Direkt zum Inhaltsbereich

Jeder Dritte Krebskranke braucht psychischen Beistand

Psychoonkologische Interventionen können dazu beitragen, den Leidensdruck von Krebspatienten zu mindern und damit die Lebensqualität zu bessern.

Von Werner Stingl Veröffentlicht:

Das Ausmaß an Leid, das Krebspatienten durch Diagnose, Krankheitsverlauf und unerwünschte Wirkungen der Therapien erfahren, hängt entscheidend auch von psychischen und sozialen Voraussetzungen ab. Dies bedeutet ein erhebliches Potenzial für psychoonkologische Interventionen, das bisher aber noch zu wenig genutzt wird.

Es ist alltägliche Erfahrung im Umgang mit Krebspatienten, dass der Leidensdruck oft wenig mit der objektiven Schwere und Prognose einer malignen Erkrankung korrespondiert. Daran hat Dr. Pia Heußner, Leiterin der Abteilung Psychoonkologie am Uniklinikum München-Großhadern, bei einer Veranstaltung in München erinnert. Einerseits würden manche Patienten schon durch einen vergleichsweise harmlosen onkologischen Befund vom subjektiven Leiderleben erdrückt. Andererseits gebe es Betroffene mit schlechter Prognose, deren Befindlichkeit aber dennoch erstaunlich gut sei. Die Patienten werden getragen von einer starken Psyche, hoher Anpassungsfähigkeit, sozialen Beziehungen oder einer konstruktiven Spiritualität.

Entspannungsverfahren und Arzneien sind Optionen

Psychoonkologische Interventionen können dazu beitragen, diese Dimensionen des Patienten und damit die Lebensqualität entscheidend zu bessern. Psychoonkologen bedienen sich dabei etablierter psychotherapeutischer Methoden, Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Auch Psychopharmaka können erwogen werden. So könne etwa ein Krebspatient mit schwerer reaktiver Depression oft erst durch eine befristete Therapie mit Antidepressiva in die Lage versetzt werden, seine Erkrankung zu verarbeiten, sagte Heußner auf der von GlaxoSmithKline unterstützten Veranstaltung.

Entsprechend sind Psychoonkologen üblicherweise ärztliche oder Psychologische Psychotherapeuten, die aber zusätzlich über fundierte onkologische Kenntnisse verfügen sollten.

Psychoonkologen nehmen sich Zeit für Patienten

Denn eine häufige Aufgabe von Psychoonkologen ist, Betroffenen die Diagnose, die Therapie und deren positive wie negative Konsequenzen - ohne Zeitdruck - so oft und so lange zu erklären, bis sie sich ausreichend informiert fühlen. Viele Patienten etwa sind überfordert, bei mehreren für sie in Frage kommenden Therapieoptionen nur aufgrund von Studiendaten, die vom Onkologen kurz vermittelt wurden, die für sie beste Entscheidung zu fällen.

Als bedeutsame psychoonkologische Therapieziele nannte Heußner, den Patienten in die Lage zu versetzen, seine Erkrankung zu akzeptieren und Perspektiven aufzuzeigen oder zu finden, wie trotz der Erkrankung ein befriedigendes Leben geführt werden kann. Wichtig ist eine zeitnahe effektive Kontrolle psychischer Reaktionen auf die Erkrankung, also etwa von Angst, depressiven Verstimmungen und Stimmungsschwankungen. Ebenso sind psychoonkologische Aufgaben, die Compliance gegenüber der Krebstherapie zu stützen und notwendige Kommunikationen zwischen Patient, Familie, Behandlern oder Trägern sozialer Leistungen zu sichern.

Derzeit bekommen noch viel zu wenige Krebspatienten, die eine psychoonkologische Unterstützung brauchen, diese auch. Hochrechnungen zufolge sind etwa 30 Prozent aller Krebspatienten so stark belastet, dass eine psychoonkologische Betreuung klar indiziert wäre. Bei entsprechend formulierten Diagnosen wie "gravierende Anpassungsstörung" oder "reaktive Depression" wäre eine solche Hilfe zudem Kassenleistung - vorausgesetzt, der behandelnde Psychoonkologe ist approbierter Psychotherapeut. Dennoch wird bislang nur einem Viertel der Krebspatienten, die eine psychoonkologische Betreuung brauchen, diese auch angeboten.

Um dazu beizutragen, das Versorgungsdefizit zu beheben, wurde mit Unterstützung des Unternehmens und unter führender Mitarbeit von Professor Peter Herschbach von der Sektion Psychosoziale Onkologie der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der TU München die Aufklärungsinitiative "Psyche hilft Körper" ins Leben gerufen.

Unter dem Titel "Sprechstunde für die Seele" wurde bereits ein nach Postleitzahlen geordnetes ausbaufähiges nationales Adressverzeichnis mit bisher schon über 220 psychoonkologisch tätigen Psychotherapeuten erstellt. Das Adressverzeichnis wird aktuell bundesweit an möglichst viele onkologische Kliniken und Praxen sowie an Krebsselbsthilfegruppen verteilt.

Das Verzeichnis kann angefordert werden unter www.gsk-onkologie.de, Rubrik "Informationsangebote für Patienten"

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Brustkrebsfrüherkennung

Wie effektiv ist das Mammografiescreening in Europa?

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Aktuelle explorative Ad-hoc-Analysen der Studien SPOTLIGHT und GLOW: mOS vor und nach Zensierung†

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

CLDN18.2+, HER2− Adenokarzinom des Magens/gastroösophagealen Übergangs

Mit optimiertem Therapiemanagement den Behandlungserfolg mit Zolbetuximab unterstützen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Astellas Pharma GmbH, München

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Elternzeit, Krankheitsvertretung und Co.

Befristete Arbeitsverträge: Welche Fehler Sie vermeiden sollten

Ernährungsberatung

Schilddrüse: Vegane Ernährung verschärft Jodmangel

Übergriffiges Verhalten im Gesundheitswesen

Medizinstudentin zu sexueller Belästigung: „Ich möchte beim Ärztetag nicht mit ,Hase‘ angesprochen werden“

Lesetipps
Ein Stapel mit vielen Büchern

© Frank Rumpenhorst/dpa

State-of-the-Art

Was in den Praxisempfehlungen und Leitlinien der DDG neu ist

Blick über die Schulter eines Trompeters, der ein Konzert spielt.

© Kitreel / Stock.adobe.com

Vielfalt der Musikermedizin

Ihr Patient ist Musiker? Was dann relevant werden könnte