Ärzte Zeitung, 05.03.2012

Hintergrund

Krebs: Wer mit Kindern spricht, braucht Mut und Feingefühl

Um einem Kind beizubringen, dass Vater oder Mutter an Krebs erkrankt sind, ist ein Höchstmaß an Sensibilität erforderlich. Deshalb wird häufig einfach nur geschwiegen. Doch dann ist die Gefahr groß, dass Kinder massive Ängste oder Schuldgefühle entwickeln.

Von Christian Beneker

Krebs: Wer mit Kindern spricht, braucht Mut und Feingefühl

Musiktherapeutin Marie-Luise Zimmer

© privat

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wer mit Kindern über Krebs sprechen will, braucht Mut, Aufrichtigkeit und Feingefühl. Das Gespräch mit den jüngsten Familienangehörigen über ihre eigene Erkrankung oder die eines Elternteils sei nicht nur eine Aufgabe von Eltern, sondern auch von Ärzten, meint die Bremer Musiktherapeutin Marie Luise Zimmer: "Alle haben die Verpflichtung zur Wahrheit."

Die Therapeutin hat in den vergangenen zehn Jahren rund 300 Familien betreut, in denen ein Mitglied an Krebs erkrankt war. Kinder und Jugendliche brauchen in so schwierigen Situationen "die Wahrheit in kindgerechter Form", sagt Zimmer.

Hausärzte und Onkologen sollten anbieten, bei Gesprächen dabei zu sein. Kinder sind wie Seismographen. "Selbst ein Kleinkind, das noch nicht sprechen kann, merkt, wenn ihm die Eltern oder der Arzt etwas vormachen", sagt Zimmer. Schweigen ist kein Schutz.

Ist Mama krank, weil ich etwas falsch gemacht habe?

Wer aber auf ebenso schlichte wie mitfühlende Erklärungen verzichtet, überlässt Kinder und Jugendliche ihren Ängsten und ihren abwegigsten Vorstellungen, von dem, was mit den Eltern irgendwo, irgendwie geschieht. Wie ein dunkler Spiegel reflektieren Kinder alle möglichen fast magischen Vorstellungen, die es über Krebs gibt.

"Manche Kinder entwickeln ein ausgeprägtes Schuldbewusstsein", so Zimmer, "sie glauben, Mama ist krank weil sie das Spielzeug der Schwester kaputt gemacht haben." Oder die Kinder fürchten eine Ansteckung.

"Diese Vorstellung habe ich auch bei gestandenen Männern und Frauen erlebt, die einen Angehörigen auf der Palliativstation hatten." Andere Kinder machen sich Horrorvorstellungen von "Tieren, die Mamas Brust auffressen", sagt Zimmer.

Direkt fragen, was Kinder sich vorstellen über Krebs und Therapien

Solchen Fantasien können Ärzte und Eltern begegnen, wenn sie die Kinder auch fragen: Was glaubst Du denn, was eine Chemotherapie ist? Was stellst du dir unter einer Operation vor? Was meinst du, was das für eine Krankheit ist? "Dann ist man ganz schnell beim Kern dessen, was die Kinder und Jugendlichen wirklich beschäftigt", sagt Zimmer.

Wenn nicht offen und kindgerecht über Krebs gesprochen wird, dann vergraben sich Familien stattdessen in einem Schweigepakt. Oft pflegen die Kinder ihre kranken Eltern über Jahre hinweg und werden in eine Erwachsenwelt geschleudert, die gar nicht ihre ist.

"Dabei wollen sie nur so normal sein, wie alle ihre Freunde auch", sagt Zimmer. "Darum haben sie große Angst, den Schweigepakt zu brechen und kämpfen unter Umständen mit großen Schuldgefühlen der ganzen Familie gegenüber, wenn sie ihrem Herzen doch Luft machen. Wir nennen das die Ausbrecherschuld."

Immer, wenn Kinder krebskranker Eltern besonders brav und hilfreich zu sein scheinen, "dann sollten Ärzte hellhörig werden", empfiehlt Zimmer, "dann haben sie den Schweigepakt geschlossen."

Nur die Diagnose aussprechen reicht nicht

Aber die Wahrheit über eine Krebs-Erkrankung besteht nicht nur im Aussprechen der bruta facta. "Ich habe erlebt, dass ein Klinik-Arzt die Eltern im Krankenhaus-Fahrstuhl über die Krebserkrankung ihres Kindes aufgeklärt hat und dann gegangen ist", berichtet Zimmer, "so geht das natürlich nicht - auch mit Kindern nicht."

Eltern und Ärzte sind für die betroffenen Kinder ein Modell des Umgangs mit der Krankheit - und mit der Wahrheit über sie. Die Wahrheit besteht zum Beispiel auch in ihrer Dosierung.

"Niemand sollte den Kindern alle möglichen medizinischen Prozeduren genau erklären, die vielleicht in zwei Jahren angewendet werden oder den genauen Ablauf einer Operation. Sondern es geht immer darum, auszusprechen, was jetzt dran ist", sagt Zimmer.

Ist keine Heilung möglich, dürfen Kinder auch das wissen

Denn Kinder wollen wissen: Was machen die Ärzte jetzt mit Mama oder Papa? Wie lange dauert das? Wo ist das? Wer macht das? Und wenn keine Heilung mehr möglich ist, dann darf das Kind auch das wissen.

"Dann ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen zu sagen, 'Ich kann nicht mehr gesund werden, aber die Medizin tut alles, damit ich keine Schmerzen habe‘."

Auch wenn die Kinder selber erkranken, brauchen sie einfühlsame Erklärungen. Die Deutsche Kinder- Krebsgesellschaft bietet dazu Bilderbücher an. Da erklären Chemo-Kasper und Radio-Robby, wie eine Krebsbehandlung genau funktioniert.

Keine falschen Versprechungen machen

Die Wahrheit besteht auch in der Aufrichtigkeit, sagt Zimmer. "Bloß keine falschen Versprechungen und keine falschen Tröstungen!", empfiehlt die Therapeutin. "Und wenn die Eltern traurig sind, sollten sie den Kindern ihre Trauer nicht verheimlichen. Wenn Tränen fließen, dann fließen Tränen.

Kinder hopsen von einer Gefühlslage in die andere, das ist für sie normal. Und das normale Leben ist genau das, was sie brauchen."

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