Ärzte Zeitung, 11.10.2010
Interview
"Wir prüfen die onkologische Versorgung"
Am 28. und 29. Oktober findet in Berlin das 1.
Europäische Forum Onkologie statt. Professor Peter Schlag,
Direktor des Comprehensive Cancer Center der Charité Berlin,
ist wissenschaftlicher Berater der Veranstaltung. Im Interview
verrät er, was es mit der neuen Veranstaltung auf sich hat.

Peter M. Schlag ist Professor
für Chirurgische Onkologie an der Charité in
Berlin.
© privat
Ärzte Zeitung: Warum
braucht Europa - zwei Wochen nach der Tagung der Europäischen
Krebsgesellschaft ESMO - einen weiteren internationalen Krebskongress?
Professor Peter Schlag: Das Besondere am
Europäischen Forum Onkologie besteht darin, dass es eben nicht
ein weiterer wissenschaftlicher Kongress ist. Natürlich sind
beim Forum auch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ein Thema. Die
Veranstaltung bringt aber nicht nur Wissenschaftler, sondern auch
Politiker sowie Vertreter der Kostenträger und
Gesundheitsindustrie zusammen. Sie spiegelt damit die Realität
der onkologischen Versorgung wider, die ja nicht nur von
Studienergebnissen abhängt, sondern auch ganz wesentlich
davon, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in die
Versorgungswirklichkeit umgesetzt werden. Diese onkologische
Versorgungswirklichkeit kommt bei uns auf den Prüfstand. Denn
hier gibt es ganz erhebliche Unterschiede, deswegen ist die
europäische Perspektive auch so interessant.
Ärzte Zeitung: Wenn wir
bei Europa bleiben: Wie sehen diese Unterschiede aus?
Schlag: Generell ist der Standard der
onkologischen Versorgung in Europa natürlich relativ hoch.
Aber er ist nicht überall gleich hoch. Wenn wir als Gastgeber
die Szenerie einmal aus deutscher Perspektive betrachten,
müssen wir schon konstatieren, dass wir weder bei den
Heilungsraten noch bei den Überlebenszeiten die
führende Nation in Europa sind. Wir sind nicht schlecht, aber
wir könnten schon noch deutlich besser sein. Eines der Ziele
des Europäischen Forums Onkologie ist, zu hinterfragen, woran
diese Unterschiede liegen. Warum sind die Heilungsraten in Nordeuropa
bei verschiedenen Krebserkrankungen höher als bei uns? Das
liegt sicher nicht nur am Wetter.
Ärzte Zeitung: Es geht
bei der Veranstaltung also um einen Vergleich von Versorgungskonzepten?
Schlag: Das ist das eine. Das zweite ist,
dass konkret in Europa die Regularien der Europäischen Union
zunehmend Einfluss haben auf die Organisation der onkologischen
Versorgung. Da gibt es gute Ansätze, die aber vielen noch zu
wenig bewusst sind, beispielsweise in den Bereichen Vorsorge und
Früherkennung. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Auf der
Veranstaltung wird aber nicht nur die Politik, sondern auch die Medizin
thematisiert. Es werden viele neue Entwicklungen zur Sprache kommen,
verteilt über alle Säulen der Tumortherapie. Das ist
übrigens auch etwas Besonderes: Wir reden nicht nur
über Pharmakotherapie, sondern gleichberechtigt über
die chirurgische und interventionelle Therapie, über die
Radioonkologie und über die neuen immunologischen
Ansätze inklusive Tumorvakzinierung.
Ärzte Zeitung: In
Deutschland wird seit Ulla Schmidt viel Wind um einen nationalen
Krebsplan gemacht. Ist das auch in anderen Ländern ein Thema?
Schlag: In Europa arbeitet fast jedes Land
auf die eine oder andere Weise an einem Nationalen Krebsplan. Das ist
auch ein wichtiges Thema bei dem Forum. Ich denke schon, dass diese
Pläne etwas harmonisiert werden sollten, idealerweise so, dass
die jeweils besten Ansätze umgesetzt werden. Ein Thema mit
einem gewissen Bedarf an internationalem Austausch ist sicher auch der
ganze Bereich Kosten-Nutzen-Bewertungen. Hier gibt es erhebliche
Unterschiede, die natürlich auch damit
zusammenhängen, wie viel Geld in einem Gesundheitssystem zur
Verfügung steht - aber nicht nur. Dass in zwei vergleichbaren
Industrienationen wie England und Deutschland eine Einrichtung wie das
NICE teilweise zu ganz anderen Einschätzungen kommt als unser
G-BA, finde ich schon diskussionswürdig.
Ärzte Zeitung:
Können Sie uns ein paar Eckdaten zu der Veranstaltung geben?
Wie viele Referenten werden erwartet, und auf welchen Vortrag
würden Sie besonders hinweisen wollen?
Schlag: Wir werden an den zwei Tagen circa
50 Referenten in Berlin haben. Ein interessanter Vortrag ist sicher der
von Professor Peter Boyle vom Internationalen
Präventionsforschungsinstitut in Lyon. Er wird uns
darüber informieren, wie sich Krebserkrankungen weltweit und
im Speziellen in Europa derzeit entwickeln. Dass Krebs mit dem Alter
häufiger wird, hat mittlerweile jeder begriffen. Aber das
Alter ist sicher nicht der einzige Einflussfaktor auf die
Krebsinzidenz. Am zweiten Tag redet dann Sandra Radoš Krnel
von der EU über die Verzahnung nationaler Krebspläne
mit der EU-Initiative zur Krebsbekämpfung. Professor Ulrik
Ringbork vom Karolinska Institut wird über die raschere
Umsetzung onkologischer Forschung berichten und Dr. Dirk Holler von
AstraZeneca Versorgungsunterschiede analysieren.
Ärzte Zeitung: Ein Wort
zur Zukunft der Veranstaltung?
Schlag: Die Tatsache, dass wir vom 1.
Europäischen Forum Onkologie reden, deutet schon darauf hin,
dass die Veranstaltung als Serie gedacht ist. Vorerst wird das Forum in
Berlin bleiben. Unser Ziel wird sein, neben der ESMO und der
Organisation of European Cancer Institutes OECI weitere große
europäische Krebsorganisationen einzubinden. Am Ende des
diesjährigen Forums soll von den Teilnehmern ein Memorandum
verabschiedet werden, das sechs bis acht gemeinsame Handlungsfelder
benennt. Die werden dann bei der Nachfolgeveranstaltung im Jahr 2011
wieder aufgegriffen.
Das Interview führte Philipp
Grätzel von Grätz.
Zur Person: Peter M. Schlag
Aktuelle Position: Professor Dr. Dr. Peter
M. Schlag ist seit Mai 2008 Direktor des Charité
Comprehensive Cancer Center.
Werdegang/Ausbildung: Schlag hat seine
chirurgische Ausbildung an der Universität Ulm gemacht.
Karriere: Nach USA-Aufenthalten leitete er
die Chirurgische
Onkologie an der Universität Heidelberg. Schlag ist seit 1992
Professor an der Humboldt Universität Berlin. Seit 2001 war er
der
Medizinische Direktor des Robert-Rössle Krebszentrums.
Das Forum Onkologie
Das Europäische Forum Onkologie 2010 findet am 28.
und 29. Oktober in Berlin im Hotel Concorde statt. Das Forum ist mit 12
Fortbildungspunkten zertifiziert. Informationen und Anmeldung im Web: www.forum-onkologie.eu

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