Ärzte Zeitung, 11.06.2004

HINTERGRUND

Neue Substanzen und das Ausschöpfen des Potentials bewährter Präparate bringen die Krebsforschung voran

Von Peter Leiner

Krebs ist sicher noch lange nicht besiegt, auch wenn manche Menschen das Gegenteil glauben. Doch es gibt - trotz der mehr als 350 000 Neuerkrankungen in Deutschland -, Hoffnung auf Fortschritte, denn die Onkologen können durchaus Erfolge vorweisen. Der Fortschritt kommt allerdings in kleinen Schritten - und aus vielen Richtungen.

Größte Hoffnungen ruhen auf der gezielten Krebstherapie

Die größten Hoffnungen setzen Krebsforscher derzeit in eine gezielte Therapie, mit der möglichst nur der Tumor getroffen und gesundes Gewebe dagegen verschont wird. Diese Form der Therapie war denn auch das beherrschende Thema bei der 40. Jahrestagung der US-Onkologen-Gesellschaft ASCO.

Beflügelt wird die gezielte Therapie unter anderem durch die Erfolge mit dem Enzymhemmer Imatinib zunächst bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie und dann auch bei gastrointestinalen Stromatumoren (GIST). Inzwischen wurde zum Beispiel der orale Tyrosinkinase-Hemmer Gefitinib von der ASCO in ihre Richtlinien zur Behandlung bei nicht-kleinzelligem Lungen-Ca aufgenommen.

Nicht alle Patienten sprechen auf die neuen Substanzen an

Aber auf manche neuen Medikamente sprechen einige Patienten nicht an. Doch für diese Patienten wurden neue Substanzen entwickelt, etwa Angiogenese-Hemmer bei Imatinib-resistenten GIST. In einer auf dem Kongreß vorgestellten Studie etwa konnte das Fortschreiten der Erkrankung bei jedem zweiten zuvor erfolglos mit Imatinib behandelten Patienten um mindestens sechs Monate verzögert werden.

      Konventionelle Therapie gegen Krebs wird keinesfalls vernachlässigt.
   

Trotz der Erfolge durch die tumorgerichtete Behandlung werden die bisher verwendeten Krebstherapien nicht vernachlässigt. Die Beharrlichkeit der Onkologen, die gewohnten Therapien zu modifizieren, etwa durch veränderte Kombinationen etablierter Präparate oder Hinzunahme neuer Krebsmittel, haben sich gelohnt und sind Grund, sich weiterhin ob der gestellten Aufgabe nicht entmutigen zu lassen.

Ein Beispiel ist der Erfolg bei Patienten mit Glioblastom: Auch wenn eine Heilung noch nicht möglich ist, so verdreifacht eine kombinierte Radiochemotherapie die Zweijahresüberlebensrate. Ab jetzt gilt die fraktionierte Bestrahlung plus simultaner Chemotherapie mit Temozolomid, gefolgt von sechs Zyklen des Zytostatikums, als neuer Standard bei diesem Tumor.

Ebenso ermutigend ist das, was beim Prostatakarzinom erreicht wurde. In zwei großen Phase-III-Studien ist es gelungen, mit dem Taxan Docetaxel kombiniert mit Estramustin im Vergleich zur Standardtherapie Mitoxantron plus Prednison das Überleben wenigstens um zwei Monate (von 16 auf 18 Monate) zu verlängern. Und die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung war in der Taxan-Gruppe mit einem halben Jahr doppelt so lang. Docetaxel wird nun deshalb von Onkologen als gute Therapiebasis gewertet.

Ein anderes Beispiel dafür, welches Potential auch in bisher verfügbaren Medikamenten für Krebskranke steckt, ist Raloxifen. Denn mit diesem Östrogen-Rezeptor-Modulator zur Verhütung von Knochenbrüchen läßt sich das Brustkrebsrisiko statistisch signifikant vermindern, wie eine Studie mit mehr als 7700 Frauen über acht Jahre jetzt bestätigt hat.

Neue Strahlentechnik wird bei immer mehr Krebsarten getestet

Eine besser auf den Tumor gerichtete Therapie wird nicht nur mit Hilfe neuer Medikamente versucht. Auch in der Strahlentherapie ist eine vielversprechende Entwicklung eingeleitet worden, und zwar mit der intensitätsmodulierten Strahlentherapie (Intensity Modulated Radiotherapy, IMRT). Mit der neuen computergestützten Technik lassen sich sowohl die Form als auch die Intensität des Strahlungsfeldes variieren, jeweils genau an den einzelnen Tumor angepaßt.

Erprobt wird die Technik etwa bei Prostata- oder Nasopharynx-Karzinom, vor allem aber bei Hirntumoren wie Meningeomen. Auf der US-Krebstagung wurden aber auch über Erfahrungen bei Brustkrebs, nicht-kleinzelligem Bronchial-, Rektum-, Pankreas- und Gastrointestinal-Karzinom sowie bei Kopf-Hals-Tumoren vorgestellt. Wie sehr diese Technik bei Onkologen an Interesse gewinnt, spiegelt sich auch darin, daß in diesem Jahr mit zwölf Beiträgen auf dem US-Krebskongreß doppelt so viele Arbeitsgruppen vertreten sind wie noch vor einem Jahr.

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FAZIT

Die Hoffnungen der Onkologen ruhen auf neuen Medikamenten, mit denen sich Krebs in eine chronische Krankheit verwandeln läßt, die ähnlich gut in den Griff zu bekommen ist wie etwa Diabetes mellitus. Die neuen Medikamente sollen besser als bisherige Mittel gesunde Zellen schonen. Diese tumorgerichtete Therapie wird auch mit einer neuen Strahlentechnik verfolgt, der intensitätsmodulierten Strahlentherapie. Die Wirksamkeit etablierter Medikamente wird schließlich in neuen Dosierungen und Kombinationen geprüft.

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