfeiffersche Drüsenfieber, durch das Epstein-Barr-Virus hervorgerufen wird. Das war meine große Tat damals in Amerika 1966."

In Schweden begannen die Arbeiten zu M. Hodgkin

Seine weiteren Arbeiten mit dem Epstein-Barr-Virus führten ihn daraufhin nach Afrika. Dort untersuchte er, ob es die Mononukleose auch in dem Gebiet gibt, wo Burkitt-Lymphome vorkommen. Auf einer Teefarm sei er dann einmal mit schwedischen Wissenschaftlern ins Gespräch gekommen. "Sie fragten: Warum kommst Du nicht nach Schweden?

So bin ich auf den Flügeln des Epstein-Barr-Virus ans Karolinska-Institut nach Stockholm gekommen und habe mich dort erstmals näher mit der Hodgkin-Erkrankung befaßt", erzählt Diehl im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Wieder in Deutschland führte ihn seine wissenschaftliche Laufbahn über Würzburg und Hannover schließlich nach Köln.

Bei seinen Arbeiten erkannte er, daß das Hodgkin-Lymphom auch etwas mit dem Epstein-Barr-Virus zu tun haben könnte und legte dazu Lymphozyten-Kulturen an. 1978 wurden so die ersten Hodgkin-Zellen in vitro etabliert. Daran schloß sich die ganze weiter biologische und molekulare Forschung zu Morbus Hodgkin an. "Gleichzeitig habe ich in diesem Jahr die Hodgkin-Studiengruppe gegründet, die 2003 ihr 25jähriges Jubiläum hatte", so Diehl.

Heilungsrate wurde von 30 auf heute 90 Prozent erhöht

An dem Studien-Projekt, das zunächst vom Bundesministerium für Forschung und später von der Deutschen Krebshilfe maßgeblich finanziert wurde, arbeiten fast 500 Zentren mit - darunter 125 niedergelassene Hämatologen, Onkologen und Internisten. "Quasi alle Hodgkin-Patienten in Deutschland werden in Studien aufgenommen und nach ganz klaren Protokollen behandelt.

Dank der Studienerfahrungen und der Kooperation von Patienten, Ärzten und der ganzen Institutionen sowie der Krebshilfe konnte die Heilungsrate von zunächst 30 bis 40 Prozent (1978) im fortgeschrittenen Stadium auf heute 90 Prozent erhöht werden", freut sich der Onkologe. Für die zumeist noch jungen Patienten ist das ein enormer Fortschritt - ähnliche Heilungschancen gibt es bei Karzinomen von Erwachsenen nur bei Hodentumoren.

Doch der Forscher gibt sich damit nicht zufrieden: "Wir sind zwar nun auf einem sehr hohen Niveau der Heilung, aber wir wissen, daß wir dabei sehr toxische Substanzen einsetzen. Wir geben heute einen Medikamentencocktail aus sieben Substanzen: Bleomycin, Etoposid, Adriblastin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin und Prednison. Anschließend wird noch bestrahlt." Dieses BEACOPP-Schema wurde unter anderem in Diehls Arbeitsgruppe entwickelt, die zu den weltweit führenden auf dem Gebiet der Hodgkin-Forschung zählt.

Derzeit wird dort etwa an der optimalen Dosierung von BEACOPP gefeilt. Denn in einer Studie konnte durch eine Dosiseskalation die Heilungsraten nochmals verbessert werden auf 95 Prozent. Allerdings wurde die Gefahr von Zweitneoplasien und Non-Hodgkin-Lymphomen erhöht. Unklar ist auch noch, wieviel Strahlentherapie nötig ist. In einer weiteren Studie wird zudem getestet ob sich PET eignet, um Tumor- von Narbengewebe zu unterscheiden.

STICHWORT

Morbus Hodgkin

Der Morbus Hodgkin, ein monoklonales B-Lymphom, ist eine seltene Erkrankung mit etwa 2000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland. Das Erkrankungsalter liegt im Mittel bei 25 bis 30 Jahren mit einem zweiten kleineren Gipfel bei 60 Jahren. 45 Prozent der Patienten werden in einem frühen Stadium I bis II diagnostiziert, 55 Prozent im fortgeschrittenen Stadium III bis IV. Die auslösende Ursache ist bis heute nicht bekannt. Es gibt Hinweise auf eine infektiöse Genese mit dem Epstein-Barr-Virus.

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