Ärzte Zeitung, 16.03.2005

Bei Krebs halten Kraft- und Antriebslosigkeit oft über Jahre an

Das Fatigue-Syndrom wird von den meisten Patienten als das am stärksten belastende Syndrom ihrer Erkrankung angesehen

BERLIN (ugr). Krebspatienten fühlen sich oft kraftlos und erschöpft - und das nicht nur während der Therapie, sondern auch noch Jahre nach einer erfolgreich verlaufenen Behandlung. Auf dieses Phänomen wies Dr. Jens Ulrich Rüffer, Vorsitzender der Deutschen Fatigue Gesellschaft (DFaG), bei der 1. Offenen Krebskonferenz in Berlin hin.

Etwa 80 Prozent aller Krebspatienten haben im Laufe der Behandlung ein Fatigue-Syndrom. Sie sind von einer tiefgreifenden Müdigkeit und Erschöpfung befallen, die unabhängig davon ist, was die Betroffenen vorher gemacht haben. Schlaf oder Ruhepausen helfen nicht - die Patienten fühlen sich kraft- und antriebslos.

    Ziel ist es, Schritt für Schritt Kraft zurück zu gewinnen.
   

Sie haben außerdem Konzentrationsstörungen und kognitive Beeinträchtigungen. "Das Leiden ist so schwerwiegend, daß es von den meisten als das am stärksten belastende Symptom ihrer Erkrankung angesehen wird - noch vor Schmerzen und Übelkeit", so Rüffer.

Die meisten Patienten erholen sich in den Monaten nach der Behandlung und kehren Schritt für Schritt in den Alltag zurück. Doch bis zu 40 Prozent der Krebskranken gelangen in einen chronischen Erschöpfungs-Zustand; sie sind selbst Jahre nach der erfolgreichen Therapie ausgesprochen erschöpft und körperlich und geistig nicht mehr in der Lage zu arbeiten - obwohl sie organisch gesund sind.

"Dieses Phänomen beobachten wir besonders häufig bei Patienten mit Leukämien oder Lymphomen, die sich einer Knochenmark- oder Stammzelltransplantation unterziehen mußten", so Rüffer.

Warum Krebspatienten so lange nach ihrer Erkrankung noch an den Folgen leiden, das hat mehrere Ursachen und ist letztlich noch nicht exakt geklärt. Sehr häufig begleitet eine Anämie die Krebserkrankung und steht in engem Zusammenhang mit Fatigue.

Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsenfehlfunktion oder ein Kortison-induzierter Diabetes können ebenso von Belang sein wie Infektionen, Mangelernährung, Schlafstörungen oder Medikamente, die Müdigkeit als unerwünschte Wirkung haben.

Depressionen und das individuelle Krankheitserleben sind ebenfalls wesentlich für Ausprägung und Verlauf von Fatigue. Psychosoziale Therapieangebote, bei denen Patienten lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen, können helfen; ebenso Entspannungskurse, Sport- und Bewegungstherapien oder Ernährungsberatungen. "Langfristiges Ziel ist es, Schritt für Schritt Kraft zurück zu gewinnen", erläuterte Sozialpädagogin Susanne Hanewald aus Bad Wildungen.

Um die Energiereserven einschätzen zu können, empfiehlt sie, ein Krafttagebuch zu führen. Was habe ich den ganzen Tag gemacht? Wann war ich aktiv, wann passiv? Und wie ging es mir dabei, wie habe ich mich gefühlt?

Hanewald: "Schon nach wenigen Tagen bekommen die Patienten ein Gespür für ihre eigene Leistungsfähigkeit. Und - ganz wichtig - sie merken schnell, wenn es besser wird, wenn die Kraft zurückkommt."

Krebshilfe (www.krebshilfe.de) und Deutsche Fatigue Gesellschaft (www.deutsche-fatigue-gesellschaft.de) haben einen ausführlichen Ratgeber zu Fatigue herausgegeben (Die blauen Ratgeber, Heft 34). Er ist kostenlos und kann von der Krebshilfe bezogen werden.

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