Ärzte Zeitung, 24.01.2005

Neues Op-Verfahren für Männer mit Harnblasenkrebs

"Jenaer Harnblase" vermeidet Impotenz und Inkontinenz weitgehend / Neues Verfahren für jeden zweiten Harnblasenkrebs-Patienten geeignet

JENA (ner). Impotenz und Inkontinenz sind zwei häufige Probleme von Männern, die wegen Harnblasenkrebs operiert werden müssen. Urologen aus Jena haben jetzt ein neues Operationsverfahren entwickelt, das solche Komplikationen weitgehend erspart. Es soll zumindest für jeden zweiten betroffenen Harnblasenkrebs-Patienten geeignet sein.

Bislang wird bei Männern mit Harnblasenkrebs die Harnblase inklusive der Prostata komplett entfernt und aus Darmteilen eine Kunstblase gefertigt. Die Folgen: Fast immer werden die Männer impotent, jeder zweite wird inkontinent. Denn die entsprechenden Nerven, welche an der Prostata entlang laufen, werden geschädigt und der Beckenboden wird geschwächt. Zudem bekommt jeder zehnte Patient später eine Stenose am Übergang zwischen Kunstblase und Harnröhre, was Folge-Operationen nötig macht.

Professor Jörg Schubert von der Urologischen Universitätsklinik in Jena und seine Kollegen machen das deshalb bei ausgewählten Patienten seit etwa einem Jahr anders und sprechen selbstbewußt von der "Jenaer Harnblase". Dabei wird nur noch die obere Hälfte der Prostata reseziert, der untere Teil der Vorsteherdrüse mit angeschlossener Harnröhre bleibt erhalten - ähnlich einer halbierten Apfelsine.

Eine Art Pokal fängt den Urin auf

Deren Fruchtfleisch (Drüsengewebe) wird außerdem herausgeschält, zurück bleibt nur die untere Prostata-Kapsel. "Wir erhalten auf diese Weise eine Art Pokal zum Auffangen des Urins", sagte Schubert zur "Ärzte Zeitung". Der Vorteil: Die Darmersatzblase wird nicht mehr direkt mit der Harnröhre vernäht, sondern mit diesem "Prostata-Pokal". Das soll spätere Stenosen weitgehend ausschließen.

Das Tragen von Windeln ist kein Thema mehr

Vor allem aber werden durch den partiellen Prostata-Erhalt die Nerven geschont, die für die Erektion und die Innervation des Beckenbodens notwendigen sind. Präoperativ potente Männer sind damit auch postoperativ zur Erektion fähig und "das Tragen von Windeln", so Schubert, "ist kein Thema mehr."

Auch die bisher notwendige Zystostomie (suprapubischer Blasenkatheter) zur postoperativen Harnableitung ist nicht mehr nötig - sie führte bislang bei fünf Prozent der Patienten zu Fistelbildungen. Prä- und postoperativ erfolgt ein Biofeedback-Training zur Stärkung des Beckenbodens. Postoperativ erhalten die Patienten für etwa anderthalb Wochen einen Harnröhren-Katheter.

Drittes Novum ist eine spezielle blutarme Op-Technik. Das verkürzt die Operationszeit und senkt den Blutverlust. Bei den 20 seit Februar 2004 operierten Patienten lag der durchschnittliche Blutverlust bei lediglich 360 ml. Bislang oft notwendige Bluttransfusionen sind nun verzichtbar. Damit kommen auch relativ alte Patienten noch für die Operation in Frage.

Nachteile der Methode im Vergleich zur herkömmlichen Operation sieht Schubert nicht. Auch die Radikalität des Eingriffs zur Beseitigung des Tumors sei identisch. Ausgeschlossen werden müssen Patienten mit Prostata-Karzinom sowie vorerst auch Patienten mit multifokalem Tumor und mit Befall der prostatischen Harnröhre - auch wenn diese bei der Jenaer Methode komplett entfernt wird. Dennoch kommen nach Schuberts Angaben etwa 50 Prozent der Blasenkrebs-Patienten für die "Jenaer Harnblase" in Frage.

Ganz neu ist der Versuch, prostata-erhaltend zu operieren, allerdings nicht. Ähnliche Methoden gibt es international seit einigen Jahren. In Kombination mit den gefäßschonenden Techniken, dem Verzicht auf die Zystostomie und mit dem Biofeedback-Training ist es nach Ansicht der Jenaer aber durchaus eine "Weltneuheit".

STICHWORT

Karzinom der Harnblase

Blasenkrebs gilt nach dem Prostatakarzinom als zweithäufigste urologische Tumorart. Betroffen sind vor allem Männer nach dem 60. Lebensjahr. In Deutschland erkranken jährlich etwa 15 000 Menschen. Einzige Behandlungsoption ist die radikale Entfernung der Harnblase, was meist einen gravierenden Einschnitt in die Lebensqualität der Betroffenen bedeutet. Die Fünfjahres-Überlebensrate wird nach Zystektomie und wenn keine Fernmetastasen vorliegen, mit 45 Prozent angegeben. (ner)

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