Ärzte Zeitung, 12.11.2004

Vielversprechende Daten zum Effekt von Thalidomid bei Multiplem Myelom

Ansprechraten von 29 Prozent bei Rezidiven und Therapieversagen / Zulassung beantragt

INNSBRUCK (sto). Bei Patienten mit Multiplem Myelom hat sich inzwischen Thalidomid als Therapieoption erwiesen. Mehr als 50 000 Patienten sind bereits weltweit damit behandelt worden.

Jährlich wird in Deutschland bei etwa 3500 Menschen ein Multiples Myelom diagnostiziert. Je nach Krankheitsstadium liegt das mediane Überleben zwischen sechs Monaten und mehr als fünf Jahren. Außer Knochenmetastasen und Anämie treten im fortgeschrittenen Stadium auch Frakturen aufgrund der Erkrankung auf.

Seit Ende der 90er Jahre gibt es Studiendaten zu Thalidomid

Angesichts der bislang verfügbaren Therapieoptionen, die die Prognose für Patienten mit Multiplem Myelom nicht entscheidend verbessern konnten, sei das Ziel einer Behandlung derzeit vor allem eine angemessene Schmerzminderung und eine Verbesserung der Lebensqualität. Dies berichtete Privatdozent Dr. Axel Glasmacher von der Universität Bonn bei der Gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Innsbruck.

Nachdem 1998 erste Studienergeb-nisse einer Behandlung mit Thalido-mid bei Patienten mit Multiplem Myelom für Aufsehen sorgten, werde die Substanz inzwischen als eine weitere Behandlungsmöglichkeit vor allem im fortgeschrittenen Stadium empfohlen, so Glasmacher bei einer Pressekonferenz des Unternehmens Pharmion. So wurden in einer Studie mit 169 Patienten, die Thalidomid als Monotherapie erhielten, Ansprechraten von 36 Prozent erreicht. Die Überlebensrate der Patienten, die auf Thalidomid ansprachen, erhöhte sich um 45 Prozent.

Da es keine Zulassungsstudien mit Thalidomid gibt, habe er eine systematische Literaturrecherche gestartet, berichtete Glasmacher. Auswertbar waren weltweit 26 Studien mit insgesamt 1629 Patienten mit therapierefraktärem oder rezidivierendem Multiplem Myelom. Unter sehr konservativen Annahmen habe er aus diesen Untersuchungen Ansprechraten von etwa 29 Prozent errechnet.

Mit Kombitherapie lassen sich die Ansprechraten erhöhen

In der Monotherapie von Patienten mit Multiplem Myelom gebe es für Thalidomid somit eine gesicherte Indikation, sagte Glasmacher. Noch bessere Ansprechraten seien mit einer Kombination von Thalidomid mit Dexamethason, Cyclophosphamid oder Melphalan zu erreichen. In ersten Untersuchungen mit unterschiedlichen Kombinationen seien Ansprechraten zwischen 55 bis 81 Prozent erzielt worden.

STICHWORT

Thalidomid (Contergan)

Thalidomid, als Contergan bekannt, ist nie vollständig vom Markt verschwunden. Die antiangiogenetische Wirkung von Thalidomid sowie positive Effekte auf das Immunsystem haben dazu beigetragen, daß die Substanz in einigen Ländern bei der Behandlung von Patienten mit Lepra oder Aids sowie bei bestimmten Krebserkrankungen, darunter auch das Multiple Myelom, genutzt wird. Experten schätzen, daß weltweit bisher schon über 50 000 Patienten mit Multiplem Myelom mit Thalidomid behandelt wurden. In Deutschland sind es derzeit etwa 2000 Kranke.

Das Unternehmen Grünenthal, das den Wirkstoff vor etwa 50 Jahren entwickelt hatte, hat Thalidomid bis Mitte vergangenen Jahres kostenlos abgegeben. Inzwischen hat Pharmion, ein internationales Pharmaunternehmen, eine europäische Zulassung von Thalidomid für die Therapie von Patienten mit Multiplem Myelom oder Erythema nodosum leprosum beantragt.

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