Ärzte Zeitung, 11.12.2011

Gläschen in Ehren - besser verwehren?

Gut fürs Herz, aber krebsfördernd? Schon kleine Mengen Wein täglich können das Risiko für Brust-, Darm- und Leberkrebs steigern, zeigen neue Studien.

Von Friederike Hörandl

Disziplin beim Lebensstil mindert Krebsrisiko

Rotwein in Maßen ist gut fürs Herz. Doch gibt es Hinweise, dass er das Risiko für Darmkrebs erhöht.

© Kzenon / fotolia.com

KREMS. Die Bedeutung von Alkohol für die Gesundheit muss neu bewertet werden: Ein bis zwei Gläser Wein pro Tag wirken sich als Herz-Kreislauf-Prophylaxe positiv aus, doch scheint das Risiko, an Brust- oder Darmkrebs zu erkranken, auch schon bei kleinen Mengen zuzunehmen.

Deutliche Hinweise gibt es auch darauf, dass die Kombination aus Übergewicht und Null-Bewegung unter dem Aspekt der Krebsvorsorge ebenso schädlich ist wie Rauchen.

Zwei große Kohortenstudien in Europa und den USA mit 500.000 und 800.000 Teilnehmern liefern nun erste weitgehend übereinstimmende Ergebnisse in Hinblick auf die Wechselwirkung von Gesundheit und Ernährung.

Danach müssen Ernährungsgewohnheiten vor allem im Zusammenhang mit der Krebsvorsorge neu überdacht werden. Das diskutierten führende Wissenschaftler beim dritten Europäischen Forum für evidenzbasierte Gesundheitsförderung und Prävention (EUFEP) in Krems.

Krebs bis zu zehnfach häufiger

Dass sich der Lebensstil deutlich auf das Krebsrisiko auswirkt, legen die bis zu zehnfachen Unterschiede im Auftreten einzelner Krebsarten zwischen verschiedenen Ländern nahe. Welche Bedeutung die Ernährung hat, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt.

Eine deutliche Gefahr durch die viel diskutierten gesättigten Fette bestätigt sich bisher nur für das Herz-Kreislauf-System. Rind-, Lamm- und Schweinefleisch müssen demnach allerdings differenzierter betrachtet werden als bisher.

"Rotes Fleisch und Fleischprodukte steigern durchaus das Risiko für Darm- und Magenkrebs, jedoch auch jenes für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und höhere Gesamtsterblichkeit, womit die möglichen biologischen Mechanismen dieser vielfachen Assoziationen noch ungeklärt sind", sagte Professor Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Wer an die 80 Gramm rotes Fleisch pro Tag verzehrt, steigert offenbar sein Darmkrebs-Risiko um bis zu 40 Prozent. Wer hingegen Fisch und Geflügel isst, scheint das Risiko zu senken.

"Wir wissen allerdings nicht, ob Menschen, die vorwiegend rotes Fleisch essen, nicht auch noch andere Vorlieben hinsichtlich ihres Lebensstils entwickeln. Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, dass wir damit eine exakte Ursache für das Entstehen von Darmkrebs gefunden haben", sagte Kaaks.

 Risiko mit jedem Gläschen erhöht

Vor Krebs schützt vor allem auch die Zurückhaltung beim Alkohol. Das betrifft nicht nur die bereits bekannten Krebsarten wie Speiseröhren-, Rachen- oder Mundhöhlenkrebs, bei denen man durch viel Trinken (eine Flasche Wein pro Tag) und Rauchen das Erkrankungsrisiko bis zum Hundertfachen steigert.

Während ein Glas Wein pro Tag für das Herz-Kreislauf-System und für die Gesamtsterblichkeit eine positive Wirkung zeigt, gilt das für Krebs nicht: "Auch schon in kleinen, täglichen Mengen kann das zu einer Risikosteigerung vor allem für Brust-, Darm- und Leberkrebs führen", sagte Kaaks.

Mit 3 bis 4 Gläsern Wein pro Tag steigt die Risikozunahme, an Darmkrebs zu erkranken, auf 40 bis 50 Prozent. Bei Brustkrebs scheint sich das Risiko pro Glas Alkohol täglich um 5 bis 8 Prozent zu erhöhen.

Den stärksten Effekt für eine Krebserkrankung sieht Kaaks im Rauchen. Ähnlich stark wirke sich allerdings die Kombination aus Übergewicht und Null-Bewegung aus.

Daher empfiehlt die führende internationale Krebspräventions-Plattform WCRF, sich zu disziplinieren, eine Gewichtszunahme und damit Übergewicht zu vermeiden und sich körperlich zu betätigen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass körperliche Bewegung das Risiko senkt", sagte Kaaks.

[12.12.2011, 14:33:01]
Doris Wroblewski 
Differenzierte Studien
Mich wundern immer die pauschalen Aussagen "rotes Fleisch" "Alkohol". Gibt es denn auch Untersuchungen darüber, welche Art von Wein die Betreffenden zu sich genommen haben, ob biologisch angebaut, ohne Pestizide usw. wie hoch der Schwefelgehalt war oder ob weitgehend in Eichenfässern konserviert usw. Ähnliche Unterschiede gibt es doch auch bei den festen Nahrungsmitteln. Wie wurden die Tiere gehalten, im Freiland, wie wurden sie gefüttert, usw.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Krebsentstehung, die Mutation der Zellen sehr stark von der Qualität der Nahrung abhängt.
Doris Wroblewski, www.azidosetherapie-online.de zum Beitrag »
[12.12.2011, 14:03:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ist der Mensch n u r das, was er isst (und trinkt)?
Alkohol ist leichter als Wasser. In einer 0,5 Liter Bierflasche mit 4,5 Vol. % sind 18 Gramm nach der Formel zur Berechnung des Alkoholgehalts: Menge in ml x Angabe Volumenprozent geteilt durch 100 x 0,8. Ein kleines Glas mit 125 ml bzw. 1/8 Liter Wein und 13 Vol. % beinhaltet 13 Gramm reinen Alkohol.

Die hier erwähnte g a n z e Flasche Wein pro Tag u n d Rauchen steigern das Erkrankungsrisiko deswegen erheblich, weil damit achtundsiebzig (!) Gramm reiner Alkohol aufgenommen werden. Das sind im Jahr knapp 28,5 Kilogramm! Von der Nikotin- und Teeraufnahme durch entsprechende Zigaretten "packyears" noch ergänzt.

Unseriöse, statistisch hochspekulative und entlarvende Formulierungen sind: "können das Risiko ... steigern", "Hinweise, dass ... Risiko ... erhöht" bzw. "scheint das Risiko, an Brust- oder Darmkrebs zu erkranken, auch schon bei kleinen Mengen zuzunehmen", "legen ... Unterschiede ... nahe" oder "Fisch und Geflügel ... scheint das Risiko zu senken". Zum Thema Alkoholproblematik passt überhaupt nicht "dass die Kombination aus Übergewicht und Null-Bewegung ... ebenso schädlich ist wie Rauchen". Es konkludiert aber mit dem Übereifer, den manche Wissenschaftler beim 3. Europäischen Forum für evidenzbasierte Gesundheitsförderung und Prävention (EUFEP) in Krems/Österreich öffentlich machen.

Punkt 1: Es gibt keine validen Daten für eine Nullhypothese, d. h. wer nie raucht, trinkt, rotes Fleisch isst, kein Übergewicht hat und ständig in sportlich-aktiver Bewegung war, kann t r o t z a l l e m an Krebs erkranken.

Punkt 2: Ein Rückrechnen von Hochrisikoverhalten und Krebserkrankungen auf ein niedrigschwelliges Anfangsrisiko im Sinne eines linearen Modells o h n e eine minimale Belastungsschwelle ("linear no-threshold model") ist schon allein wegen Reparatur- ("DNA-RNA-repair") und Regulationsmechanismen auf zellulärer Ebene unwahrscheinlicher als eine spezifische Ereignisschwelle. Dafür sprechen auch die widersprüchlichen Daten aus verschiedenen Ländern und Ethnien (Stichwort "french paradoxon").

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Epidemiologische Kaffeesatzleserei?

Verursacht oder verhindert der Konsum von Kaffee Krankheiten? Die Klärung solcher Fragen zur Ernährung ist methodisch ein richtiges Problem. mehr »

Trotz Budgetierung gute Chancen auf Mehrumsatz

Seit vier Jahren steht das hausärztliche Gespräch als eigene Leistung im EBM (03230) . Immer wieder ist daran herumgeschraubt worden. mehr »

Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Ein achtjähriger Junge mit einer tragischen Krankheitsgeschichte bekommt zwei neue Hände. Die Op ist ein voller Erfolg: Anderthalb Jahre später kann er schreiben, essen und sich selbstständig anziehen. mehr »