Direkt zum Inhaltsbereich

Der Standpunkt

Weg mit den Grenzwerten!

Von Michael Hubert Veröffentlicht:

Der Autor ist Redakteur im Medizin-Ressort der "Ärzte Zeitung". Schreiben Sie ihm: michael.hubert@springer.com

Ein Unbekannter hat eine dioxinhaltige Lösung in einen Brunnen der Trinkwasserversorgung von Hamburg gekippt. Eine Sonderkommission ermittelt. Dies ist nur eine Fiktion.

Doch was würde dem Täter drohen, bekäme die Justiz ihn in die Hände? Geldstrafe, Bewährungsstrafe? Nein! Die Anklage hieße: Mordversuch. Er würde zumindest wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung in den Knast müssen - auch dann, wenn der Dioxinwert beim Wasser aus dem Hahn unter dem Grenzwert liegt.

Und das ist eines der Probleme beim aktuellen Dioxinskandal: der Grenzwert - im Lebensmittelrecht. Denn er wird verstanden im Sinne von "bis hierhin darf Dioxin im Produkt sein".

Auch jetzt sind wohl Futtermittelhersteller bis an diese Grenze gegangen - und haben sie manchmal doch überschritten.

Mitunter wird der Begriff Grenzwert noch "kreativer" interpretiert: "Ohne Grenzwert für Substanz X darf unbegrenzt davon im Lebensmittel sein" - praktiziert vor Jahren im Tomatenmark-Skandal.

Damals wurden große Mengen von Pilzsporen in Tomatenmark gefunden. Es hieß, "es gibt doch gar keine Grenzwerte dafür". Immerhin ging das vor Gericht nicht durch.

Nun hat eine toxische Substanz wie Dioxin nichts, aber auch gar nichts in Lebensmitteln zu suchen. Weder im Tierfutter, im Tier, seinem Fleisch, noch in tierischen Produkten wie Eiern und Milch.

Für die simple Botschaft "Gift hat nichts im Essen zu suchen", braucht es keine Grenzwerte. Dabei ist klar: Weniger Dioxin als in der Umwelt, kann auch im Ei nicht sein.

Es gibt halt eine natürliche, nicht vermeidbare Belastung. Nur mehr darf es dann auch nicht sein. Klar ist auch: Die natürliche Belastung differiert. Ein Raubfisch ist stärker mit Quecksilber belastet als seine Beutetiere.

Wer über das nicht vermeidbare Maß hinaus Dioxin in seinen Produkten hat, begeht Körperverletzung. Wer minderwertiges dioxinhaltiges Futter liefert, begeht Betrug.

Neue Gesetze sind nicht nötig, wir haben das Strafrecht. Wir brauchen nur Gerichte, die ihre Spielräume auch ausschöpfen. Und: Weg mit den - juristischen - Grenzwerten!

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Vergleich mit Dermatologen

Künstlich intelligente Melanom-Diagnostik scheint verlässlich

G-BA-Beschluss

Kein Zusatznutzen mehr für Orphan Drug Ivosidenib

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Kommentare
Dr. Horst Grünwoldt 21.01.201120:33 Uhr

Grenzwerte

Sofern sie toxikologisch begründet sind, sind Grenzwerte von Inhaltsstoffen in Lebensmitteln sinnvoll. Wenn allerdings, -wie im gegenwertigen sog. Dioxinskandal-, im pikogramm-Meßbereich von 2-3- fachen Überschreitungen der Grenzwerte Verbraucherpanik verursacht wird, so ist das nach m.E. unsinnig. Bei solchen, an der Nachweisgrenze liegenden Dimensionen, sollte man vom Vergiftungsrisiko erst bei 10-facher Überschreitung und Dauerkonsum des kontaminierten Lebensmittels sprechen und dem angemessene Risikoeinschätzungen von amtlicher Seite veröffentlichen. Schließlich rechnen wir bei pH-Wertbestimmungen auch in Logarithmen oder Zehnerpotenzen.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt aus Rostock

Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Vorteile von Vamorolon

© Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, modifiziert nach [3−5, 6]

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Neue Perspektiven für die Versorgung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, München

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kleine konkrete Schritte

So lassen sich Patienten zu mehr Therapieadhärenz motivieren

Lesetipps
Eine Frau liegt entspannt vor dem Meer in einer Hängematte.

© Peera_Sathawirawong / Getty Images / iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodell(en))

Dritthäufigste Reiseerkrankung

Reisedermatosen: Wie vorgehen bei den drei häufigsten Tropenparasiten?

KI erleichtert Hackern Angriffe ernorm. Praxen sollten zumindest einmal überlegen, ob sie sich gegen solche Störungen absichern wollen, etwa mit Blick auf den Betriebsstillstand.

© Klaus Ohlenschläger / picture alliance

Für wenige Hundert Euro im Jahr

Warum Ärzte über eine Cyberversicherung nachdenken sollten