Ärzte Zeitung, 16.01.2006

Beurteilungssystem für Krebstherapie bei Alten wird entwickelt

Erfaßt werden Kognition, Aktivität, Mobilität, psychische Verfassung und Komorbidität / Patientenregister zu Therapieverlauf geplant

FULDA (grue). Bei alten Patienten verläuft eine Krebserkrankung zwar anders als bei jungen, aber die Prognose ist deshalb nicht unbedingt schlechter. Spezifische Therapien müssen aber den veränderten körperlichen und kognitiven Bedingungen angepaßt werden.

Deshalb möchte Professor Gerald Kolb, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, ein von Experten konzipiertes geriatrisches Assessment einführen: Es handelt sich dabei um eine Art Bestandsaufnahme mit Angaben zur Kognition, Alltagsaktivität, Mobilität, psychischer Verfassung und Komorbidität des Patienten. Auf dieser Basis könne eine Therapieentscheidung getroffen werden, sagte Kolb auf einer Veranstaltung des Unternehmens Ortho Biotech in Fulda.

Mit Unterstützung des Unternehmens haben Kolb und zehn weitere Experten - wie berichtet - vor einigen Monaten die Initiative Geriatrische Hämatologie und Onkologie (IN-GHO) gegründet, die Fachkreise und Öffentlichkeit über altersabhängige Besonderheiten der Therapie bei Tumoren informieren will.

Geplant ist dabei auch ein Patientenregister, das Basisdaten aus dem vorgeschlagenen geriatrischen Assessment enthält und den Therapieverlauf dokumentiert. "Die Therapierisiken bei älteren Patienten sind sehr unterschiedlich. Sie erfordern eine individuelle Abwägung, ob eine Standardtherapie in Frage kommt oder eine adaptierte Therapie, etwa mit reduzierter Dosis", sagte Kolb.

Der Geriater erinnerte daran, daß von den über 70jährigen Menschen 40 Prozent eine Demenz, Depression oder Mangelernährung oder eine Kombination aus diesen Risiken haben. Ebenfalls 40 Prozent nehmen mehr als sieben Medikamente ein, und 70 Prozent haben ein körperliches Gebrechen.

"Mit Hilfe des Assessments läßt sich zum Beispiel abschätzen, ob ein Krebspatient ergänzende Medikamente braucht, etwa Wachstumsfaktoren zur Unterstützung des Knochenmarks". Hilfreich sei auch ein Zytokapazitätstest: Mit ihm läßt sich die Granulozytenfunktion bestimmen. Er ist aber noch nicht etabliert. "Langfristig werden wir unser Assessment aber sicher noch ausbauen", so Kolb.

Das Unternehmen Ortho Biotech ist seit längerem in der Onkologie aktiv, unter anderem mit Bortezomib (Velcade®), das 2005 mit dem von der "Ärzte Zeitung" gestifteten Galenus-von-Pergamon-Preis für innovative pharmakologische Forschung ausgezeichnet wurde. Erhältlich ist ebenfalls Epoetin-alfa (Erypo®).

Weitere Infos im Internet unter http://www.in-gho.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »