Ärzte Zeitung, 26.11.2004

HINTERGRUND

Schon in wenigen Jahren wird es Gentests auf den individuellen Nutzen einer Krebstherapie geben

Von Nicola Siegmund-Schultze

Menschen, denen ihr Arzt mitteilen muß, daß sie Krebs haben, stellen sich existentielle Fragen: Wie bösartig ist der Tumor? Stehen die Chancen gut für eine erfolgreiche Behandlung oder muß ich bald sterben? Bei der Medica, der größten Medizinmesse der Welt, wurden dazu neue Ergebnisse der Krebsforschung vorgestellt.

Bei einigen Krebsarten wie bestimmten Formen von Blutkrebs oder Tumoren bei Kindern sind die Heilungschancen in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen. Dennoch: Ein großer Teil der Krebserkrankungen ist für die Patienten lebensbegrenzend. Selbst Brustkrebs, der zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine angrenzenden Lymphknoten befallen hat, führt schließlich bei etwa 25 Prozent der Frauen zum Tod durch Metastasen.

Ein qualitativer Sprung in der Krebsforschung

Auch Abschätzungen von individuellen Therapiechancen und -risiken sind derzeit im allgemeinen vage. So erlaubt etwa die feingewebliche Untersuchung des Tumors nicht zu entscheiden, welche Patientin von einer vorbeugenden Pharmakotherapie profitieren werden und welche nicht.

Der Biochip ist zum Werkzeug der Krebsforscher geworden. Solche Chips werden derzeit für fast alle Tumorarten entwickelt. Foto: Hoffmann-La Roche

Der qualitative Sprung in der Krebsforschung, der für den einzelnen Patienten eine verläßlichere Prognose und eine besser auf ihn zugeschnittene Therapie bedeuten würde, wird vor allem von den Molekularbiologen und Biochemikern erwartet. Das sagt Professor Rüdiger Hehlmann aus Heidelberg.

Nachdem das menschliche Erbgut weitgehend entziffert ist, suchen die Krebsforscher zum Beispiel jene Gene, die bei der Entstehung der verschiedenen Tumoren von Bedeutung sind und die möglichst auch etwas über die Aggressivität des Tumors aussagen. Das Werkzeug der Forscher: der Biochip.

So hat ein niederländisches Team vor kurzem mit Hilfe eines Chips unter 25 000 Genen 70 identifiziert, die bei Brustkrebs unabhängig vom Lymphknotenbefall eine Prognose darüber erlauben, ob der Tumor zur Metastasierung neigt. Solche Chips werden zur Zeit für fast alle Tumorarten entwickelt, aber erst wenige haben Eingang in die klinische Praxis gefunden. Ein Grund: Es ist eine lange Nachbeobachtungszeit in Studien notwendig, um die Aussagekraft solcher Tests beurteilen zu können.

"Außerdem ist oft der Zusammenhang zwischen Kandidaten-Genen und Krebserkrankung unklar", gibt Professor Christopher Poremba aus Düsseldorf zu bedenken. Denn die Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen genetischen Veränderungen, die den Zellentartungen vorangehen, und ihren Effekten in der Zelle sind komplex. Die Frage, wie denn das gefundene Gen an der Krebsentstehung mitgewirkt haben soll, bleibt häufig unbeantwortet.

"Wir wissen heute, daß ein Gen nicht nur den Bauplan für ein einziges Eiweißmolekül enthält, wie früher vermutet, sondern zum Beispiel 50 Gene die Baupläne für 150 Proteine enthalten", sagt Professor Georg Hoffmann vom Institut für Molekulare Onkologie (IMO) im IZB Martinsried bei München.

Um den Tumor und möglichst gleich auch seine Aggressivität erkennen zu können, gelte es deshalb, außer veränderten Genmustern (Genomik) auch ein für die Krebszelle typisches Muster von Eiweißmolekülen (Proteomik) zu finden. "Und schließlich können diese Eiweiße in der Krebszelle noch eine veränderte Funktion haben, auch das müssen wir erforschen", so der Wissenschaftler.

Zur Bestandsaufnahme der Eiweiße in Zellen wird häufig die Massenspektrometrie verwendet. Bei dem Verfahren wird eine Probe Blut oder Urin mit Laserstrahlen beschossen. Die einzelnen Eiweißmoleküle fliegen dann durch ein elektrisches Feld - je schwerer sie sind, desto langsamer. Aus den gemessenen Flugzeiten läßt sich das Muster der Proteine rekonstruieren, und die Muster gesunder und kranker Zellen lassen sich vergleichen.

So haben Hoffmann und sein Team im Urin von Patienten mit Blasenkarzinom typische Eiweißprofile gefunden, die die Grundlage bilden für einen einfachen diagnostischen Test auf den Tumor. Auch das Wiederauftreten von Harnblasentumoren nach einer Therapie könnte sich mit solchen Urintestes künftig frühzeitig vorhersagen lassen.

Schon bald läßt sich das Ansprechen vorhersagen

Da eine Krebstherapie mit den wachstumshemmenden Zytostatika immer auch gesunde Gewebe oder die Blutbildung in Mitleidenschaft zieht, würden Patienten von Tests auf den individuellen Nutzen und die Verträglichkeit der Behandlungen besonders profitieren. Solche Tests dürfte es vermutlich in einigen Jahren geben.

So entwickelt zum Beispiel ein Forscherteam vom Massachusetts General Hospital in Boston einen Genchip, mit dem sich abschätzen läßt, ob Frauen mit Brustkrebs nach der Operation auf eine Hormonbehandlung ansprechen werden. Der Test soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Schließlich haben zwei andere Onkologenteams - eines aus Tokio, das zweite aus den USA vom M. D. Anderson Cancer Center in Houston - Genchips entwickelt, die das Ansprechen von Patientinnen mit Brustkrebs auf Zytostatika vorhersagen sollen.

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