Ärzte Zeitung online, 04.02.2012

Körperfett - ein reiches Reservoir an therapeutischen Zellen

Plastische Chirurgen an der Medizinischen Hochschule Hannover nutzen mit Stammzellen angereichertes körpereigenes Fettgewebe, um unter anderem schwer strahlengeschädigte Hautareale zu rekonstruieren.

Von Thomas Meißner

Körperfett - ein reiches Reservoir an therapeutischen Zellen

Eine Patientin mit ausgedehntem Radioderm im Schulterbereich nach einer Bestrahlungstherapie.

© MHH

HANNOVER. Das Fettgewebe ist reich an pluripotenten Vorläufer zellen, den ASC (adipose-derived stem cells). Sie lassen sich relativ einfach gewinnen, nämlich per Liposuktion. Noch im OP können die Zellen aus dem abgesaugten Fett isoliert werden.

Genau dies praktizieren Professor Peter Vogt und sein Team von der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) seit einiger Zeit.

 Patienten, bei denen früher aufwändige Lappenplastiken notwendig waren , um große Kontur defekte oder Narbenfelder zu versorgen, erhalten stattdessen an der MHH immer öfter ASC-Injektionen - ein fundamentaler Konzeptwechsel der Therapie strategie.

Aus abgesaugtem Fett erhält man Vorläuferzellen

So beschreibt Vogt den Fall einer Frau, die nach einer Bestrahlungstherapie ein ausgedehntes Radioderm im Schulterbereich aufwies. Eigentlich war ein großer und aufwändiger rekonstruktiver Eingriff geplant. Vogt und sein Team entschieden sich für die Alternative.

Sie entfernten zunächst die strahlenbedingt aufgetretenen Verkalkungen und saugten an entsprechenden Körperstellen Fett ab. Aus diesem Fett wurden mit einem speziellen Gerät die ASC in mehreren Schritten heraus gewaschen und isoliert.

Aus fünf Litern abgesaugtem Fett erhalte man etwa eine Million Vorläuferzellen, erklärt Vogt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Sie werden als konzentrierte Suspension dem Patienten mit kleinen Nadeln in das narbige oder ulzeröse Gewebe gespritzt.

Behandeltes Gewebe wird fülliger und elastischer

Das behandelte Gewebe verändert sich dort nun innerhalb der nächsten Wochen deutlich: Die Durchblutung nimmt erheblich zu, die Patienten spüren eine Auflockerung des Gewebes, die Haut wird fülliger, elastischer und lässt sich besser verschieben. Im Fall der oben beschriebenen Patientin verbesserte sich dadurch zudem die Schultergelenksbeweglichkeit.

Körperfett - ein reiches Reservoir an therapeutischen Zellen

Nach der ASC-Injektion ist das Gewebe besser durchblutet, zudem bessert sich die Beweglichkeit des Schultergelenks.

© MHH

Diese Effekte seien in erster Linie auf die angiogenetischen Wirkungen der ASC zurückzuführen, sagt Vogt. Die Zellen haben parakrine Eigenschaften, die in die Umgebung wirken und es wird davon ausgegangen, dass die ASC sich zu Gefäßzellen und Fettzellen differenzieren.

Die Chirurgen der MHH haben das Verfahren inzwischen bei mehreren Patienten angewendet.

Außer für schlecht durchblutete Gewebe areale und Narben sieht Vogt Anwendungsmöglichkeiten bei schweren Konturdefekten wie sie nach thoraxchirurgischen Eingriffen in der Kindheit auftreten, bei Rekonstruktionen minder- oder fehlentwickelter Brüste oder nach Mittelgesichtstraumata mit ausgedehnten Narbenzonen.

Allerdings sind viele Wirkungen der ASC noch ungeklärt, weshalb an der MHH auch Grundlagenforschung betrieben wird. Dies betrifft etwa die Kommunikation der ASC mit anderen Zellen, das Ausmaß der Angioneogenese oder das Potenzial der Vorläuferzellen, andere Gewebe wie Knorpel und Knochen zu bilden.

Beeinflussen sich ASC und Tumorzellen gegenseitig?

Nicht abschließend geklärt ist zudem, inwiefern ASC pro- oder antikarzinogenes Potenzial besitzen. "Man muss aufgrund des hohen angiogenetischen Potenzials grundsätzlich das Risiko der Karzinogenese bedenken", sagt Vogt und verweist auf das bekannte Phänomen, dass gerade in gut durchbluteten Arealen nach Lappenplastiken ebenfalls Tumorbildungen beobachtet werden.

Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, wie sich ASC und Tumorzellen gegenseitig beeinflussen. Des Weiteren können sich nach ASC Behandlungen Knoten oder kleinere Abszesse bilden, wenn doch keine ausreichende Vaskularisierung erreicht wird. Insgesamt stellt Vogt jedoch eine große Zufriedenheit bei den Patienten fest, zumal ausgedehnte kosmetische Eingriffe vermieden werden können.

*World J Stem Cells 2011, 3(4): 25-33

Pluripotente Zelltypen des Fettgewebes

Das Interesse an pluripotenten Zelltypen aus dem Fettgewebe als Quelle für therapeutische Anwendungen hat stark zugenommen, vor allem da sie leicht und in großen Mengen zu gewinnen sind.

Die als Adiposed-derived Stromal Cells (ADSC) oder Adiposed-derived Stem Cells (ASC) bezeichneten Zellen kommen in 100- bis 500-fach höherer Konzentration im Fettgewebe vor als die mesenchymalen Stammzellen (MSC) des Knochenmarks.

ASC sind in der Lage, in ihrer jeweiligen Umgebung Gewebefunktionen zu unterstützen und immunologische Vorgänge zu modulieren. Man geht davon aus, dass dies durch ihre parakrinen Aktivitäten ausgelöst wird - Fettgewebe gilt ja als endokrin hoch aktiv.

In ischämischer Umgebung entfalten ASC starke angiogenetische Eigenschaften, was für kardiovaskuläre Krankheitsbilder sowie Wundheilungsstörungen interessant ist. Der angiogenetische Effekt soll stärker als jener der MSC sein.

Man hofft, auch Knorpelzellen und Knorpel aus ASC generieren oder chronische perianale Fisteln mit ihrer Hilfe schließen zu können. In Tiermodellen waren ASC in der Lage, die Autoimmunantwort in frühen Phasen der MS zu unterdrücken und die lokale Neuroregeneration anzuregen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Warum strampeln wirklich das Herz schützt

Eine Studie ergibt: Wer regelmäßig mit dem Fahrrad statt mit dem Auto oder Bus zur Arbeit fährt, senkt sein kardiovaskuläres Risiko. Doch die Forscher fanden auch Ungereimheiten. mehr »

WADA beweist Doping von über 1000 russischen Athleten

Die Welt-Anti-Doping Agentur (WADA) hat heute die Ergebnisse ihrer Ermittlungen zur staatlichen Dopingpolitik in Russland vorgelegt. mehr »

Älteste Pockenviren entdeckt

Die Mumie von Pharao Ramses V. weist Narben auf – Bislang dachte man, er sei an Pocken gestorben. Neue DNA-Forschungen bei einer anderen Mumie ergeben jedoch, dass der tödliche Erreger vielleicht gar nicht so alt ist. mehr »