Ärzte Zeitung, 13.09.2007

INTERVIEW

"Reservoir der Immunzellen zu wenig ausgeschöpft"

HEIDELBERG. Monoklonale Antikörper für die Therapie bei Krebs und Stoffe, die Entzündungsmediatoren etwa bei Rheumatoider Arthritis blockieren können: Das sind Beispiele für die Erfolge immunologischer Forschung. "Bei fast allen größeren immunologischen Entdeckungen waren deutsche Forscher beteiligt", sagt Professor Stefan Meuer aus Heidelberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Allerdings: "Das Reservoir der Immunzellen für die Therapie wurde bislang zu wenig ausgeschöpft", so Meuer im Gespräch mit Ingeborg Bördlein von der "Ärzte Zeitung".

Ärzte Zeitung: Professor Meuer, wie beurteilen Sie den Stellenwert der Immunologie in Deutschland?

Professor Stefan Meuer: Wissenschaftlich ist die Immunologie hierzulande gut aufgestellt. Sie hat internationales Format, und bei fast allen größeren immunologischen Entdeckungen waren deutsche Forscher beteiligt. Etwa bei der Entdeckung monoklonaler Antikörper oder des Prinzips der Apoptose. Fast alle Hochschulen haben einen Lehrstuhl auf diesem Fachgebiet und es existieren viele große Forschungsprojekte. Ein Problem ist allerdings ...

Ärzte Zeitung: ...die Umsetzung in der Klinik?

Meuer: Ja - genau das! Die heutige Medizin ist zu sehr auf sichtbare Organe wie Magen, Darm oder Leber fixiert. Hierfür haben wir Spezialabteilungen. Dies ist nicht mehr zeitgemäß. Denn viele Krankheiten, bei denen organspezifisch behandelt wird, haben etwas mit dem Immunsystem zu tun: die Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Rheuma oder inflammatorische Darmleiden, Typ-1-Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Hautkrankheiten.

Die Patienten haben die gleiche Krankheit an unterschiedlichen Orten und werden auch gleich behandelt, etwa mit Immunsuppressiva. Leider werden in Deutschland Querschnittsfächer wie die Immunologie nicht sehr geschätzt, weil die Organ-Spezialisten befürchten, ihre Patienten an einen System-Spezialisten abgeben zu müssen. Das sind bedauerliche berufspolitische Verteilungskämpfe.

Große Bremser sind auch die Genehmigungsbehörden bei klinischen Studien. Wir brauchen aber klinische Forschungen, denn die Daten von Tierversuchen sind in der Immunologie kaum übertragbar.

Ärzte Zeitung: Wo hat die immunologische Grundlagenforschung aktuell am meisten zu klinischen Erfolgen beigetragen?

Meuer: Das sind zum einen die monoklonalen Antikörper für die Therapie bei Krebs, etwa bei Patienten mit Lymphomen oder mit Brustkrebs. Sie sind von Immunologen als therapeutisches Werkzeug zur Verfügung gestellt worden, und man hatte damit in sehr kurzer Zeit sehr wirksame neue Medikamente in der Hand.

Das Zweite sind gentechnisch hergestellte Reagenzien, die die Wirkung von Entzündungsmediatoren wie Tumor-Nekrose-Faktor-alpha blockieren. Sie werden bei Rheuma oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen therapeutisch sehr erfolgreich genutzt.

Ein weiteres Beispiel: die Transplantationsmedizin. In Heidelberg haben wir als erste Forschergruppe weltweit einen quantitativen Test entwickelt, mit dessen Hilfe wir den individuellen Bedarf von Immunsuppressiva bei Patienten feststellen können, die ein Transplantat erhalten haben.

Somit können wir eine Überdosierung von Immunsuppressiva etwa bei Patienten nach Herztransplantation verhindern und damit ihr hohes Krebsrisiko entscheidend mindern. Viele kommen jetzt mit einem Drittel ihrer früheren Dosierung aus.

Ärzte Zeitung: Wo sehen Sie künftige therapeutische Ansätze?

Meuer: Zu wenig ausgeschöpft wurde bislang das Reservoir der Immunzellen für die Therapie. Je mehr wir über die individuellen Funktionen einzelner Zellpopulationen wissen, desto leichter wird es sein, sie therapeutisch einzusetzen. Fallen zum Beispiel Zellpopulationen mit dämpfendem Charakter von Immunreaktionen aus, kommt es zu einer überschießenden Immunreaktion und damit zu Autoimmunerkrankungen. Würde es gelingen, diese regulatorischen Zellen zu definieren, sie im Brutschrank zu vermehren und den Patienten wieder zurückzugeben, könnte man die Balance vielleicht wieder herstellen.

Fundamentale Ansätze kommen auch aus der Genforschung: Eine Forschergruppe aus Boston hat auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Immunologie Ergebnisse von Genanalysen bei Patienten mit Autoimmunkrankheiten vorgestellt.

Die Wissenschaftler haben kleine Molekül-Veränderungen entdeckt, die Menschen dazu prädestinieren, leichter chronische Entzündungen zu entwickeln als andere Menschen. Hier sehe ich ebenfalls therapeutische Möglichkeiten für die Zukunft.

Ärzte Zeitung:: Die erste vorbeugende Krebsimpfung ist inzwischen in Deutschland auf dem Markt. Wird es auch eine therapeutische Impfung geben?

Meuer: Hier bin ich Pessimist. Wenn eine Krankheit bereits da ist, hat eine aktive Impfung noch nie funktioniert. Oder würden Sie jemanden gegen Masern impfen, der schon Masern hat? Genauso ist es bei Krebs: Eine aktive Immuntherapie kann man nur machen, wenn das Immunsystem intakt ist.

Anders ist das bei der passiven Immuntherapie: Wenn man Zellen gegen den Krebs außerhalb des Körpers so programmiert, dass sie Krebszellen erkennen und eliminieren, - das können auch veränderte eigene Zellen oder Fremdzellen sein -, und sie dem Körper dann wieder zurückgibt, dann kann das funktionieren.

In Heidelberg wollen wir einen Forschungsschwerpunkt "Adoptive Zelltherapie" einrichten. In diesem Schwerpunkt sollen Techniken entwickelt werden, wie man Krebs passiv, nämlich mit zellulären Bestandteilen von außen, bekämpfen kann.

ZUR PERSON

Professor Stefan Meuer ist seit 1995 Ordinarius für Allgemeine Immunologie an der Uni Heidelberg und derzeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Er plant Forschungen, die helfen sollen, Krebs mit zellulären Bestandteilen passiv -also von außen - zu bekämpfen.

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