Ärzte Zeitung, 29.06.2011

Ärzte würden für sich die riskantere Therapie wählen

"Wie würden Sie entscheiden?" wurden Ärzte zu ihrem Therapieverhalten in bestimmten Krankheitssituationen gefragt. Das überraschende Ergebnis: Sie selbst würden für sich eine riskantere Strategie wählen, als sie ihren Patienten empfehlen würden.

Von Pete Smith

Ärzte würden die riskantere Therapie wählen

Chancen und Risiken einer Behandlung gegeneinander abwägen - sollten da auch Emotionen ins Spiel kommen?

© photos.com

FRANKFURT/MAIN. Die Therapie, die Ärzte einem ernsthaft erkrankten Patienten empfehlen, unterscheidet sich in vielen Fällen von jener, die sie wählen würden, wären sie selbst erkrankt.

Tendenziell nähmen sie für sich selbst höhere Risiken in Kauf, wenn sie dadurch die Nebenwirkungen mindern könnten, ihren Patienten dagegen würden sie eher zu einer weniger riskanten Behandlung raten, wie aus einer Studie hervorgeht (Arch Intern Med 2011; 171: 630).

Professor Peter A. Ubel von der Durham University im US-Bundesstaat North Carolina und seine Kollegen entwickelten zwei Szenarien, in die sich die von ihnen befragten Internisten und Allgemeinmediziner hineinversetzen sollten.

Erstes Szenario: Darmkrebs

In einem ersten Test mussten sich die Ärzte vorstellen, dass sie selbst oder einer ihrer Patienten an Darmkrebs erkrankt seien. Zwei chirurgische Eingriffe standen zur Wahl. Beide versprachen bei 80 Prozent der Patienten eine vollständige Heilung.

Während in Folge der ersten Operation 16 Prozent der angenommenen Patienten innerhalb von zwei Jahren starben, waren es bei der zweiten Operationsmethode 20 Prozent.

Allerdings litten im ersten Fall je ein Prozent der Patienten nach der Therapie an chronischem Durchfall, Darmverschluss und Wundinfektionen oder benötigten einen künstlichen Darmausgang.

Fast 38 Prozent der 242 befragten Ärzte wählten für sich selbst die Operationsmethode mit der höheren Sterberate, aber nur 24,5 Prozent würden diese Therapie auch ihrem Patienten empfehlen.

Zweites Szenario: Neuer Virus-Stamm der Vogelgrippe

In einem zweiten Szenario wurden 698 Mediziner damit konfrontiert, dass es in den USA eine Epidemie mit einem neuen Virus-Stamm der Vogelgrippe gebe. Während sich die Hälfte der Ärzte vorstellen sollte, dass sie selbst infiziert seien, galt es für die anderen, einen infizierten Patienten zu behandeln.

Dabei gab es nur eine Therapieoption - eine Behandlung mit Immunglobulinen. Ohne die Einnahme von Immunglobulinen würden zehn Prozent der Patienten sterben und 30 Prozent durchschnittlich eine Woche lang im Krankenhaus zubringen müssen.

Dagegen ließe eine Therapie mit Immunglobulinen eine Sterberate von einem Prozent erwarten, wobei jedoch vier Prozent der Behandelten mit dauerhaften Lähmungserscheinungen zu rechnen hätten.

Fast 63 Prozent der befragten Ärzte entschieden sich im Fall einer eigenen Infektion gegen die Immunglobulin-Therapie, während nur 48,5 Prozent auch ihren Patienten davon abrieten.

"Ärzte denken anders, wenn sie für sich Entscheidungen treffen"

"Wenn Ärzte Therapieempfehlungen aussprechen, denken sie anders, als wenn sie für sich selbst Entscheidungen treffen", folgern die US-amerikanischen Wissenschaftler.

"Unter Umständen - zumal wenn Emotionen auf rationale Entscheidungen einwirken - kann dieser Perspektivwechsel durchaus zu besseren Entscheidungen führen."

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