Ärzte Zeitung, 04.02.2010

Weltkrebstag: Bei Krebs setzen Präventionsmediziner außer auf Obst und Gemüse verstärkt auch auf Sport

Die Botschaft zum heutigen Weltkrebstag ist klar: Jeder kann selbst dazu beitragen, sein Krebsrisiko zu verringern. Dazu gehören außer dem Impfen gegen karzinogene Erreger wie Papillomviren vor allem eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung.

Von Ingeborg Bördlein

Weltkrebstag: Bei Krebs setzen Präventionsmediziner außer auf Obst und Gemüse verstärkt auch auf Sport

Weiterhin wichtig zur Krebsprävention: Obst und Gemüse. "5 am Tag" - diese Regel gilt nach wie vor. © dinostock / fotolia.de

Noch vor einem Jahrzehnt sahen die epidemiologischen Daten sehr überzeugend aus: Für viele Krebsarten etwa der Mundhöhle und des Rachens, der Speiseröhre, der Lunge, des Magens sowie in Kolon und Rektum postulierte die internationale Krebsforschungsorganisation WCRF (der World Cancer Research Fund) eine deutliche Korrelation zwischen hohem Gemüse- und Obstkonsum und vermindertem Krebsrisiko. Bei Brust-, Pankreas- und Blasenkrebs war der Zusammenhang zumindest wahrscheinlich. Inzwischen ist Ernüchterung eingetreten. Die Evidenz ist bei fast allen Tumorarten niedriger, beim Brust- und Prostatakrebs wird gar keine Korrelation mehr gesehen, beim Kolon/Rektum- und Lungenkrebs nur eine marginale.

Die "5 am Tag"-Regel muss ergänzt werden

Können wir die "5 am Tag"-Regel, die uns seit Jahrzehnten fünf Portionen Gemüse und Obst pro Tag empfiehlt, also getrost über Bord werfen? "Keineswegs", sagte die Ernährungsforscherin Dr. Clarissa Gerhäuser aus Heidelberg bei einer Veranstaltung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) aus Anlass des heutigen Weltkrebstages. Die Regel gelte weiter, wobei die Ernährung als Krebspräventionsfaktor nicht mehr isoliert, sondern in einem komplexen Zusammenhang gesehen wird, zum Beispiel mit körperlicher Aktivität.

Eine wichtige Präventionsmaxime lautet dabei: Übergewicht vermeiden! Dies bedeute schlicht weniger Kalorien zuzuführen und mehr Sport zu treiben, sagt die Heidelberger Krebspräventionsforscherin Professor Cornelia Ulrich. Sie erinnerte daran: Jeder Dritte in Deutschland ist übergewichtig und fast jeder Vierte adipös. Inzwischen habe fast 60 Prozent der Menschen in Deutschland aufgrund des Übergewichts ein erhöhtes Krebsrisiko.

Die Korrelation ist bei vielen Krebsarten erkennbar. So haben übergewichtige postmenopausale Frauen ein höheres Brustkrebsrisiko. Aber auch das Risiko für Darm-, Nieren-, Pankreas, Kolon- und Zervixkarzinom hängt mit Übergewicht zusammen. Deshalb empfehlen Präventionsmediziner heute zusätzlich zur "5 am Tag"-Regel" - mit der Betonung auf Gemüsekonsum -, zusätzlich noch fünf Mal in der Woche 30 bis 60 Minuten körperlich aktiv zu sein.

Epidemiologischen Daten zufolge haben bekanntlich bewegungsaktive und sportliche Menschen ein geringeres Risiko, etwa an Darm- oder Brustkrebs zu erkranken. Diskutiert werden dabei Einflüsse auf die Hormonproduktion: Mehr Sport bedeutet weniger Östrogene. Aus mehreren Studien geht zudem hervor, dass das Bauchfett für entzündliche Prozesse von Bedeutung ist und damit indirekt wohl auch für die Krebsentstehung. So besteht eine hohe Korrelation zwischen Adipositas und dem C-reaktiven Protein. Und: Das Risiko für Nierenzell- und Lungenkrebs sowie hämatologische Krebserkrankungen steigt um 49, 36 und 30 Prozent, wenn Menschen an einer Parodontitis erkrankt sind.

Sport senkt den Entzündungsparameter CRP

Sportinterventionsstudien haben Ulrich zufolge ergeben, dass ein Sportprogramm über zwölf Monate bei übergewichtigen postmenopausalen Frauen das intraabdominale Fettgewebe und den CRP-Wert im Blut signifikant reduziert. Außerdem werden Effekte des Sports auf die Immunfunktion, den Vitamin-D-Haushalt und DNA-Reparaturmechanismen postuliert. Diese Aspekte werden derzeit ebenso wie die Gen-Umweltinteraktionen am DKFZ erforscht, um anhand der Ergebnisse möglichst maßgeschneiderte Präventionsempfehlungen geben zu können.

Im Visier haben die Forscher darüber hinaus vor Krebs schützende pflanzliche Wirkstoffe, zum Beispiel die Inhaltsstoffe von Brokkoli, der wie alle Kreuzblütler reich an Glucosinolaten ist. Große Fall-Kontroll-Studien zum präventiven Effekt des Brokkoli auf das Prostatakrebs-Risiko ergeben allerdings ein höchst buntes Bild: In einer Studie sieht man gar keinen Effekt, in einer anderen eine 40-prozentige Risikoreduktion.

Gerhäuser untersuchte die Wirkung der Glucosinolate an Tiermodellen für Prostatakrebs und fand sowohl fördernde, als auch hemmende Effekte auf die Tumorproliferation. Die Analyse der Inhaltsstoffe führt also auch nicht weiter, wie die Forscherin einräumt. "Wir brauchen kontrollierte Interventionsstudien, um die präventive Wirkung der Kreuzblütler bei Prostatakrebs besser zu verstehen."

Ziel der UICC-Kampagne ist, dass sich durch einfache Lebensstiländerungen und Maßnahmen wie Impfen, regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und nicht zu rauchen das Krebsrisiko um bis zu 40 Prozent verringert.

Umfassende Infos zum Weltkrebstag bieten unter anderen die International Union against Cancer (UICC) sowie die Deutsche Krebshilfe

Regeln zur Krebsvorbeugung und -früherkennung bietet der Europäischen Kodex gegen Krebs

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