Ärzte Zeitung, 06.02.2008

Mikrotherapien jetzt in offenem MRT

Minimal-invasive Radiofrequenzablation oder interstitielle Brachytherapie / Auch Schmerztherapien möglich

Das Uniklinikum Magdeburg bietet nach eigenen Angaben weltweit erstmals Mikrotherapien mit Hilfe eines offenen 1-Tesla-MRT an. Die Kollegen platzieren nun Sonden zur Radiofrequenzablation oder Brachytherapie unter MRT-Kontrolle. Allerdings: Übliche Metall-Instrumente können nicht genutzt werden. Nun ist Tüftler-Geist gefragt.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Zur Schmerztherapie liegt dieser Patient im offenen MRT auf dem Bauch. Professor Jens Ricke platziert die Spritze.

Foto: Universitätsklinikum Magdeburg

Wer schon einmal seinen Autoschlüssel mit in einen Raum genommen hat, in dem ein MRT-Gerät steht, der weiß, was Anziehung bedeutet. Bloß nicht loslassen, heißt dann die Devise. Radiologen, die etwas spielerischer veranlagt sind, erlauben es ihren Gästen mitunter, einen mit wenig Luft aber dafür teilweise mit Eisenspänen gefüllten Tennisball mit in den Raum zu nehmen, in dem der Tomograf steht.

Der Ball ist angemessen weich und darf mit voller Wucht in die Röhre geworfen werden. Ziel ist es, den Ball durch die Röhre zu bekommen. Spätestens bei 3-Tesla-Geräten kommt der Ball auch bei kraftvollen Würfen nicht mehr hinten heraus.

Spielereien, sicher. Aber sie verdeutlichen gut, was es bedeutet, wenn ein MRT-Gerät nicht mehr nur zur Diagnostik, sondern auch zur Bildsteuerung bei invasiven Eingriffen genutzt werden soll. Da liegt dann ein Patient im Gerät, und zwar genau an der Stelle, an die auch alles Metall fliegen würde, wenn man es ließe. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich plötzlich ein Werkzeug selbstständig machte, ein Draht, eine Nadel, ein Skalpell.

Übliche Metall-Instrumente sind im MRT nicht zu benutzen

Nach dem mikrotherapeutischen Eingriff überprüft Professor Jens Ricke am Monitor die Verteilung des Schmerzmittels.

Foto: Universitätsklinikum Magdeburg

"Das ist genau der entscheidende Punkt", sagt Professor Jens Ricke von der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am Klinikum der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. "Die üblichen Instrumente, die wir einsetzen, wenn wir einen Eingriff per Ultraschall oder CT steuern, sind fürs MRT oft völlig ungeeignet." Zusammen mit dem Unternehmen Philips hat Ricke in Magdeburg dennoch die Herausforderung angenommen und einen MRT-Arbeitsplatz für minimal-invasive Tumortherapien entwickelt.

Ohne Röntgenstrahlen werden Sonden perfekt platziert

Die Vorteile einer solchen Therapie unter Nutzung des MRT sind gewaltig: Wegen seines hohen Weichteilkontrasts ermöglicht das MRT eine nahezu perfekte Platzierung der Sonden - und das ganz ohne ionisierende Strahlung. "Das ist nicht ganz unwichtig, denn mitunter werden vier oder fünf solcher Eingriffe am Tag gemacht", so Ricke im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

In Magdeburg sind die Ärzte jetzt so weit: Patienten mit metastasiertem Kolonkarzinom oder fortgeschrittenen Lebertumoren werden überwiegend unter MRT-Kontrolle behandelt. Doch der Weg war steinig. "Wenn Sie beispielsweise einen falschen Führungsdraht einsetzen, dann muss der gar nicht ins Gerät fliegen, er wird unter Umständen einfach nur kochend heiß", so Ricke.

Auf jedes Detail kommt es plötzlich an. Technisch lässt sich eine Überhitzung natürlich verhindern, mit Titanlegierungen, mit Karbon- oder Keramikprodukten. "Wir sind aber noch weit davon entfernt, zu sagen: Das ist es jetzt. Dieser ganze Bereich ist immer noch ein tolles Betätigungsfeld für Werkstofffachleute."

Problem: Ein Monitor kann nicht im MRT-Raum stehen

Auch für Innenarchitekten. Wer am MRT unter Bildkontrolle Eingriffe machen möchte, der braucht - richtig, einen Monitor! Geht aber nicht, denn Monitore und Magnetfelder passen nun überhaupt nicht zusammen. Eine Glasscheibe wäre prinzipiell eine Lösung. Doch müsste dann entweder die Scheibe sehr nah an den Scanner ran, was die Bewegungsfreiheit für das Personal einschränken würde. Oder aber der Monitor hinter der Scheibe müsste riesengroß sein, damit die Radiologen auch auf eine Distanz von zwei, drei Metern noch genug erkennen.

In Magdeburg ist man einen anderen Weg gegangen und arbeitet mit einem Beamer. Nicht, dass der sich besonders gut mit Magnetfeldern vertragen würde. Aber er ermöglicht es zumindest, ein Bild von außen in den MRT-Raum zu projizieren. Das Bild fällt dort auf einen Spiegel, der es dann auf eine Milchglasscheibe reflektiert. Die kann so platziert werden, dass der Radiologe sich nicht ständig umdrehen muss, wenn er auf das Bild schauen möchte.

Noch ist der Arbeitsplatz nicht besonders ergonomisch

Bedienungskomfort ist auch so ein Thema. Sicher, das in Magdeburg eingesetzte Hochfeld-MRT ist zur Seite hin offen. Zu einem Raumwunder wird es dadurch freilich noch lange nicht: Die Spulen sind gewaltig, und die beiden Hälften müssen relativ eng aufeinander liegen, sonst funktioniert es nicht. "Das Ganze ist bisher noch nicht besonders ergonomisch", so Ricke. Aber es wird: Das Vorgängergerät wog noch 36 Tonnen. Mit jetzt acht Tonnen hat "Panorama", so der Name des Geräts, doch eine gewisse Zierlichkeit erreicht.

Therapeuten nutzen Joysticks, die an PC-Spiele erinnern

Bei der Ergometrie kann auch die Gerätesteuerung helfen: "Wir setzen dazu unter anderem einen Joystick ein, der mich stark an das Computerspiel Wing Commander erinnert", berichtet Ricke. Anschluss per Kabel freilich geht auch wieder nicht, denn wie Führungsdrähte werden auch die allermeisten Kabel kochend heiß im Magnetfeld. mithilfe einer drahtlosen Datenübertragung ließ sich dieses Problem allerdings recht leicht lösen, allerdings per optischer Kopplung, nicht einfach mit den üblichen Drahtlosnetzen.

In Zukunft sollen spezielle Stühle die Arbeit am MRT für die Ärzte angenehmer machen, und auch Stützhilfen für Geräte und Gliedmaßen werden entwickelt. Bis es so weit ist, heißt es aber noch die eine oder andere Verrenkung zu machen.

STICHWORT

Mikrotherapien

Der Begriff Mikrotherapie umfasst minimal-invasive Therapien, die mit Unterstützung von bildgebenden Verfahren gemacht werden. Beispiele sind die thermische Ra-diofrequenzablation etwa von Lebertumoren und -metastasen oder Nierentumoren. Auch interstitielle Bestrahlungen (Brachytherapien) gehören dazu. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Schmerztherapie, etwa um lokal das Gewebe um irritierte oder entzündete Nervenwurzeln herum mit Kortison zu infiltrieren.

Die üblichen bildgebenden Verfahren bei Mikrotherapien sind Ultraschall (etwa bei Lebertumoren) oder CT (etwa zur Infiltration an der Wirbelsäule). Ein wesentlicher Nachteil der Sonografie ist, dass die Güte des Verfahrens von anatomischen Gegebenheiten abhängt. Und ein wesentlicher Nachteil der CT ist die Strahlenbelastung, der nicht nur die Patienten, sondern auch das Personal ausgesetzt sind. Diese Belastung fürs Personal summiert sich bei mehreren Eingriffen pro Tag. (gwa)

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