Ärzte Zeitung, 12.05.2009

Jeder Dritte Krebskranke braucht psychischen Beistand

Psychoonkologische Interventionen können dazu beitragen, den Leidensdruck von Krebspatienten zu mindern und damit die Lebensqualität zu bessern.

Von Werner Stingl

Das Ausmaß an Leid, das Krebspatienten durch Diagnose, Krankheitsverlauf und unerwünschte Wirkungen der Therapien erfahren, hängt entscheidend auch von psychischen und sozialen Voraussetzungen ab. Dies bedeutet ein erhebliches Potenzial für psychoonkologische Interventionen, das bisher aber noch zu wenig genutzt wird.

Es ist alltägliche Erfahrung im Umgang mit Krebspatienten, dass der Leidensdruck oft wenig mit der objektiven Schwere und Prognose einer malignen Erkrankung korrespondiert. Daran hat Dr. Pia Heußner, Leiterin der Abteilung Psychoonkologie am Uniklinikum München-Großhadern, bei einer Veranstaltung in München erinnert. Einerseits würden manche Patienten schon durch einen vergleichsweise harmlosen onkologischen Befund vom subjektiven Leiderleben erdrückt. Andererseits gebe es Betroffene mit schlechter Prognose, deren Befindlichkeit aber dennoch erstaunlich gut sei. Die Patienten werden getragen von einer starken Psyche, hoher Anpassungsfähigkeit, sozialen Beziehungen oder einer konstruktiven Spiritualität.

Entspannungsverfahren und Arzneien sind Optionen

Psychoonkologische Interventionen können dazu beitragen, diese Dimensionen des Patienten und damit die Lebensqualität entscheidend zu bessern. Psychoonkologen bedienen sich dabei etablierter psychotherapeutischer Methoden, Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Auch Psychopharmaka können erwogen werden. So könne etwa ein Krebspatient mit schwerer reaktiver Depression oft erst durch eine befristete Therapie mit Antidepressiva in die Lage versetzt werden, seine Erkrankung zu verarbeiten, sagte Heußner auf der von GlaxoSmithKline unterstützten Veranstaltung.

Entsprechend sind Psychoonkologen üblicherweise ärztliche oder Psychologische Psychotherapeuten, die aber zusätzlich über fundierte onkologische Kenntnisse verfügen sollten.

Psychoonkologen nehmen sich Zeit für Patienten

Denn eine häufige Aufgabe von Psychoonkologen ist, Betroffenen die Diagnose, die Therapie und deren positive wie negative Konsequenzen - ohne Zeitdruck - so oft und so lange zu erklären, bis sie sich ausreichend informiert fühlen. Viele Patienten etwa sind überfordert, bei mehreren für sie in Frage kommenden Therapieoptionen nur aufgrund von Studiendaten, die vom Onkologen kurz vermittelt wurden, die für sie beste Entscheidung zu fällen.

Als bedeutsame psychoonkologische Therapieziele nannte Heußner, den Patienten in die Lage zu versetzen, seine Erkrankung zu akzeptieren und Perspektiven aufzuzeigen oder zu finden, wie trotz der Erkrankung ein befriedigendes Leben geführt werden kann. Wichtig ist eine zeitnahe effektive Kontrolle psychischer Reaktionen auf die Erkrankung, also etwa von Angst, depressiven Verstimmungen und Stimmungsschwankungen. Ebenso sind psychoonkologische Aufgaben, die Compliance gegenüber der Krebstherapie zu stützen und notwendige Kommunikationen zwischen Patient, Familie, Behandlern oder Trägern sozialer Leistungen zu sichern.

Derzeit bekommen noch viel zu wenige Krebspatienten, die eine psychoonkologische Unterstützung brauchen, diese auch. Hochrechnungen zufolge sind etwa 30 Prozent aller Krebspatienten so stark belastet, dass eine psychoonkologische Betreuung klar indiziert wäre. Bei entsprechend formulierten Diagnosen wie "gravierende Anpassungsstörung" oder "reaktive Depression" wäre eine solche Hilfe zudem Kassenleistung - vorausgesetzt, der behandelnde Psychoonkologe ist approbierter Psychotherapeut. Dennoch wird bislang nur einem Viertel der Krebspatienten, die eine psychoonkologische Betreuung brauchen, diese auch angeboten.

Um dazu beizutragen, das Versorgungsdefizit zu beheben, wurde mit Unterstützung des Unternehmens und unter führender Mitarbeit von Professor Peter Herschbach von der Sektion Psychosoziale Onkologie der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der TU München die Aufklärungsinitiative "Psyche hilft Körper" ins Leben gerufen.

Unter dem Titel "Sprechstunde für die Seele" wurde bereits ein nach Postleitzahlen geordnetes ausbaufähiges nationales Adressverzeichnis mit bisher schon über 220 psychoonkologisch tätigen Psychotherapeuten erstellt. Das Adressverzeichnis wird aktuell bundesweit an möglichst viele onkologische Kliniken und Praxen sowie an Krebsselbsthilfegruppen verteilt.

Das Verzeichnis kann angefordert werden unter www.gsk-onkologie.de, Rubrik "Informationsangebote für Patienten"

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