Ärzte Zeitung, 04.06.2009

Krebskranke nutzen oft Komplementärmedizin

Bis zu 80 Prozent der Krebspatienten nutzen komplementäre Verfahren. Wissenschaftlich fundierte Behandlungen können dazu beitragen, dass sich die Patienten aktiv am Erfolg beteiligen.

Von Beate Grübler

Akupunktur, die Behandlung mit standardisierten Extrakten der Mistel sowie die Therapie mit Selen und Vitaminen sind häufig genutzte komplementärmedizinische Verfahren in der Onkologie.

Foto: PhotoDisc

Die Komplementärmedizin ist immer noch ein Randgebiet der Onkologie. Zu oft verwechseln Kritiker die Komplementärmedizin - bei der es sich dem Wortsinn entsprechend um eine "ergänzende" Therapie handelt - mit der Alternativmedizin, die sich jeglicher schulmedizinischen Herangehensweise entzieht. Die Komplementärmedizin dagegen stellt sich den Anforderungen der evidenzbasierten Medizin, wie die stetig wachsende Zahl an klinischen Studien belegt.

Mittlerweile sind eine Reihe von Komplementärverfahren in kontrollierten Studien untersucht worden, so dass deren Wirksamkeit nach den strengen Kriterien der evidenzbasierten Therapie beurteilt werden kann. Die zu dieser Thematik passenden Studiendaten aus dem Jahr 2008 hat Dr. Jutta Hübner von der Habichtswald-Klinik Kassel zusammengestellt. Hübner ist Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre onkologische Medizin der Deutschen Krebsgesellschaft. Der Arbeitskreis bemüht sich um eine wissenschaftsbasierte Einordnung der Komplementärmedizin. Häufig genutzte Verfahren, die 2008 wissenschaftlich näher beleuchtet wurden sind etwa die Akupunktur, die Misteltherapie sowie die Behandlung mit Selen und Vitaminen.

Akupunktur gegen Schmerz

Die Akupunktur wird bei Tumorpatienten unter anderem zur Analgesie, Antiemese und Behandlung bei Xerostomie eingesetzt. Weil die Wirkmechanismen der Akupunktur nach den wissenschaftlichen Kriterien der westlichen Medizin schwer nachvollziehbar sind und zudem mehrfach von hohen Placebo-Effekten nach Schein-Akupunktur berichtet wurde, fällt eine objektive Beurteilung schwer. In der Schmerztherapie von Tumorpatienten wurde jedoch in einer 2008 publizierten Studie die signifikante Überlegenheit einer sachgerecht vorgenommenen Akupunktur im Vergleich zu einer medikamentösen Therapie nach dem WHO-Stufenschema nachgewiesen. Allerdings umfasste die Studie lediglich 66 Patienten und stammt aus Asien, wo ein anderes Verhältnis zum Schmerz vorliegt. Bei der antiemetischen Therapie ist der Sachverhalt nicht so eindeutig: Einer Cochrane-Analyse zufolge reduziert Akupunktur zwar das akute Erbrechen in Zusammenhang mit einer Chemotherapie, nicht jedoch das Auftreten von akuter und verzögert einsetzender Übelkeit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Einen positiven Ausgang hatte eine Studie zu Emese-Prophylaxe mit Akupunktur bei Kindern unter hochemetogener Chemo: Die mit Akupunktur Behandelten brauchten weniger antiemetisch wirkende Arzneien und mussten signifikant seltener erbrechen. Dies führte zur Einstufung der Elektroakupunktur als empfehlenswerte nicht-pharmakologische Emese-Prophylaxe in einer internationalen Leitlinie (J Clin Oncol 26, 2008, 3903). Widersprüchlich sind die Ergebnisse zur Wirksamkeit der Akupunktur bei Xerostomie nach Strahlentherapie. Nachdem ältere Studien positiv ausgegangen waren, hat sich dies in einer neuen Studie nicht bestätigt. Allerdings wurde sowohl durch reale Akupunktur als auch durch Schein-Akupunktur der Speichelfluss leicht gesteigert. Subjektiv berichteten die Patienten durchaus von einer Beschwerdelinderung, sofern sie die richtige Akupunktur erhalten hatten.

Misteltherapie bei Brustkrebs

Die im Jahr 2008 veröffentlichten Studien zur Wirksamkeit einer Misteltherapie tragen nicht zur Klärung bei, stellte Hübner fest. Dies betrifft vor allem die Frage, ob die Behandlung mit Mistelpräparaten die Prognose von Krebspatienten verbessern kann. So brachte eine methodisch umstrittene prospektive Kohortenstudie für die Subgruppe der Patientinnen mit Endometriumkarzinom widersprüchliche Ergebnisse. Gleiches gilt für die Auswertung der Patientinnen mit Mammakarzinom. Bei ihnen fand sich in den randomisierten Gruppen kein signifikanter Überlebensvorteil, wohl aber in einer nicht-randomisierten Gruppe.

Im Zusammenhang mit der Lebensqualität zeichnet sich in Studien ein deutlicher Effekt zugunsten der Misteltherapie ab. So berichteten Patientinnen, die über durchschnittlich fünf Jahre während der Brustkrebs-Nachsorge ein standardisiertes Mistelpräparat eingenommen hatten, über weniger allgemeine Beschwerden im Vergleich zu Frauen, die kein Mistelpräparat nutzten (56 Prozent versus 70 Prozent). Auch gab es in der Mistel-Gruppe weniger Fatigue und Schmerzen.

Allerdings könnten sich Frauen, die auf Mistel setzen, in einem anderen sozialen Umfeld bewegen und ein womöglich abweichendes Verständnis von Lebensqualität haben. Insofern sind epidemiologische Erhebungen kein Ersatz für kontrollierte Studien und lassen nur bedingt Nutzenbewertungen zu. Diese Überlegung liegt auch einer Cochrane-Analyse zugrunde, die nur 58 von 80 Studien zur Misteltherapie als methodisch korrekt und vergleichbar einordnete. Die für die Analyse herangezogenen Studien umfassten 3484 Patienten, die mit fünf verschiedenen Mistelextrakten behandelt worden waren.

Selen stimuliert Apoptose

Von 13 Studien, die das Überleben beurteilten, gab es bei sechs Studien Hinweise auf einen positiven Effekt. Von den 16 Studien zur Lebensqualität fielen 14 zugunsten der Misteltherapie aus. Allerdings zeigte sich, wie schon in einer früheren Metaanalyse, dass methodisch schwächere Studien tendenziell eher eine Wirkung belegen als methodisch gute Studien.

Für Selen werden bei Krebs mehrere Wirkungen diskutiert. So sollen Selenmengen im oberen Normbereich die Immunantwort verbessern und hoch dosiertes Selen die Apoptose stimulieren, aber auch toxisch sein. Für eine krebspräventive Wirkung von Selen gibt es Belege für mehrere Tumorarten. Die Untersuchungen wurden aber überwiegend in Selenmangelgebieten vorgenommen. Derzeit wird eine präventive Seleneinnahme nicht empfohlen, zumal auch die zu verwendende Quelle - etwa Selenit, Selenat oder Selenhefe - sowie die Dosis unklar sind.

Selen könnte auch geeignet sein, unerwünschte Wirkungen einer Chemo- oder Radiotherapie zu lindern, so Hübner. Darauf weist eine prospektiv-randomisierte Studie hin, in der 82 Frauen mit operiertem Zervix- oder Korpus-Ca und Selenmangel eine Therapie mit Natriumselenit begleitend zur Radiatio erhalten haben. Sie hatten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Selenapplikation nur halb so oft Diarrhoe sowie einen berechneten Überlebensvorteil von 94 versus 86 Prozent nach fünf Jahren. Der sich abzeichnende Vorteil im krankheitsfreien und im Gesamtüberleben sollte nun in größeren placebokontrollierten Studien geprüft werden, so Hübner.

Generelle Ablehnung ist wenig hilfreich

Die Komplementärmedizin sollte vorbehaltlos betrachtet werden unter der Fragestellung: "Wie lassen sich moderne Therapiekonzepte durch komplementäre Maßnahmen sinnvoll ergänzen?" Denn für Krebskranke, von denen zwischen 40 und 80 Prozent auch komplementäre Verfahren nutzen, ist eine generelle Ablehnung des Nicht-Schulmedizinischen wenig hilfreich. Oft wird die Anwendung zusätzlicher Präparate Ärzten verschwiegen, wodurch Interaktionen unentdeckt bleiben. Andererseits bleibt das synergistische Potenzial der verschiedenen Therapieformen ungenutzt, wenn eine der Säulen - hier die Komplementärmedizin einschließlich Ernährungs- und Sporttherapie - von vornherein ausgeklammert wird.(grue)

 

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