Ärzte Zeitung, 20.02.2006

Einfrieren von Ovarialgewebe erhält Fertilität

Neue Methode bietet Frauen die Chance, selbst nach einer Krebstherapie noch Kinder zu bekommen

HAMBURG (nie). In Deutschland steht jetzt eine neue Behandlung zur Verfügung, mit der die Fertilität bei Krebspatientinnen möglicherweise erhalten bleibt. Frauen im gebärfähigen Alter können sich vor einer Chemo- oder Strahlentherapie Eierstockgewebe entnehmen und einfrieren lassen. Das Gewebe wird später wieder eingepflanzt, und die Frauen haben dadurch noch die Chance, eigene Kinder zu bekommen.

Frauenärztin im Gespräch mit einer Patientin. Eine Krebstherapie kann die Ovarien irreversibel schädigen. Foto: Klaro

Jedes Jahr erkrankten bundesweit etwa 20 000 Frauen im gebährfähigen Alter allein an Brustkrebs, sagte der Reproduktionsmediziner Privatdozent Frank Nawroth zur "Ärzte Zeitung". Nawroth bietet das neue Verfahren seit etwa einem Jahr im Endokrinologikum in Hamburg an. Bei adjuvanten lokalen und besonders bei systemischen Therapien werden die Ovarien oft irreversibel geschädigt.

Zum Schutz geben Ärzte häufig vor Beginn einer Krebstherapie GnRH-Agonisten, die vorübergehend die Funktion der Ovarien ausschalten und die Patientinnen in einen Zustand wie in den Wechseljahren versetzen. Dadurch sollen die Eierstöcke unempfindlicher gegen eine Chemotherapie werden. Die Effektivität sei jedoch nicht eindeutig erwiesen, so Nawroth.

Eine weitere Möglichkeit zum Erhalt der Fertilität ist die Kryokonservierung von unfertilisierten oder fertilisierten Eizellen. Nawroth: "Die dafür notwendige hormonelle Stimulation der Patientin dauert allerdings drei bis vier Wochen. Wenn die Krebstherapie rasch erfolgen muß, fällt diese Möglichkeit aus." Auch Mädchen vor der Pubertät könnten nicht nach diesem Konzept behandelt werden, weil ihre Ovarien noch nicht stimulierbar sind.

Seit etwa einem Jahr besteht an spezialisierten Kinderwunschzentren in Deutschland - wie dem Endokrinologikum in Hamburg - die Möglichkeit, vor einer Krebstherapie Ovarialgewebe entnehmen und einfrieren zu lassen. Die Entnahme ist ein kleiner operativer Eingriff und erfolgt zusammen mit einer Bauchspiegelung.

Das Gewebe wird dann in Portionen geschnitten und kann zeitlich unbegrenzt eingefroren werden. Nach Abschluß der Krebstherapie wird ein Teil des Gewebes zurück in den Eierstock transplantiert, wo es die ursprüngliche Funktion wieder übernehmen soll. Klappt das nicht, können weitere Versuche mit restlichem Gewebe gemacht werden.

Das Konzept ist nach Angaben des Reproduktionsmediziners vielversprechend, obwohl die Erfolgsaussichten für einzelne Frauen bisher nicht genau abzuschätzen seien. Weltweit sind bisher zwei Kinder zur Welt gekommen, die nach dieser Methode gezeugt wurden.

Im Endokrinologikum in Hamburg haben bereits fünf Patientinnen Ovarialgewebe einfrieren lassen. Zu einer Schwangerschaft ist es damit in Deutschland jedoch noch nicht gekommen. Die Behandlung kostet etwa 600 bis 700 Euro und ist eine IGeL-Leistung.

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