Ärzte Zeitung, 27.10.2005

Krebskranke mit Wirbelsäulentumoren profitieren von Op

Chirurgische Therapie mit Standardbehandlung verglichen / Nach dem operativen Eingriff können mehr Patienten wieder laufen

LEXINGTON (ner). Krebspatienten mit Wirbelsäulenmetastasen, die das Rückenmark komprimieren, sollten rasch operiert und danach bestrahlt werden. Dieses Ergebnis einer lang erwarteten Studie wird vermutlich derzeitige Standards in onkologischen Kliniken verändern.

Bei etwa fünf bis 14 Prozent der Krebspatienten kommt es zu Rückenmarkskompressionen wegen Metastasen. Ob die chirurgische Dekompression des Rückenmarks überhaupt etwas bringt, war bislang umstritten. Wenn operiert wurde, handelte es sich allerdings meist lediglich um eine Laminektomie - der oft anterior im Wirbelkörper gelegene Tumor wurde davon nicht berührt.

Standardtherapie ist derzeit die Bestrahlung und die Kortikoidbehandlung. US-amerikanische Neurochirurgen um Dr. Roy A. Patchell aus Lexington im Bundesstaat Kentucky haben 101 Krebspatienten mit krebsbedingt neu diagnostizierter Rückenmarkskompression entweder nach diesen Standards behandelt oder zunächst innerhalb von 48 Stunden den Tumor entfernt und dann bestrahlt.

Bei der Operation benutzten sie meist anteriore oder laterale Operationszugänge. Wenn nötig, wurde die Wirbelsäule zusätzlich mit Zement, Metallimplantaten oder Knochentransplantaten stabilisiert (Lancet 366, 2005, 643).

Wegen des guten Abschneidens der operierten Patienten brachen Patchell und seine Kollegen die Studie vorzeitig ab. In der Chirurgie-Gruppe konnten 84 Prozent der Patienten gehen - dies war der primäre Studienparameter - in der Standard-Gruppe dagegen nur 57 Prozent.

Die operierten Patienten lebten signifikant länger, und zwar im Median 126 Tage im Vergleich zu 100 Tagen. Auch war der Morphin- und Steroidverbrauch geringer. Jeweils 16 Patienten in beiden Studiengruppen hatten bereits komplett gelähmte Beine. In der Chirurgie-Gruppe konnten nach der Behandlung davon zehn wieder laufen, aber nur drei in der Standard-Gruppe.

Der US-Kollege erklärt diesen Effekt so: Die Folgen einer erst kurz bestehenden Rückenmarkskompression sind im Unterschied zu prolongierten Kompressionen noch reversibel. Die Effekte der chirurgischen Dekompression treten sofort ein, die Strahlentherapie braucht hingegen einige Tage dafür.

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