Ärzte Zeitung, 21.03.2006

Krebsforscher setzen auf Stammzell-Forschung

Interview mit Professor Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg

HEIDELBERG. Krebszellen und Stammzellen haben viele Gemeinsamkeiten. Sie sind unsterblich und ungeheuer wandlungsfähig. Offensichtlich sind Krebs-Stammzellen für die Tumorentstehung und -ausbreitung von entscheidender Bedeutung. Nach einem Internationalen Kongreß über Stammzellen und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zog der Wissenschaftliche Vorstand des Zentrums, Professor Otmar D. Wiestler, im Gespräch mit Ingeborg Bördlein, Mitarbeiterin der "Ärzte Zeitung", die Bilanz: "Wir müssen uns in Zukunft sowohl für das Verständnis von Krebskrankheiten als auch für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden sehr viel stärker auf die Krebs-Stammzellen konzentrieren."

   
 
"Krebs-Stammzellen machen häufig nur ein halbes bis zwei Prozent der Tumormasse aus."
 
Professor Otmar D. Wiestler
Deutsches Krebsforschungszentrum
   

Ärzte Zeitung: Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dem Kongreß in Heidelberg?

Wiestler: Dieses Gebiet gewinnt ständig an Bedeutung. Drei wichtige Punkte kristallisieren sich heraus: Es mehren sich erstens die Hinweise, daß Krebserkrankungen beim Menschen aus Körperstammzellen entstehen können. Zweitens sieht man zunehmend, daß in vielen Tumoren eine kleine Gruppe von Krebszellen in diesem Stammzellstadium verbleibt. Diese sogenannten Krebs-Stammzellen, die häufig nur ein halbes bis zwei Prozent der Tumormasse ausmachen, sind wahrscheinlich Ursache dafür, daß der Tumor metastasiert. Und drittens sind diese Zellen häufig resistent gegen die klassischen verfügbaren Behandlungen wie Strahlen- und Chemotherapie.

Ärzte Zeitung: Die überwiegende Zahl der Krebspatienten stirbt ja an den Folgen der Metastasierung. Warum und wie Metastasen entstehen, ist noch nicht geklärt, ebensowenig, wie sie zu bekämpfen sind. Bringt uns die Stammzellforschung hier weiter?

Wiestler: Das ist zu erwarten. Diese kleine Gruppe von Krebszellen mit den Eigenschaften von Stammzellen hat eine starke tumorauslösende Wirkung. Wenn man Tieren diese Zellen zur Tumorinduktion injiziert, reichen häufig bereits wenige Zellen aus, um einen Tumor zum Wachsen zu bringen. Offensichtlich sind diese Zellen auch der Schlüssel dafür, wie der Tumor sich verhält. Sie neigen zur Einwanderung ins Gewebe und setzen sich über die Blutbahn in die Peripherie ab, wo sie wieder anwachsen. Dort können sie über lange Zeit in Stammzellnischen ruhen, ehe sie irgendwann wieder zu wachsen beginnen.

Ärzte Zeitung: Das würde den klinischen Verlauf vieler Krebserkrankungen erklären, wenn nach zunächst erfolgreichem Eingriff noch Jahre später Metastasen kommen.

Wiestler: Ja, es müssen sich bereits frühzeitig Zellen aus dem Tumor abgelöst haben. Diese bleiben eine Zeitlang in einer Art Ruhe- oder Kontrollzustand im Körper liegen und beginnen später aus Gründen, die wir nicht kennen, wieder zu wachsen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind es Krebs-Stammzellen, von denen dieses erneute Wachstum und die Spätmetastasierung ausgehen.

Ärzte Zeitung: Hat jeder Tumor ein solches Stammzell-Reservoir?

Wiestler: Das wissen wir noch nicht. Es erscheinen aber monatlich Publikationen, die über die Entdeckung von Krebs-Stammzellen berichten: in Tumoren der Lunge, der Brust, der Prostata, im Magen-Darm-Trakt und bei Hirntumoren. Bei Leukämie ist dieser Sachverhalt schon lange bekannt. Bei den häufigen, soliden Krebsformen hatten wir davon bis vor kurzem keine Kenntnis.

Ärzte Zeitung: Kann man auf einen Krebs- Stammzelltest in der Zukunft hoffen, der Aussagen zur Prognose der Erkrankung zuläßt?

Wiestler: Wäre man in der Lage, mit empfindlichen Methoden in einzelnen Organen kleine Gruppen solcher Krebs-Stammzellen nachzuweisen, dann hätte man sicher einen Hinweis darauf, daß hier ein gefährliches Reservoir besteht und man frühzeitig behandeln sollte. Es gibt Forschergruppen, die am frisch entnommenen Tumormaterial lebende Krebs-Stammzellen isolieren. Dies erreicht man, indem man nach bestimmten Markern auf der Oberfläche dieser Zellen sucht. Mit Antikörpern spürt man Tumorzellen mit diesen Eigenschaften auf.

Es bleibt zu klären, ob der Anteil solcher Krebs-Stammzellen bedeutsam für den Krankheitsverlauf ist. Ob Patienten, die nur wenige solche Zellen haben, einen besseren Verlauf zu erwarten haben und nicht so aggressiv behandelt werden müssen wie diejenigen, die eine nennenswerte Zahl solcher Zellen aufweisen, damit durch eine Metastasierung gefährdet sind und deshalb eine frühzeitige Chemotherapie brauchen. Daten dazu sind in absehbarer Zeit zu erwarten.

Ärzte Zeitung: Wie geht es jetzt mit der Forschung auf diesem Gebiet weiter?

Wiestler: Viele Arbeitsgruppen gehen jetzt gezielten Fragen nach. Wo befinden sich eigentlich die Stammzellen in der Lunge, die zu Lungenkrebs führen oder in der Brustdrüse, die ein Mammakarzinom auslösen? Eine nächste wichtige Aufgabe wird es sein, die Zellen, die man im Gewebe relativ leicht nachweisen und isolieren kann, außerhalb des Körpers zu vermehren.

Dieses Problem stellt sich seit langem in der Forschung mit adulten Stammzellen. Sobald die Zellen aus dem Körper entnommen sind, wachsen sie nicht mehr gut. Wir haben hier im DKFZ Forschungsprojekte mit dem Ziel, Krebs-Stammzellen aus Hirntumoren zu isolieren und zur Vermehrung zu bringen. Dazu benötigt man Protokolle, die man normalerweise einsetzt, um Stammzellen des Gehirns zum Wachsen zu bringen. Man muß zunächst größere Mengen dieser Zellen gewinnen, um wichtige Fragen zu beantworten.

Ärzte Zeitung: Welche Fragen sind das?

Wiestler: Zum Beispiel, ob diese Zellen wirklich besondere invasive oder metastatische Eigenschaften haben, ob sie resistent sind gegen Zytostatika und wenn ja, warum, und ob sie etwa auf einen Antikörper wie Trastuzumab ansprechen würden. Außerdem wäre es interessant zu klären, ob der Nachweis solcher Zellen in einer bestimmten Form oder Zahl mehr prognostische Aussagekraft besitzt als etwa der Lymphknotenstatus.

Auf den großen Krebskonferenzen sind Stammzellen im Moment ein zentrales Thema, deshalb hatten wir die Experten dazu auch nach Heidelberg eingeladen. Wir müssen uns in der Krebsforschung künftig stärker auf diese Zellen konzentrieren.

Der Neuropathologe und Stammzellforscher Professor Otmar D. Wiestler (Foto: DKFZ) ist Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg.

STICHWORT

Deutsches Krebsforschungszentrum

Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg erforschen die Wissenschaftler systematisch die Mechanismen der Krebsentstehung. Darüber hinaus erfassen sie Risikofaktoren für Krebserkrankungen. Aus den Ergebnissen dieser Grundlagenforschung sollen neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnostik und Therapie entwickelt werden. Das Krebsforschungszentrum ist eine Stiftung des Öffentlichen Rechts sowie Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Als überregionale Großforschungseinrichtung wird es von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Baden-Württemberg finanziert. Außerdem gehört das Krebsforschungszentrum dem Kooperationsverbund Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim an. Seit Januar 2004 ist Professor Otmar D. Wiestler Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des Zentrums. (eb)

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