"Ein Widerspruch zur Grundordnung des Lebens"

Was ist Krebs? Als eine "Erkrankung wider alle Natur" beschrieb vor fast 50 Jahren der Chirurg Professor Karl-Heinrich Bauer, der Gründer des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, Krebs: "Krebs ist irgendwie ein Widerspruch zur Grundordnung des Lebens".

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In den vergangenen Jahrzehnten hat vor allem die Molekularbiologie wesentlich zum Verständnis der Krebsentstehung beigetragen. Allen Definitionen von Krebs ist gemeinsam, daß Krebszellen ungezügelt proliferieren und sich in bestimmten Geweben massiv ansammeln.

Aber Expansion ist nicht das einzige Charakteristikum. Entscheidend ist, daß etwa solide Tumoren in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen: Sie stoßen das Sprossen neuer Blutgefäße an und sichern sich so Nährstoffe und Sauerstoff für ihr Überleben.

So viel ist heute klar: Krebs entsteht nicht durch ein einziges Ereignis. Es ist ein mehrstufiger Prozeß, erkennbar daran, daß die Entstehung von Tumoren jahrzehntelang dauern kann. Die Entwicklung beginnt mit der unkontrollierten Zellvermehrung, ausgelöst etwa durch eine Mutation wie bei Darmkrebs. Als Hauptauslöser für Krebs sieht etwa Professor Harald zur Hausen aus Heidelberg chemische Substanzen, Strahlen und Infektionen an.

Mutationen, die sich mit der Zeit anhäufen, können durch Strahlen, etwa durch Radon, oder chemische Substanzen - auch im Tabakrauch - ausgelöst werden. Es kommt zur klonalen Selektion, das heißt, der Tumor entwickelt sich aus einer einzigen Zelle. Diese wird durch unbegrenzte Teilung gewissermaßen unsterblich. Durch Instabilität des Genoms entstehen dann invasive und metastasierende Tumoren.

Ein wesentlicher Beitrag zur Aufklärung der Krebspathogenese war eine Entdeckung Mitte der 70er Jahre: Gene, die für die übermäßige Synthese von Wachstumsfaktoren sorgen, wenn sie etwa mutiert und dadurch aktiviert sind. Diese Gene sind die Onkogene. Bekanntestes Beispiel dafür ist das her2/neu-Gen bei Brustkrebs und Eierstockkrebs.

Damit es nicht zur übermäßigen Zellvermehrung kommt, gibt es in der Zelle genetische Gegenspieler: die Tumorsuppressor-Gene. Am besten bekannt ist das Gen p53. Wegen seiner herausragenden Bedeutung wird es auch als Wächter des Genoms bezeichnet.

Kommt es zu Mutationen in diesem Gen, wird die Unterdrückung der Tumorentstehung verhindert. Es gibt eine Krebserkrankung, bei eine solche p53-Mutation bereits in der Keimbahn entsteht. Es entwickelt sich das Li-Fraumeni-Syndrom. Dazu zählen akute Leukämien, Mamma-Ca und ZNS-Tumoren, etwa Glioblastom und Medulloblastom.

Nicht nur Mutationen tragen zur Krebsentwicklung bei. Auch zu viele und zu wenige Chromosomen sowie Verlust und Verdopplung von Chromosomenabschnitten können die Ursache sein, und zwar, wenn diese Vorgänge die Zellvermehrung, die Apoptose, die Angiogenese und die Metastasierung beeinflussen.

Einer vor wenigen Jahren entwickelten Hypothese zufolge kann Krebs auch entstehen, wenn sich die Enden von Chromosomen, die Telomere, nicht regelrecht verkürzen und damit die Teilungsfähigkeit nicht begrenzt wird. Das Enzym Telomerase, das in ausdifferenzierten Zellen fehlt, verhindert die Verkürzung dieser Enden, Physiologisch ist dies in Embryonalgewebe der Fall, aber eben auch pathologisch in Tumorzellen.

Besonders aktiv ist das Enzym in den Zellen mancher Zervixkarzinome und in embryonalen Hirntumoren. Durch Stummschalten des entsprechenden Gens ließ sich bereits das Wachstum von Kolorektal-Ca-Zellen stoppen.

Auch Viren sind bekanntlich an der Krebsentwicklung beteiligt. Bekannteste Beispiele: Hepatitis-B-Viren beim hepatozellulären Karzinom und humane Papillomviren beim Zervix-Ca. Gegen beide Virustypen werden Impfstoffe zur Krebsprävention geprüft. (ple)

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