Ärzte Zeitung, 19.01.2005

HINTERGRUND

Viel Obst, Gemüse und Fisch sind gesund - potentielle Krebszellen lassen sich davon aber kaum beeindrucken

Von Thomas Müller

Obst ist zwar eine gesunde Zwischenmahlzeit - vor Brustkrebs aber schützt es nicht. Foto: Photodisc

Etwa ein Drittel aller Krebserkrankungen läßt sich durch gesunde Ernährung vermeiden - so lautete noch vor wenigen Jahren das Credo vieler Ernährungsexperten. Mit gesunder Ernährung war vor allem gemeint: Viel Obst und Gemüse, viele Ballaststoffe, mehr Fisch und Geflügel als Schwein und Rind. Daß eine solche Ernährung gesund ist, wird auch weiterhin kaum jemand bezweifeln. Daß Risiko, Krebs zu bekommen, läßt sich damit jedoch kaum senken.

Darauf deuten jedenfalls immer mehr neue Daten von prospektiven Studien. Einen ausgeprägten Einfluß der Ernährung gibt es demnach nur bei wenigen Krebsarten, etwa beim Kolorektalkarzinom.

Fall-Kontroll-Studien wurden offenbar falsch interpretiert

Die weit verbreitete Annahme, eine geeignete Ernährung schütze vor Krebs, basiert zum großen Teil auf Fall-Kontroll-Studien. So ließ sich bei einer Analyse aus dem Jahr 1992 von 170 Studien zur Krebsprävention bei 132 ein Einfluß der Ernährung auf die Krebshäufigkeit feststellen (Nutr Cancer 18, 1992,1).

Auf solche Studien berief sich auch die Aktion "5 am Tag", die vor fünf Jahren der Bevölkerung eine vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung schmackhaft machen wollte - unter anderem mit der Begründung, daß sich mit täglich fünf Portionen Obst und Gemüse das Krebsrisiko signifikant senken läßt.

Bei Fall-Kontroll-Studien werden jedoch die Ernährungsgewohnheiten von Krebspatienten und Gesunden rückwirkend analysiert. Das birgt viele Fehlerquellen. Zum einen sind die Angaben der Teilnehmer nur wenig zuverlässig, da sich kaum jemand genau daran erinnern kann, wieviel Obst und Gemüse er etwa vor zehn Jahren gegessen hat.

Zum anderen neigen Krebspatienten dazu, ihre Ernährungssituation eher schlecht darzustellen, weil sie zum Teil vermuten, daß eine ungesunde Ernährung hinter ihrer Krankheit steckt. Dagegen nehmen in der Kontrollgruppe eher Personen teil, die sich gesundheitsbewußt verhalten, und somit mehr Gemüse, Obst und weniger Fett essen.

Damit erklärt etwa Professor Walter Willet aus Boston, weshalb es fälschlicherweise zu einer Korrelation von ungesunder Ernährung und erhöhtem Krebsrisiko kommen kann. Der US-Ernährungsexperte kommentierte jetzt in einer Ausgabe der Zeitschrift "JAMA" zwei neue prospektive Studien zur Krebsprävention.

Mit prospektiven epidemiologische Studien lassen sich zumindest einige der Fallstricke von Fall-Kontroll-Studien vermeiden. So wird in der Regel eine große Zahl gesunder Teilnehmer aufgenommen, über Jahre hinweg beobachtet und nach Krebserkrankungen untersucht. Von solchen Studien werden jetzt immer mehr Daten veröffentlicht. Und diese ergeben zum Teil ein ganz anders Bild als die Fall-Kontroll-Studien.

Auf das Brustkrebs-Risiko hat die Ernährung wenig Einfluß

So scheinen viel Obst und Gemüse potentielle Krebszellen wenig zu beeindrucken, hat Willet bei einer Analyse von zwei der größten prospektiven Kohorten-Studien herausgefunden: der Nurses Health Study mit über 70 000 teilnehmenden Frauen und der Health Professionals Study mit knapp 38 000 Männern. In den Studien wurden die Teilnehmer nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt und über 20 Jahre lang beobachtet.

Ein Ergebnis: Bei Personen, die viel Obst und Gemüse aßen, war die Krebsinzidenz genauso hoch wie bei Personen, die wenig Wert auf eine solche Kost legten (J Nat Cancer Inst 96, 2004, 1564). Bei Personen, die fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag konsumierten, gab es lediglich seltener kardiovaskulärer Erkrankungen als bei Teilnehmern, die weitgehend auf Pflanzenkost verzichteten.

Ein ähnlich ernüchterndes Ergebnis hat jetzt eine andere große Studie ergeben: EPIC (European Prospectiv Investigation Into Cancer and Nutrition Study). In dieser Untersuchung wurden über 280 000 Frauen aus zehn Ländern fünfeinhalb Jahre beobachtet. Dabei sollte geschaut werden, ob Brustkrebs, die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, durch Ernährung beeinflußt wird. Doch bei den 20 Prozent der Frauen, die viel Obst und Gemüse aßen, gab es genauso häufig Brustkrebs wie bei den 20 Prozent der Frauen, die am wenigsten Grünes aßen (JAMA 293, 2005, 183).

Auch die Annahme, daß zu fettes Essen Brustkrebs begünstige, konnte durch prospektive Studien nicht belegt werden. So war in der Nurses Health Study die Häufigkeit von Brustkrebs bei Frauen, die bis zu 50 Prozent ihrer Kalorien über Fett aufnahmen, nicht höher als bei Frauen, deren Nahrung zu weniger als 25 Prozent aus Fett bestand (JAMA 268, 1992, 2037).

Am ehesten scheint die Ernährung noch die Gefahr von Tumoren des Gastrointestinal-Traktes zu beeinflußen. So war bei Personen in der EPIC-Studie, die viel Ballaststoffe aufnahmen, die Rate für Kolorektalkarzinome um 40 Prozent geringer als bei Personen mit wenig Ballaststoffen in der Nahrung. Und in einer prospektiven Studie mit knapp 150 000 Teilnehmern, die jetzt in "JAMA" (293, 2005, 172) erschienen ist , war die Häufigkeit von Rektumkarzinomen bei Personen, die viel Rind- und Schweinefleisch aßen, um 70 Prozent höher als bei Personen mit eine geringen Konsum an rotem Fleisch. Bei der Häufigkeit von Kolonkarzinomen gab es jedoch kein erhöhtes Risiko für Fans von rotem Fleisch, sofern etwa Faktoren wie Rauchen oder Body-Mass-Index berücksichtigt wurden.

Wer lieber viel Fisch und Geflügel aß, konnte in der Studie sein Risiko für ein Kolonkarzinom nur marginal, für ein Rektumkarzinom nicht einmal signifikant verringern.

FAZIT

Daten aus neuen prospektiven Studien widersprechen der Annahme, daß eine gesunde Ernährung das Krebsrisiko deutlich senkt. Die Rate von Tumoren allgemein war in einer großen Studien nicht vom Obst- und Gemüsekonsum abhängt. In prospektiven Studien mit Frauen ließ sich auch kein Einfluß der Ernährung auf die Häufigkeit von Brustkrebs finden. Nur bei Tumoren wie Kolon- und Rektumkarzinom gibt es bisher gute Daten, daß geeignete Nahrung - viele Ballaststoffe und wenig rotes Fleisch - das Krebsrisiko senkt. (mut)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Viele Fallstricke bei Ernährungsstudien

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